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Ein Mädchen mit gezähmtem Äffchen im Amazonas Regenwald in Brasilien.

Indigene Völker

Am Rand der modernen Zivilisation

Der Fotograf Markus Mauthe zeigt die Schönheit des Lebens im Einklang mit der Natur. Und macht deutlich, was auf dem Spiel steht. Ein Gespräch.

Herr Mauthe, einen so schönen Bildband wie den Ihren hält man selten in den Händen. Trotzdem: Ist der Titel „Lost“ nicht sehr pessimistisch?  
Der Titel ist ein Kind des Verlages, der Untertitel „Menschen an den Rändern der Welt“ ist von mir. An beiden haben sich heiße Diskussionen entzündet, beide sind interpretierbedürftig, aber auch wichtig. Natürlich ist „Lost“, also das Verloren sein, in gewisser Weise pessimistisch, es gibt aber auch die Gesamtlage wieder, wenn man alle Faktoren kulturellen, ökologischen und sozialen Wandels einbezieht. Mein Thema als Fotograf ist der Wandel, vorzugsweise der Wandel der Ökosysteme. In diesem Projekt hat mich interessiert: Was passiert mit Menschen, die näher an der Natur dran sind als wir. „Lost“ ist also durchaus treffend: Es wird diese Leute auch in 50 Jahren noch geben, aber die Kultur, das soziale Gefüge geht verloren. Wie leben denn die Menschen an den Rändern der Welt? Bevor ich das Projekt angefangen habe, wusste ich natürlich, dass ich auf Menschen treffen würde, die vor zehn Jahren noch ganz anders gelebt haben als vor hundert oder vor tausend Jahren. Spannend war es zu sehen, wie schnell dieser Wandel vonstatten geht. Es gibt heute noch ganz, ganz wenige kleine Gruppen, die etwa im Amazonasgebiet ungestört leben. Die sollte man auch gütlichst in Ruhe lassen. Da hoffe ich, dass sie noch ein paar Jahre ihren Frieden haben. Das ist aber wohl nur noch eine Frage der Zeit. Der Arm der Zivilisation reicht heute bis in die letzte Nische. Rohstoffe gibt es überall, und Klimawandel und Verschmutzung sind nicht an Grenzen gebunden.

Wie entstand Ihr Projekt, aus dem Sie ja nicht nur ein Buch, sondern auch eine Vortragsreihe für Greenpeace gemacht haben?
Ich habe drei Jahre daran gearbeitet, habe mir die Lebensräume des Menschen ausgesucht, die relevant sind, Eis, Wasser, Wald, Wüste, Savanne. Das waren 13 Reisen in drei Jahren. Es ist schwer zu sagen, wie viele Fotos ich in dieser Zeit gemacht habe. Nicht alles, was ich aufhebe, ist relevant. Es sind vielleicht 8000 Bilder übrig geblieben, davon 1000 wichtige, würde ich schätzen.

Himbafrauen auf ihren Eseln in der Wüste von Namibia.

Haben Sie Fotos, an denen Sie besonders hängen?
Es gibt ein paar Bilder, die für mich ikonenhaft herausstechen. Da ist zum Beispiel ein Bild mit zwei Indigenen auf einem Einbaum im Amazonas. Der eine paddelt, der andere steht vorne mit Pfeil und Bogen. Die Szene ist im Morgenlicht, die Sonne geht grade auf, und auf dem Wasser liegt Nebel. Das finde ich fotografisch sehr schön und auch sehr aussagekräftig. Sie sind einfach mit mir in der Dunkelheit losgelaufen, um mir zu zeigen, wie sie früher gefischt haben. Dass dann die Sonne und der Nebel kamen, das war schon Glück. Manche Dinge kann man eben nicht planen, das muss man im richtigen Moment erkennen und umsetzen.

Aber man muss ja erst einmal Kontakt knüpfen, Vertrauen schaffen.
Ich habe immer einen Guide dabei. Das geht gar nicht anders. Ich bin im Auftrag von Greenpeace unterwegs, das heißt, ich habe eine Schulung durchlaufen, wie man sich im Kontakt mit indigenen Völkern verhält. Manchmal habe ich auch noch einen zweiten einheimischen Führer, der für meinen Guide übersetzt. Dort, wo kein Tourist hinkommt, sind das oft langwierige Prozesse.

Sie sind nicht nur Fotograf, sondern auch Umweltaktivist. Das Schöne und das Schreckliche, wie passt das zusammen?
Das Buch ist Teil eines Multimediaprojekts. Mein Hauptberuf ist Referent, ich steige auf Bühnen und mache Shows. Das Buch ist der künstlerische Ausdruck, sozusagen eine Galerie. Da zeige ich keine brennenden Wälder oder irgendwelche grauenhaften Dinge, sondern es ist in erster Linie der Schönheit der Fotografie und der Motive gewidmet. Mit diesem Buch wollte ich die Vielfalt der Kulturen zeigen, die in der Form noch da sind, aber verschwinden.

Sind die Bilder nicht eigentlich zu schön?
Dass das alles in Gefahr ist oder verschwindet, erschließt sich dem Betrachter erst, wenn er die Texte liest. Ich arbeite mit schönen Bildern, um die Menschen für etwas zu begeistern. Der Wandel lässt sich nicht aufhalten. Wir leben heute auch anders als vor 150 Jahren. Wofür ich kämpfe, ist der Erhalt der Natur, der Lebensgrundlage für uns alle. Wenn der Regenwald zerstört wird, geht er nicht nur für die Indigenen kaputt! Auch wir brauchen intakte Natur als Lebensgrundlage.

Sie sind 1969 in Friedrichshafen am Bodensee geboren. Das ist ja nicht grade der Nabel der Welt. Wie kommt man von dort an den Amazonas oder zu den Tschuktschen in Sibirien?
Na ja, ich bin sozusagen vom Nicht-Nabel der Welt aufgebrochen, habe mit 17 das erste Mal Interrail gemacht, bin mit 19 durch Neuseeland geradelt, mit 20 durch Kanada. Durch die Reisefotografie bin ich zwangsläufig zum Umweltaktivisten geworden. Da draußen habe ich immer wieder gesehen, wie wir unsere Lebensgrundlage zerstören – und zwar mehr als gründlich. Heute weiß ich viel zu viel, das tut mir auch nicht gut. Deswegen bin ich vor 16 Jahren zu Greenpeace gegangen. Und deswegen habe ich vor drei Jahren unsere eigene Organisation gegründet, um einen seelischen Ausgleich zu haben.

Selbstporträt von Markus Mauthe.

Womit gleichen Sie die Seele aus?
Meine Frau und ich – sie ist Brasilianerin und wir haben uns dort an der Kakaoküste kennengelernt – haben eine jahrhundertealte Plantage übernommen, auf der wir auch leben. Dort haben wir eine eigene Naturschutzorganisation gegründet. Sie nennt sich AMAP, das steht für Almada Mata Atlantica Project. Wir kaufen Land und forsten dort Regenwald auf.

Grundsätzlich sind Sie Pessimist, oder?
Wenn der Mensch so weitermacht, dann schaffen wir uns ab. Der Planet wird es überleben, aber das Traurige ist, dass wir einen Großteil der Artenvielfalt mitreißen. Da wird der Planet lange brauchen, bis er wieder so schön ist. Wir sind einfach dämlich. Wenn Sie sich die Ozeane anschauen, die immer wärmer werden, überall schmilzt das Eis. Und wenn man dann anschaut, wie sich der Mensch grade politisch aufstellt! Da haben wir die Wahlen in Brasilien, in den USA, in Polen. Das sind alles Regierungen, die nullkommanull das im Sinne haben, was ganz, ganz dringend notwendig ist! Trotzdem dürfen wir nicht aufhören zu kämpfen!

Sie machen das mit Vorträgen, bei denen Sie Ihre schönen Bilder mit eindrücklichen Botschaften von Umweltzerstörung verbinden.
Mir geht es darum, Begeisterung für den Planeten zu wecken und die Leute aufzurütteln, sich für den Erhalt der Natur einzusetzen. Ich kann mit meinen Geschichten Zusammenhänge erzählen, ob ich jetzt über indigene Völker referiere oder über Goldhamster. Der viele Schnee in den Alpen hat mit dem Klimawandel zu tun, die Sahara mit dem Amazonas. Der Planet ist ein Organismus mit Millionen von Kreisläufen des Lebens, die alle miteinander zu tun haben. Wir Menschen reißen leider immer mehr Kreisläufe ein oder machen sie kaputt. Bei siebeneinhalb Milliarden Menschen ist das keine gute Neuigkeit. Wir sind inzwischen einfach zu viele.

Eine Familie der Tschuktschen auf der Wanderung im Nordosten Russlands.

Wie plant man einen Besuch bei einem isolierten Naturvolk?
Ich habe über die Jahre weltweit gute Kontakte geknüpft, aber in Russland war es trotzdem sehr schwer. Dort oben ist Grenzgebiet zu den USA, militärisches Gebiet. Da lässt man Touristen nur sehr ungerne hinein. So gingen monatelange Verhandlungen voraus. Und auch, wenn man schließlich vor Ort ist, muss man sich jeden Tag irgendwo melden. Und dann gibt es Reisen, wie etwa nach Äthiopien, da fahre ich, wie jeder andere Tourist auch, mit einem Reiseleiter ins Omo-Tal, nur dass ich dann etwas länger unterwegs bin. Aber Gebiete wie der Südsudan, Russland oder auch der Amazonas bedürfen einer sehr langen Vorbereitungszeit, guter Kontakte und Erfahrung, außerdem natürlich auch eines gewissen Budgets.

Sind Sie schon einmal mit Ihren Plänen gescheitert?
Fotografisch bin ich noch nie an der Grenze gewesen. Alles, was ich erkunden wollte, war immer wertvoll, gesehen und umgesetzt zu werden. Auch wenn etwas ganz anderes herauskam. Wenn ich irgendwo hinfahre und habe fünf Bilder im Kopf, und von denen kann ich vier nicht machen, dann habe ich doch mindestens sechs andere gemacht, die ich vorher gar nicht im Kopf hatte. Das ist doch das Schöne bei einer Reise. Auch wenn man sie gut plant, gibt es tausende von Sachen, die sich eben nicht vorher planen lassen.

Kinder der Bajau nahe Borneo in Malaysia.

Wo gab es die größten Schwierigkeiten?
Russland mag bei der Organisation das Schwierigste gewesen sein, die Reise selbst war aber ein großes Abenteuer und hat sehr viel Spaß gemacht. Sehr aufwendig sind die Reisen im Amazonas. Insgesamt am schwierigsten zu bereisen war der Südsudan. Dort herrscht seit 50 Jahren Bürgerkrieg, aber es gibt eine immense Fülle an ethnischen Gruppen. Ich bin mit einem spanischen Ethnologen dorthin gekommen. Dort bin ich bei all der Faszination der verschiedenen ethnischen Gruppen, der Vielfalt des Landes und der Natur auch mit der harten Alltagssituation der Leute konfrontiert worden.

„Das Leid auf unserer Erde ist real“

Wie sieht dieser Alltag aus?
Sie haben kaum Wasser, und im Norden des Landes sind Hunderttausende vom Hungertod bedroht. Überall sieht man die Nachwirkungen und Auswirkungen des Bürgerkriegs. Jeder ist bewaffnet, und jederzeit kann das wieder aufflammen. So eine Reise formt einen, und man hat auch die Perspektive der Menschen dort, wenn auch nur kurzzeitig. Da kann man das Leid und die Sorgen mancher viel besser verstehen. Und das kann man auch rüberbringen, wenn es mal wieder um Flüchtlinge geht. Da kann man sehen, dass viele keine Sozialschmarotzer sind, sondern dass das Leid auf unserer Erde real ist. Inzwischen leben viele Menschen unter Bedingungen, die wir als Zivilisationsverwöhnte gar nicht mehr ertragen könnten.

Haben Sie Bilder, auf die Sie besonders stolz sind?
Eins meiner Lieblingsbilder ist ein Schnappschuss, das sind vier Bajau-Kinder in Indonesien in ihren Booten. Ich stehe oben auf dem Bootssteg, und sie schauen zu mir hoch. Das ist eine wunderschöne Komposition aus einem Moment heraus. Ein sehr touristisches Bild ist das Foto der Fischer am Inle-See in Myanmar, die auf einem Bein stehen und ihre Netze schwingen. Das ist auch ein schönes Beispiel für eine Tradition, die heute nicht mehr gebraucht wird. Aufgeführt wird sie fast nur noch für Touristen. Und doch trägt der Tourismus dazu bei, dass diese Tradition noch am Leben bleibt. Da kann man lange darüber diskutieren, ob der Tourismus gut oder schlecht ist. Er ist weder noch, er macht vieles gut, aber auch vieles falsch. In diesem Fall finde ich es nicht verwerflich, wenn Touristen durch aufrichtiges Interesse dabei helfen, so eine Kultur am Leben zu erhalten.

Müssen Sie Ihre Modelle bezahlen?
Es gibt heute keinen Flecken auf der Erde mehr, wo nicht Geld im Umlauf ist. Und in dem Moment ist es ein Handel, und dann bezahlt man, oder man kommt mit einem Geschenk oder etwas, was vorher ausgemacht wurde. Die Zeiten, als man einfach irgendwohin kam wie in den Achtziger Jahren, die sind vorbei. Da waren viele Stellen auf der Welt noch nicht dem Kapitalismus angeschlossen. Da hat man dann vielleicht eine Dose Tabak als Geschenk mitgebracht. Da hat das Geld keine Rolle gespielt.

Vor kurzem ist auf den Andamanen-Inseln ein junger Amerikaner getötet worden, der eines der letzten isoliert lebenden Naturvölker missionieren wollte.
Das ist genau der Grund, warum es unserer Welt so schlecht geht! Weil Leute glauben, sie müssten auch die letzten frei lebenden Menschen bekehren. Lasst diese Leute einfach in Ruhe!

Aber sollten die Errungenschaften der Zivilisation nicht jedem offenstehen?
Man muss die Würde dieser Menschen respektieren, und es ist ihre Entscheidung, wenn sie keinen Kontakt wollen. Sie wissen ja, dass da draußen etwas ist. Auch im Amazonas entscheiden sich ja Gruppen, im Wald zu bleiben. Das Problem ist nur, dass die Wälder immer mehr zerstört werden und die Welt immer näher an sie heranrückt. Solche unberührten Gebiete wie die Andamanen gibt es heute kaum noch auf der Welt.

Mich würde es in der Einsamkeit gruseln, allein schon bei der Vorstellung, was da so alles fleucht und kreucht.
Diese Art von Angst geht in dem Moment weg, in dem man sich in Bewegung setzt. Man muss einfach losgehen. Alles ist halb oder nur viertel so schlimm, wie man es sich in seinem Kopf ausmalt. Ich hatte früher auch Angst vor Schlangen und Spinnen. Inzwischen habe ich einen Grundrespekt vor allem Leben, aber in der Natur eigentlich keine Angst mehr. Dort ist es sicherer, als in einer Großstadt unterwegs zu sein. Es ist auch einfach schön, wenn Natur noch halbwegs intakt ist.

Halten Sie es denn überhaupt noch aus, in einer Großstadt zu sein?
Wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich eigentlich nur noch auf unserer Farm in Brasilien wohl. Ich tue mich schwer mit unserer jetzigen Lebensweise. Ich weiß, ich bin selbst Teil davon, ich bin iPhone-süchtig und habe Netflix. Ich kenne das alles auch, aber bin doch auch frustriert, dass diese Art zu leben so wenig nachhaltig ist. Das hat so wenig mit unseren Ursprüngen zu tun. Aber natürlich bin ich ein Kind des Konsums und der Zivilisation. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn wir alle versuchen, das massiv zu ändern. Am Ende müssen wir das auch alle schaffen! Denn so können wir langfristig nicht mehr weiterleben. Wenn wir so weitermachen, werden in wenigen Jahrzehnten die Ökosysteme zusammenbrechen, und dann haben wir schlicht nichts mehr, was wir konsumieren können. Glauben Sie, dass wir das noch schaffen können? Theoretisch gibt es noch einen Weg, praktisch nicht. Ich sehe für jedes Problem eine Lösung, aber dafür müsste sich die Menschheit eingestehen, dass sie auf dem falschen Weg ist. Viele Menschen verbindet eine tiefe Unsicherheit, Angst, Frustration. Sie können das nicht so genau benennen und rennen zu denen hin, die eine einfache Antwort haben. Aber einfache Lösungen führen nie zu wirklichen. Das sieht man jetzt in Brasilien, das ist das beste Beispiel. Da kommt ein Politiker an die Macht, der schon vorher sagt, der Amazonas sei nur ein Hindernis beim Wirtschaftswachstum. Da wird mir Angst und Bange! Da kann, wenn es schiefläuft, eine einzige Person der Menschheit die vielleicht letzte Chance nehmen, das Weltklima zu retten. Das sind apokalyptische Aussagen, die aber nahe an der Realität sind. Das treibt mich manchmal zur Verzweiflung! Was für eine Welt hinterlassen wir unseren Kindern!

Was motiviert Sie, nicht aufzugeben?
Ich habe eine kleine Tochter. Da darf ich gar nicht daran denken, was passiert, wenn sie mal 50 ist. Das ist auch der Grund, warum ich weiter kämpfe. Es gibt für jedes Problem eine Lösung! Wir müssen es nur angehen. Nachhaltigkeit darf in Zukunft keine Worthülse sein, sondern muss unser Leitsatz werden. Und auch wenn ich Teil eines nicht nachhaltigen Systems bin, Auto fahre und in der Gegend herumfliege, versuche ich doch mit all meiner Kraft, dieses System zu verwandeln, mit meinen Geschichten, meinen Bildern und mit meiner Leidenschaft.

Interview: Andreas Hartmann

Das Buch

Markus Mauthe (Fotos) und Florens Eckert (Texte): Lost – Menschen an den Rändern der Welt. Knesebeck-Verlag, 50 Euro, 320 Seiten mit 260 farbigen Abbildungen

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