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Fossile Krankmacher

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Von: Joachim Wille

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„The Lancet“-Report: Politik soll nicht länger Kohle, Erdöl und Erdgas subventionieren

Die Klimakrise verschärft weltweit die Risiken für die menschliche Gesundheit, vor allem durch vermehrt auftretende Hitzewellen, Ernteeinbußen, mehr Luftverschmutzung und Infektionskrankheiten. Diese Fakten sind lange bekannt. Trotzdem pushen Regierungen und Unternehmen in den aktuellen Krisen – Stichworte Corona und Putins Energiekrieg – weiterhin die Nutzung fossiler Energien, was die Gesundheit heutiger und künftiger Generationen zunehmend gefährdet. Das ist die Hauptaussage des diesjährigen Forschungsberichts zu Klima und Gesundheit, den die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ am Mittwoch veröffentlicht hat. Es gäbe jedoch Alternativen: So könne zum Beispiel die Verbesserung der Luftqualität durch Investitionen in saubere Energie jährlich 1,3 Millionen Menschenleben retten.

Die Lancet-Autor:innen rechnen für 86 Länder weltweit vor, wie stark fossile Energieträger immer noch den Vorzug vor sauberen Energielösungen bekommen. Vier Fünftel von ihnen – genauer 69 – haben 2021 Subventionen für fossile Brennstoffe gewährt, die sich insgesamt auf rund 400 Milliarden US-Dollar belaufen. Dabei handelt es sich oft um Beträge, die mit den Gesundheitsausgaben dieser Länder vergleichbar sind oder diese sogar übersteigen. Konkret: In fünf Staaten waren sie höher als die Mittel für das nationale Gesundheitswesen, in 31 Ländern machten sie mehr als zehn Prozent davon aus.

Laut dem Report erhöhen die Folgen des Klimawandels den Druck auf Gesundheitssysteme und verschlimmern so die Auswirkungen anderer, gleichzeitig bestehender Krisen. Dies führe zu einem erhöhten Risiko für die globale Ernährungsunsicherheit, etwa wegen geringerer Ernteerträge aufgrund von Dürren, und befördere die Schwere hitzebedingter Krankheiten; zudem gebe es mehr Todesfälle aufgrund von Hitze und Luftverschmutzung.

klima-opfer in europa

Auch in Europa fordert der Klimawandel laut des „Lancet Countdown“- Reports immer mehr Opfer – vor allem durch Hitzewellen. Die Belastung durch hohe Temperaturen hat demnach zwischen dem vorletzten und dem letzten Jahrzehnt (2000-2009 versus 2010-2019) im Schnitt um 57 Prozent zugenommen, die hitzebedingte Sterblichkeit stieg um 15 jährliche Todesfälle pro Million Einwohner.

Die wirtschaftlichen Verluste aufgrund klimabedingter Extremereignisse in Europa beziffert der Bericht für 2021 auf knapp 48 Milliarden Euro, ein Rekordwert. Der größte Teil davon, mehr als 30 Milliarden oder 63 Prozent, entfielen auf Deutschland. Ein großer Posten ist die Flutkatastrophe an Ahr und Erft im Juni des Jahres.

Besonders spürbar sind die Klimaveränderungen laut des erstmals für Europa vorgelegten Lancet-Sonderreports für Allergiker:innen. In den letzten vier Jahrzehnten habe die Erwärmung dazu geführt, dass die Blütezeit der für Allergien relevanten Bäume zehn bis 20 Tage früher beginnt. jw

Hohe gesellschaftliche Kosten

Den hohen Aufwendungen für die fossilen Subventionen stehen laut dem Bericht hohe gesellschaftliche Kosten gegenüber. Ein Beispiel ist die verminderte Arbeitsfähigkeit und Produktivität von Menschen wegen stärkerer Hitze. Im vorigen Jahr habe dies dazu geführt, dass weltweit 470 Milliarden Arbeitsstunden nicht geleistet werden konnten – in ärmeren Ländern vor allem im Agrarsektor. Den Einkommensverlust dadurch beziffert der Report auf 669 Milliarden US-Dollar. Es ist also dieselbe Größenordnung wie die der Subventionen.

„Unser diesjähriger Bericht zeigt, dass wir an einem kritischen Punkt angelangt sind“, sagte Marina Romanello vom University College London, die Leiterin des „Lancet Countdown“. Der Klimawandel habe überall auf der Welt schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit, wobei die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern diese Gesundheitsschäden noch weiter verschlimmere. Zudem wachse die Gefahr der Energiearmut durch explodierende Preise für Erdöl und Erdgas. Der Lancet-Bericht wurde nun zum siebten Mal veröffentlicht. Beteiligt waren 99 Fachleute aus 51 Institutionen, darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO).

Die Expert:innen mahnen eine „gesundheitsorientierte Reaktion“ auf die derzeitige Klima-, Energie- und Kostenkrise an. Die Staaten müssten umgehend die Netto-Null bei den Treibhausgas-Emissionen erreichen – vor allem durch CO2-freie(n) Energieversorgung und Verkehr sowie eine klimafreundliche Landwirtschaft und Ernährung. Dies bringe Vorteile neben einer Begrenzung des Klimawandels. So werde eine bessere Luftqualität die Anzahl der Todesfälle durch Feinstaubbelastung aus fossilen Brennstoffen deutlich verringern, von denen es bisher jährlich weltweit rund 1,3 Millionen gibt. Ein Wechsel zu einer ausgewogeneren und verstärkt pflanzlichen Ernährung wiederum werde jährlich bis zu 11,5 Millionen ernährungsbedingte Todesfälle verhindern. Zudem sinke das Risiko von Zoonosen wie bei der Covid-Pandemie.

UN-Generalsekretär António Guterres kommentierte den Report mit drastischen Worten: „Die Klimakrise bringt uns um. Sie untergräbt nicht nur die Gesundheit unseres Planeten, sondern auch die Gesundheit der Menschen überall – durch giftige Luftverschmutzung, abnehmende Ernährungssicherheit, höhere Risiken für den Ausbruch von Infektionskrankheiten, extreme Hitze, Dürre, Überschwemmungen und mehr.“ Als Gegenstrategie empfahl er massive Investitionen in erneuerbare Energien und in „Klimaresilienz“. Dies werde „den Menschen in allen Ländern ein gesünderes und sichereres Leben ermöglichen“. Der deutsche Arzt und Publizist Eckart von Hirschhausen sagte knapp: „Der Countdown läuft. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde. Und das Teuerste, das wir gerade tun können, ist: Nichts!“

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