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Immer müde? Wir schlafen zu spät und stehen durch das Diktat des Weckers zu früh auf.

Interview

„In der Forschung beschreiben wir das als sozialen Jetlag“

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Chronobiologe Till Roenneberg über Gesundheitsschäden durch ein Leben gegen die innere Uhr und warum ewige Sommerzeit falsch wäre.

Herr Professor Roenneberg, Sie halten von der Zeitumstellung …
… Entschuldigung, wir können die Zeit nicht umstellen. Die ist von der Erdumdrehung, vom Sonnenstand definiert. Wenn die Sonne am höchsten steht, ist es normalerweise 12 Uhr.

Was bedeutet dann der Wechsel auf Sommerzeit?
Der Wechsel von Normalzeit zur Sommerzeit legt politisch fest, dass alle Bürger sieben Monate lang eine Stunde früher aufstehen und zur Arbeit sowie Kinder in Kita oder Schulen müssen. Er wird von den meisten akzeptiert, weil gleichzeitig auch die Uhren an der Wand umgestellt werden. Unsere biologische Uhr läuft dagegen in Normalzeit weiter.

Was regelt diese innere Uhr?
Sie stimmt alle biologischen Vorgänge in uns mit dem 24-Stunden-Rhythmus der Erde ab und regelt die entsprechenden Prozesse im Körper. Dabei richtet sie sich nur nach dem Sonnenstand.

Und sie sorgt für weitverbreitete Müdigkeit nach der Umstellung auf Sommerzeit?
Ist doch logisch, wenn wir unter Kontrolle der inneren Uhr zu spät einschlafen und durch das Diktat des Weckers zu früh aufstehen. Weil sich Arbeits- oder Schulzeiten nicht ändern, häufen wir von Montag bis Freitag ein großes Schlafdefizit an, das wir am Wochenende auszugleichen versuchen.

Funktioniert das?
Es kann nicht funktionieren. In der Forschung beschreiben wir diesen Zustand als sozialen Jetlag – unser Körper und unsere Verpflichtungen leben in unterschiedlichen Zeitzonen. Die Sommerzeitregelung verlegt unseren Arbeitsplatz oder den Hörsaal noch eine Zeitzone weiter nach Osten. Das bedeutet, dass wir sozusagen in St. Petersburg arbeiten, jedoch hier in Deutschland leben.

Was macht das mit uns?
Je größer der Unterschied zwischen unserer biologischen und unser sozialen Zeitzone wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden. Es treten Herz- und Kreislaufbeschwerden auf, Stoffwechselprobleme lösen Erkrankungen aus, es sind auch psychische Auswirkungen bekannt. Laut einer Studie werden die Kosten, die sich aus dem Leben gegen die biologische Uhr und aus Schlafproblemen ergeben, allein in Deutschland auf 60 Milliarden Euro geschätzt. Das ist weit mehr als der Wehretat der Bundesregierung.

Die Bundesregierung tendiert dazu, in Deutschland ganzjährig die Sommerzeit einzuführen. Was halten Sie davon?
Dies wäre eine Entscheidung gegen wissenschaftlichen Sachverstand. Andererseits sage ich: Nur wer Schmerzen fühlt, wird lernen. Ich muss kein Prophet sein, um sagen zu können, dass eine ganzjährige Sommerzeit wieder abgeschafft wird. Russland hatte sie von 2011 bis 2014. Die Russen sagen: Nie wieder! So wird es uns auch ergehen.

Beraten Sie doch die Bundesregierung!
Ich habe der Bundeskanzlerin im September geschrieben und eindringlich davor gewarnt, den Kurs dauerhafte Sommerzeit weiter zu fahren. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Interview: Thoralf Cleven

Zur Person

Till Roenneberg (geboren 1953) ist Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Forschungsgebiet ist die Chronobiologie. Er erforscht den Einfluss des Lichts auf den Tagesrhythmus sowie die verschiedenen Chronotypen.

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