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Flutkatastrophe

Razzia wegen Erdrutsch von Erftstadt: Flut oder Fahrlässigkeit?

  • VonLukas Zigo
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Das Hochwasser in Erftstadt raubte vielen ihre eigenhändig aufgebaute Existenz binnen eines Tages. Die Staatsanwaltschaft glaubt Gründe außerhalb des Wetters gefunden zu haben.

Köln/Erftstadt – Es war ein Freitagmorgen im Juli, als Erftstädter nicht nur hypothetisch, sondern auch praktisch in den Abgrund blicken konnten. Ein von der Bezirksregierung in Köln verbreitetes Luftbild zeigte das Ausmaß der Zerstörung. Zu sehen war ein gewaltiges Erdloch, eine Art Schlund, der sich mitten in der Flutkatastrophe aufgetan hatte. Aufnahmen, bei denen so mancher Beobachter sich wie in der Szenearie eines Hollywood-Katastrophenfilms vorkommt, tatsächlich aber stammten die Aufnahmen aus Erftstadt bei Köln.

Ein Foto, das die Bezirksregierung Köln am Freitag über Twitter verbreitete, zeigt Überschwemmungen in Erftstadt-Blessem.

Mit den Hollywood-Parallelen nicht genug wird aus dem Katastrophenfilm fast ein halbes Jahr nach dem Vorfall nun zunehmen ein Krimi. Der Verdacht: Der Erdrutsch an der Kiesgrube von Erftstadt könnte nicht allein auf Naturgewalten zurückzuführen sein. Am Dienstag (11.01.2022) schwärmten 140 Beamtinnen und Beamte der Polizei aus, um Büros und Wohnräume zu durchsuchen.

Erdrutsch in Erftstadt: Staatsanwaltschaft durchsucht über 20 Anschriften

Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge ermittelt sie nun gegen mehrere Verdächtige: gegen den Eigentümer und Verpächter des Tagebaus in Erftstadt, gegen fünf Beschuldigte des Betreibers sowie vier Beschuldigte der Bezirksregierung Arnsberg, die dem Gesetz nach die zuständige Aufsichts- und Genehmigungsbehörde sei. Im Zuge dessen seien Durchsuchungen an 20 Anschriften veranlasst worden, vor allem in Bergheim, Erftstadt, Köln und Dortmund.

Konkret gehe es um den Verdacht des fahrlässigen Herbeiführens einer Überschwemmung durch Unterlassen, der Baugefährdung sowie Verstoßes gegen das Bundesberggesetz.

Erdrutsch in Blessem: Staatsanwaltschaft prüft Zusammenhang mit Kiesgrube

Am Südrand des „Altbereichs“ der Kiesgrube von Erftstadt-Blessem soll sich kein den Bestimmungen entsprechender Hochwasserschutzwall befunden haben, so die Staatsanwaltschaft über die bisherigen Ermittlungen. Unzulässig steile Böschungen könnte es ebenfalls gegeben haben. Womöglich seien beide Aspekte ursächlich für das Eindringen großer Wassermassen in die Kiesgrube im Juli 2021. Starkregen – welcher damals auch andere Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz überschwemmte – flutete damals die Grube. Danach rutschte der Boden am nahen Stadtteil Blessem weg. Mehrere Gebäude wurden mitgerissen.

Susanne Dunkel steht am Tag der ersten Begehung des Ortteils Blessem nach der Unwetterkatastrophe in ihrer zerstörten Küche.

„Es besteht der Verdacht, dass die Beschuldigten die Zustände an dem Hochwasserschutzwall und den Grubenböschungen aufgrund ihrer beruflichen Befassung mit der Kiesgrube hätten erkennen und für Abhilfe hätten sorgen können und müssen“, sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer zu den Vorwürfen an die Verdächtigen, die zwischen 29 und 65 Jahre alt sind.

Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln zu den Flut-Geschehnissen

Zuvor waren mehrere Sachverständige eingeschaltet worden, um die Frage der Verantwortlichkeiten zu klären. Ermittler befragten zudem Zeug:innen. Das relativ komplexe Verfahren hatte sich zu Beginn noch gegen Unbekannt gerichtet. Der Strafrahmen sieht – sollte es zu einer Verurteilung kommen – eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor, so die Staatsanwaltschaft.

Mit den voranschreitenden Ermittlungen in Köln kommt auch die juristische Aufarbeitung der Flutkatastrophe weiter voran. Die Geschehnisse in den Krisentagen schauen sich derzeit mehrere Staatsanwaltschaften genau an. So ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz etwa bereits seit längerem gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler und ein weiters Mitglied seines Krisenstabes. Bei der Sturzflut im Ahrtal kamen 134 Menschen ums Leben, auch in andren Städten gab es Tote.

Für viele Erftstädter:innen fühlt es sich angesichts des riesigen Schlundes fast wie ein Wunder an, dass damals niemand sein Leben verlor. (Lukas Zigo mit dpa)

Rubriklistenbild: © Rhein-Erft-Kreis/dpa

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