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Die Pulswanze

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Von: Anne Vogd

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Muss ich erst Maschinenbau studieren, um meinen Körper verstehen zu können?
Muss ich erst Maschinenbau studieren, um meinen Körper verstehen zu können? © Getty Images

Kabarettistin Anne Vogd begibt sich in die Totalüberwachung – im Namen der Gesundheit natürlich.

Kennen Sie das? Ein Blick in eine Frauenzeitschrift, auf ein Werbeplakat oder auf Instagram und beim Anblick dieser wohldefinierten Göttinnen fühle ich mich sofort wie ein Querschläger der Evolution, während mein Mann angesichts eines gut gebauten männlichen Models bloß denkt: Schön. Ja, mit Ü50 bin ich meinem Ende näher als meinem Anfang. Aber nach dem Motto „Oben klar und unten dicht, mehr wünsch’ ich mir fürs Alter nicht“ zu leben, wäre auch falsch und würde nur offenbaren, dass man die Reifeprüfung nach geltenden Maßstäben nicht bestanden hat. Wir alle streben doch heute danach, so gesund wie möglich zu sterben.

Ich versuche mich also im Fitness-Studio und stelle fest: ein Ort, der einem jegliche Würde nehmen kann: Protein-Primaten mit dicken Hälsen stemmen Gewichte, als wären sie Gabelstapler. Ich dagegen wirke wie ein Zitronengrasstängel auf dem Wochenmarkt. Das lichtdurchflutete Gym wird zur dampfenden Bizepsplantage, auf der gekeucht und gestöhnt wird, wie man es sonst nur aus der Erotikbranche kennt. Der Laminatboden um die Ergometer sieht aus, als hätte man eine Talsperre gesprengt, und bei manchem auf dem Laufband hängt die Zunge heraus wie eine Wasserrutsche bei der Notlandung. Fazit: Trotz meines Zwei-Jahres-Vertrages, durch den ich im Monat 70 Cent spare, werde ich nach kurzer Zeit schon zur Karteileiche und mutiere vom Mitglied zur Sponsorin.

Die Stasi hätte es nicht besser erfinden können

Was tun? Ich bin ja nach wie vor optisch von einer skulpturalen Fitness-Barbie aus dem Pamela-Reif-Automaten so weit entfernt wie eine McDonald’s-Speise von der Molekularküche. Diese jungen Frauen trainieren ja Muskeln an Stellen, wo ich noch nicht einmal Stellen habe … Und diese Kondition … Meine sorgt regelmäßig dafür, dass mein Gesicht nach drei Minuten Joggen aussieht wie nach einem Schlaganfall, und die Stimmen um mich herum vernehme ich dann nur noch „kanalschachtig“. Diese Kreislaufprobleme lassen sich irgendwann nicht mehr schönreden – nach dem Motto „Uii, die ganze Welt dreht sich um mich …“ Aber sie in den Griff zu bekommen, ist auch nicht ganz einfach. Man muss dafür zum Beispiel darauf achten, den aeroben Bereich nicht zu verlassen. Aber wer sagt einem denn „ACHTUNG SPERRZONE! Ab hier beginnt der anaerobe Bereich! Fette können ab sofort nicht mehr verbrannt werden!“? Meine natürliche Intelligenz reicht dafür nicht aus. Ich brauche künstliche.

Mein Mann schenkte mir ein Fitness-Armband, das überall auf mich aufpassen sollte. Ein High-Tech-Gadget mit Touchscreen, Pulsmesser, Aktivitätstracker, Schlafanalyse und einem „Stalking Upgrade“, das dir ungefragt Playlists aus Atemfrequenz und Kalorienverbrauch um die Ohren haut. Immer nach dem Motto: „Lebe gesund, sonst knips’ ich dir das Licht aus.“ Dafür sorgt unter anderem eine Art Whistleblower-Funktion, die Echtzeit-Trainingsstatistiken metrisch erfasst und protokolliert, aber leider auch festhält, was man wieder alles nicht gemacht hat. Die Stasi hätte es nicht besser erfinden können. Danach kommt nur noch Sich-chippen-lassen. Unfassbar, was diese „Pulswanze“ alles kann.

Ich brauche diesen technischen Overkill nicht

Theoretisch also alles super, praktisch bin ich damit aber überfordert. Ich wollte doch nur das Datum einstellen und habe dabei 17 Mails verschickt, einen Laubsauger ersteigert und mich in die Überwachungskamera eines US-Hochsicherheitsgefängnisses eingehackt. Muss ich erst Maschinenbau studieren, um meinen Körper verstehen zu können? Nein. Ich brauche diesen Overkill genauso wenig wie ein 72-Stunden-Deo, ein „100 in 1“-Spülmaschinen-Tab oder Outdoorjacken bis –40 Grad für Sonntagsspaziergänge. Ein einfacher Schrittzähler, das wär’s. Mit nur einer Funktion. Ein Gadget, bei dem man keine Angst haben muss, per Knopfdruck das Internet zu löschen, das mich anmault, wenn ich auf dem Sofa liege, und mich lobt, wenn ich aufstehe, um Pralinen zu holen. Ach, vielleicht tut es auch erstmal ein Bewegungsmelder.

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