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Fischsterben in der Oder: Institut rechnet mit weit größerer Dunkelziffer an toten Fischen

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Von: Sophia Lother

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Das Fischsterben in der Oder hat für enorme Kritik an der polnischen Regierung gesorgt. Doch die schlägt nun zurück, das bleibt nicht ohne Folgen.

Update von Dienstag, 23. August, 17 Uhr: Die polnische Feuerwehr hat nach eigenen Angaben bislang 202 Tonnen tote Fische aus der Oder geborgen. Die Feuerwehr habe entlang des gesamten Flusslaufs 159 Ölsperren aufgestellt, um verendete Fische aufzufangen und zu bergen, sagte der Sprecher der Feuerwehr-Hauptverwaltung.

Fachleute gehen jedoch von weit mehr toten Fischen aus. Durch die Umweltkatastrophe in der Oder sind nach Schätzungen des Instituts für Binnenfischerei eher 200 bis 400 Tonnen Fische getötet worden, sagte der wissenschaftliche Direktor, Uwe Brämick, im Umweltausschuss. Er erklärte dazu: „Beim Fischsterben findet man nicht jeden toten Fisch, wir müssen davon ausgehen, dass zwei- bis viermal so viel Fische gestorben sind, wie geborgen und entsorgt worden sind.“

Eine Mitarbeiterin vom Nationalpark Unteres Odertal holt mit Schutzbekleidung tote Fische aus dem deutsch-polnischen Grenzfluss Westoder, nahe dem Abzweig vom Hauptfluss Oder.
Eine Mitarbeiterin vom Nationalpark Unteres Odertal holt mit Schutzbekleidung tote Fische aus dem deutsch-polnischen Grenzfluss Westoder, nahe dem Abzweig vom Hauptfluss Oder. © Patrick Pleul/dpa

Fischsterben in der Oder: Polen spricht von „Fake News“- Umweltministerium reagiert

Update von Montag, 22. August, 13.50 Uhr: Das Fischsterben in der Oder sorgt noch immer für Aufsehen. Nachdem nun Polens Umweltministerin, Anna Moskwa, Deutschland Fake News vorgeworfen hatte, meldete sich nun das deutsche Umweltministerium seinerseits zu Wort.

„Wir bedauern, dass es zu dieser Bewertung von polnischer Seite gekommen ist“, sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums laut Deutscher Presse-Agentur (dpa). Die Suche nach den Ursachen für das Fischsterben in der Oder sei nach wie vor nicht abgeschlossen. Mittlerweile gebe es mehrere organische und anorganische Substanzen, die dafür verantwortlich sein könnten, sagte der Sprecher weiter. „Es scheint sich da wirklich um einen Chemie-Cocktail zu handeln. Keine dieser Substanzen hat nach unseren bisherigen Erkenntnissen allein zum Fischsterben geführt.“ Es könnte sich um ein „multi-kausales Ereignis“ handeln.

Nach Fischsterben in der Oder: Expertengruppe tagt – „Missstimmung“ soll ausgeräumt werden

„Von keiner Seite und zu keiner Zeit wurde in Deutschland aber behauptet, dass die Pestizide allein ursächlich für das Fischsterben gewesen seien. Dass entsprechende Laborergebnisse vom polnischen Umweltministerium jetzt als Schuldzuweisung verstanden wurden, ist bedauerlich.“ An diesem Montag (22. August) tage erstmals die eingesetzte deutsch-polnische Expertengruppe. Man hoffe, dass eine „mögliche Missstimmung“ ausgeräumt werde, wenn dort die Laborergebnisse vorgelegt und besprochen werden.

Arbeiter beteiligen sich an einer Aktion zur Reinigung der Oder von toten Fischen mit Hilfe eines flexiblen Damms.
Fischsterben oder tote Fische Polen Deutschland.jpg © Marcin Bielecki/dpa

Fischsterben in der Oder: Rund 200 Tonnen tote Fische - Polen spricht von „Fake News“

Erstmeldung von Montag, 22. August, 11.40 Uhr: Potsdam/Warschau – Das Ausmaß des Fischsterbens an der Oder ist massiv – nun kommt es auch zu politischen Zerwürfnissen. In Zusammenhang mit einem Untersuchungsergebnis aus Brandenburg erklärte die polnische Umweltministerin, in Deutschland gebe es Falschmeldungen.

Bis zum Samstag (20. August) wurden in Polen und Deutschland rund 200 Tonnen toter Fische eingesammelt. Die polnische Feuerwehr bezifferte die Menge am Samstag mit 158 Tonnen. In Brandenburg waren es nach einer früheren Mitteilung des Umweltministeriums mindestens 36 Tonnen.

Fischsterben in der Oder: Überhöhte Pestizid-Werte entdeckt

Weshalb die Fische verendeten, ist weiter unklar. Bei der Suche nach möglichen Ursachen für das Fischsterben an der Oder stießen deutsche Behörden auch auf überhöhte Pestizid-Werte. Bei Proben, die an der Messstelle Frankfurt (Oder) in der Zeit vom 7. bis 9. August entnommen wurden, seien hohe Konzentrationen eines Pestizids mit dem Wirkstoff 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure gefunden worden, teilte Brandenburgs Umweltministerium mit.

Es sei aber davon auszugehen, dass die nachgewiesene Dosis nicht unmittelbar tödlich für Fische gewesen sei. Der Wirkstoff wird etwa zur Bekämpfung von Unkraut eingesetzt. Der „Tagesspiegel“ hatte zuerst darüber berichtet.

Nach Fischsterben in der Oder: Polnische Regierung mit Fake-News-Vorwürfen

Das Ministerium geht weiter davon aus, dass die Umweltkatastrophe mehrere Ursachen hat. Die überhöhte Konzentration des Pestizids über mehrere Tage habe sicherlich Auswirkungen auf Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen gehabt. Möglicherweise sei das Herbizid am Oberlauf der Oder in noch höheren Konzentrationen vorhanden und am Messpunkt Frankfurt (Oder) bereits stark verdünnt gewesen, hieß es.

Die polnische Regierung sprach nun von Falschmeldungen aus Deutschland. „Achtung, eine weitere Fake News wird in Deutschland verbreitet!!! Pestizide und Herbizide. In Polen wurde der Stoff getestet und unterhalb der Bestimmungsgrenze nachgewiesen, d. h. ohne Auswirkungen auf Fische oder andere Tiere, und ohne Verbindung zum Fischsterben“, schrieb Umweltministerin Anna Moskwa am Samstagabend auf Twitter.

Fischsterben in der Oder: Polnische PiS reagierte auf Kritik wiederholt mit antideutschen Tönen

Die Substanzen seien in Fischen nicht entdeckt worden, so Moskwa in einem weiteren Tweet, „Ein ungerechtfertigter Angriff auf die Landwirtschaft. Erst die Industrie, jetzt die Landwirtschaft? Was kommt als Nächstes?“ Polens nationalkonservative PiS-Regierung steht derzeit unter Druck, weil polnische Behörden nur zögerlich auf erste Hinweise zu dem Fischsterben reagiert hatten. In Deuschland war nach dem Fischsterben bemängelt worden, dass polnische Behörden die international vereinbarten Informationsketten nicht eingehalten hätten. Vertreter der PiS reagierten darauf wiederholt mit antideutschen Tönen.

Etwas Hoffnung machte derweil eine Äußerung des Gebietschefs der Woiwodschaft Westpommern, Zbiegniew Bogucki. Demnach seien wieder lebende Fische zu sehen. „Dort, wo wir vor ein paar Tagen tonnenweise tote Fische geborgen haben, sind jetzt lebende Fische aufgetaucht“, schrieb Bogucki am Samstag auf Twitter. Aufgrund von Sauerstoffmangel im Wasser seien aber viele Fische kurz vor dem Ersticken und würden nahe der Oberfläche schwimmen. Dazu postete der Politiker ein Video, in dem dies zu sehen war.

Sauerstoffgehalt der Oder fällt nach Fischsterben weiterhin: Stadt startet Maßnahme

In der zu Westpommern gehörenden Hafenstadt Stettin installierte die Feuerwehr am Sonntag (21. August) an drei an einem Arm der Oder gelegenen Stellen Pumpen, um das Wasser zu belüften. Der Sauerstoffgehalt der Oder falle weiterhin, begründete ein Sprecher der Woiwodschaft Westpommern die Maßnahme. In der weiter südlich gelegenen Woiwodschaft Lebus wurden am Sonntag nach Angaben der Feuerwehr keine verendeten Fische mehr gefunden.

Das massenhafte Fischsterben im Grenzfluss Oder war auf deutscher Seite am 9. August bekannt geworden. Die Suche nach der Ursache gestaltet sich schwierig. Wissenschaftlern zufolge könnte eine giftige Algenart ein Faktor für das Fischsterben sein. Darüber hinaus werden verschiedene andere Stoffe untersucht.

Mecklenburg-Vorpommern hatte am Freitag mitgeteilt, dass bei Untersuchungen von Proben im deutschen Teil des Stettiner Haffs, in das die Oder mündet, keine Auffälligkeiten festgestellt worden seien.

Kustaktion nach Fischsterben an der Oder soll Aufmerksamkeit schaffen

Mit einer Kunstaktion machte derweil die neu gegründete Bürgerinitiative „Save oder die“ auf das massenhafte Fischsterben in der Oder aufmerksam. Am Samstagabend wurde der Oder-Altarm am Ufer des Dorfes Kienitz in rotes Scheinwerferlicht getaucht. Für den 4. September ruft die Bürgerinitiative zu einer Menschenkette an der Oder auf. Anwohner, Schulklassen und andere Bürger sollten mit Musikinstrumenten zu einem großen Konzert an den Fluss kommen. (slo/dpa)

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