1. Startseite
  2. Panorama

Fische in Not

Erstellt:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Befischte Arten sind besonders gefährdet - was wiederum der Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern schadet.
Befischte Arten sind besonders gefährdet – was wiederum der Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern schadet. © Imago

Der Klimawandel bedroht die Meerestiere, eine Studie blickt nun genauer auf Arten und Regionen. Vor allem in den Tropen sieht es nicht gut aus, selbst wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird.

Fisch und Meeresfrüchte sind für rund zehn Prozent der Weltbevölkerung überlebenswichtig. Rund 800 Millionen Menschen, vor allem in Entwicklungsländern leben von Fang, Produktion, Verarbeitung und Verkauf. Doch der Klimawandel bedroht einen Großteil der Tierarten, die in den oberen 100 Metern der Meere leben. Ohne eine ambitionierte Klimapolitik könnten marine Ökosysteme zusammenzubrechen, was die Ernährungssicherheit von ärmeren Ländern gefährdet, die von Fischerei abhängen. Das ist die Quintessenz einer neuen Studie eines internationalen Forschungsteams.

Die Risiken des Klimawandels für Meerestiere sind zwar grundsätzlich bekannt. Die neue Studie schlüsselt die Gefährdung der marinen Ökosysteme allerdings deutlicher nach Arten und Regionen auf als die bisherigen Untersuchungen. Das Team unter Leitung des Kanadiers Daniel Boyce entwickelte einen „Klimarisiko-Index“, der angibt, wie stark die Meerestiere in verschiedenen Regionen von der Erwärmung des Wassers beeinflusst werden. Weitere Faktoren, die der Klimawandel ebenfalls verändert, wie die Versauerung oder der Sauerstoffschwund des Wassers, wurden nicht berücksichtigt. Die Studie ist jetzt im Fachjournal „Nature Climate Change“ erschienen.

Bereits heute verändert die Erwärmung die Ökosysteme schnell. Festzustellen ist das unter anderem daran, dass das Vorkommen der Meereslebewesen sich verändert. Arten wie der Rote Thunfisch, der normalerweise etwa im Mittelmeer zu finden ist, tauchen inzwischen auch in der Arktis auf, andere wandern aus den Tropen ab. „Diese – und viele andere – Veränderungen werden sich noch verstärken“, kommentieren Boyce und sein Co-Autor Derek Tittensor. Dies werde sich auf praktisch alle Lebewesen im Meer auswirken – „von Bakterien bis zu Walen“. Als weiterer Risikofaktor gilt die Verschmutzung, vor allem in Küstenregionen.

Das Team um Boyce bestimmte das Klimarisko für knapp 25 000 marine Arten. Sie analysierten dabei drei Faktoren. Erstens: Wie stark ist eine Tierart Veränderungen durch den Klimawandel ausgesetzt? Zweitens: Wie sensibel reagiert sie auf diese Veränderungen? Drittens. Wie gut ist die Art darin, sich anzupassen?

Die Wissenschafter:innen legten dabei die optimistischste und die pessimistischste Prognose des Weltklimarates IPCC zur globalen Erwärmung zugrunde. Dabei zeigte sich: Selbst wenn das Zwei-Grad-Limit des Paris-Vertrags eingehalten wird, sind im Jahr 2100 rund 55 Prozent der betrachteten Arten auf im Schnitt etwa der Hälfte ihres Verbreitungsgebiets stark gefährdet. Im pessimistischen Szenario wird es noch deutlich dramatischer. Dann sind 87 Prozent der Arten gefährdet, und zwar auf 85 Prozent des jeweiligen Gebiets. Besondere betroffen sind generell die tropischen Küsten-Ökosysteme, für polare Regionen ist das Risiko geringer.

Die Fachleute betonen die daraus erwachsende Gefahr für die Ernährungssicherheit, denn gerade in Entwicklungsländern, die stark von Fischerei abhängig sind, seien befischte Arten durch den Klimawandel besonders gefährdet. Sie betonen daher, wie wichtig es auch unter diesem Gesichtspunkt ist, das Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Zudem könnten die Ergebnisse der Studie genutzt werden, um Regionen zu identifizieren, in denen die Einrichtung von Meeresschutzgebieten am meisten bringen würde. Auf internationaler Ebene wird das Ziel diskutiert, 30 Prozent der Fläche der Ozeane unter Schutz zu stellen. Im Dezember wird der Weltbiodiversitätsrat darüber beraten.

Andere Fachleute betonten in einer Reaktion auf die neue Studie, dass die ermittelte „Gefährdung“ von Arten nicht zwangsläufig ihr Aussterben bedeute. Der Biologe Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen verwies darauf, dass vor allem tropische Meerestiere in andere, weniger warme Regionen ausweichen könnten. „Das tatsächliche Risiko für einzelne Arten kann daher also geringer sein, als in der Studie berechnet“, sagte er. Trotzdem seien die Ergebnisse alarmierend. „Die Tatsache, dass auch beim optimistischsten Szenario immer noch über die Hälfte aller Arten am Ende des Jahrhunderts in ihrem gesamten jetzigen Verbreitungsgebiet stark bedroht sind, ist dramatisch.“

Die Zoologie-Professorin Angelika Brandt vom Frankfurter Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum wies darauf hin, dass es in der Studie hauptsächlich um Meeresarten gehe, die fischereiwirtschaftlich interessant sind, „nicht so sehr um die marine Biodiversität per se“. Der größte Teil des bewohnbaren Raumes der Ozeane sei die Tiefsee, die in dieser Untersuchung ausdrücklich nicht berücksichtigt werde.

Auch interessant

Kommentare