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Das Kunstmuseum Amos Rex in Helsinki mit den markanten „Augen“.
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Das Kunstmuseum Amos Rex in Helsinki mit den markanten „Augen“.

Architektur

Finnland: Auf Spurensuche im glücklichsten Land der Welt

Finnland gilt als glücklichstes Land der Welt, vier Mal in Folge erhielt es diesen Titel. Das Lebensgefühl beeinflusst auch die dortige Architektur – oder ist es genau umgekehrt? Von Katrin Groth.

Helsinki - Über der Holzhütte kringelt sich eine Rauchsäule, als die Tür aufschwingt und einen Schwall heiße Luft entlässt. Schwitzende Gestalten wanken dampfend auf den Steg am See – und springen. Das Wasser: eiskalt, aber auf ihren Gesichtern: ein breites Lächeln. Sommers wie winters gehört sie dazu, die finnische Sauna, von der es im ganzen Land mehr als Autos geben soll. Auch deshalb seien die rund 5,5 Millionen Menschen in Finnland zufriedener als jene in anderen Nationen. Zumindest, wenn es nach dem „World Happiness Report“ geht, der Dinge wie Wohlstand, Lebenserwartung, Korruption und Freiheit bewertet und den das Land seit 2018 anführt. Dieses Glücksgefühl hat Einfluss auf das finnische Verständnis von Architektur – oder ist es die Architektur, die zum Glücklichsein beiträgt?

Die Spurensuche beginnt in Lappland, nördlich von Kuusamo. Scheinbar endlos zieht sich die Straße durch Fichten- und Kiefernwälder, ein Rentier trabt unbekümmert am Fahrbahnrand. 90 Prozent der Fläche Finnlands sind entweder von Wald oder Wasser bedeckt, ein Land aus Grün und Blau. Mitten im Wald dann ein Hof, dahinter glitzert der Heikinjärvi-See in der Sonne. Viel los ist nicht, Corona, wie überall, sagt Katja Kämäräinen. Mit ihrer Schwester Sirpa betreibt sie den Isokenkäisten Klubi, den ihre Eltern vor 40 Jahren als Bauernhof erwarben. Heute ist der in rustikaler Blockbauweise errichtete Hof ein Hotel und Restaurant.

In Finnland leben die Menschen nachhaltig

Ringsum wiegen sich die Baumwipfel im Wind, die Sinne schärfen sich: Klopft da ein Specht? Riecht es holzig? Und sitzt am Ufer nicht ein Wiesel? Die Schwestern lächeln. Hier im Norden zählen diese Dinge: der Wald, die Ruhe, gutes Essen. „Die Kräuter sammele ich selbst, genauso wie die Blaubeeren für den Nachtisch“, erzählt Köchin Sirpa beim Abendessen. Auch Marmelade, Pilzragout und Rentiergulasch macht sie selbst, alles aus den Wäldern Lapplands.

„Der Wald ist unsere Kirche“, besagt eine finnische Redensart. Und die Natur ist eine der wichtigsten Komponenten des Designs.

„Der Wald ist unsere Kirche“ besagt eine finnische Redensart. Andere mögen Angst oder Einsamkeit empfinden, in Finnland fühlen sich die Menschen vom Wald beschützt. Auch Alvar Aalto verband eine tiefe Liebe zur Natur. „Form muss Inhalt haben, und dieser Inhalt muss eine Verbindung zur Natur besitzen“, wird Finnlands berühmter Architekt zitiert. Bis heute ist die Natur eine der wichtigsten Komponenten finnischen Designs. Besonders für das indigene Volk der Sámi, deren Lebensweise seit Jahrhunderten auf Zurückhaltung gegenüber der Natur beruht. Das spiegelt sich auch im samischen Kulturzentrum Sajos – dem samischen Wort für Basislager – in Inari; der Entwurf des Holzbaus stammt von Halo Arkkitehdit.

Respekt für die Natur gehört in Finnland zum Lebensgefühl

„Uns ist wichtig, die Traditionen und Kulturen unseres Landes zu respektieren und daraus zu lernen, da die Ästhetik bereits an unser Klima, unsere Natur und unsere Lebensweise angepasst ist“, sagt Emma Johansson, Partnerin beim Architekturbüro Studio Puisto. Das junge Team aus Helsinki stellte gerade einen Holzbau-Prototypen für ein Hotel in Kivijärvi fertig: 36 Quadratmeter, die auf einem Pfahl von 60 Zentimeter Durchmesser balancieren. Inspiriert ist es von einer aufgeständerten Vorratshütte der Sámi. „Traditionell werden Niliaittas auf einem Baumstamm gebaut, der von einem Wurzelsystem gehalten wird.“ Studio Puisto übersetzte dies in eine moderne Maststruktur, eine Art einbeiniges Hotelzimmer.

Inspired by nature, inspiriert von der Natur – das gilt für Wohngebäude wie die Villa Koivikko von OOPEAA oder Funktionsbauten wie das sehr reduzierte Whisky-Lager mit schwarzer Holzschalung der Destillerie Kyrö, entworfen von Avanto Architects Aber auch öffentliche Bauten, Schulen, Bibliotheken, Kirchen und Saunen – Löyly in Helsinki oder ganz neu Kiulu in Ähtäri – entstehen nach dem Vorbild von Mutter Natur. Jüngstes Großprojekt in Helsinki: die Zentralbibliothek Oodi von ALA Architects. Ihre gen Himmel strebende, mit Kiefernholz verkleidete Struktur veranschaulicht den neuen Boom der Holzarchitektur, ihre Gestaltung ein großes, durchaus gemütliches Wohnzimmer, in dem Kinder spielen und Erwachsene Kaffee trinken.

Die Zentralbibliothek in Helsinki.

„Die Natur ist für die meisten Finnen die wichtigste Inspirationsquelle und Kern des persönlichen Wohlbefindens. Und mir geht es definitiv genauso“, sagt Päivi Meuronen. Die Innenarchitektin ist Partnerin im Büro JKMM Architects in Helsinki, einem der größten finnischen Architekturbüros. „Für mich als Designerin bedeutet es in erster Linie eine hohe Qualität von Design, Materialien und Umsetzung, nachhaltige Lösungen und sorgfältig durchdachte Details.“ JKMM hat das Helsinkier Kunstmuseum Amos Rex mit den markanten „Augen“ versehen, zahlreiche Bibliotheken entworfen und zuletzt den Wettbewerb für die Erweiterung des finnischen Nationalmuseums gewonnen.

Bis 2035 will Finnland klimaneutral werden

Ein Leben im Einklang mit der Natur ist in Finnland tief verwurzelt, die Natur- und Klimaschutzziele angesichts des Klimawandels entsprechend ambitioniert: Bis 2035 will das Land klimaneutral werden. Die finnische Gemeinde Ii – die sich tatsächlich so schreibt –, in der JKMM kürzlich einen für den nächsten Mies-van-der-Rohe-Award nominierten Hof renovierten, geht mit großen Schritten voran, senkte ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent und produziert inzwischen zehnmal mehr Strom als sie braucht. „Der Kern der Nachhaltigkeit besteht darin, zwischen Bedürfnissen und Wünschen zu unterscheiden“, sagt Emma Johansson. „Es ist unsere Aufgabe als Architekten und Architektinnen, die schwierigen Fragen nach Werten, Lebensdauer, Umwandlungsflexibilität und letztendlich nach Recycling zu stellen.“

Viele Kilometer weiter südlich dümpelt ein Ruderboot auf dem See, genießt ein Angler die Ruhe. Mit 3000 Kilometern schiffbaren Flüssen und Kanälen ist Saimaa das größte Seengebiet Europas. Vögel zwitschern, ein Wiesel flitzt am Ufer entlang, wo sich zwischen Birken ein Mökki versteckt. Drei Millionen solcher Sommerhäuser gibt es. „Mein happy place ist unser einfaches und bescheidenes Häuschen am Saimaa-See, dem größten See in Finnland“, schwärmt auch Innenarchitektin Meuronen. Schwimmen, Fischen und Saunieren – es sind die einfachen Dinge, die die Menschen hier während des kurzen, intensiven Sommers glücklich machen.

Ein Hotel in Kivijärvi: Auf Pfählen balancierende Zimmer.

Die Tradition der Rauchsauna, mit Holzofen und Birkenzweigen, reicht lange zurück, trotzdem gibt es keine starren Regeln. Es wird gelacht, geschwatzt und auch mal ein Glas getrunken. „Mach, wie du willst, solange du dein Gegenüber respektierst“, das gilt in der Sauna – und ist auch außerhalb wichtig. Genauso wie das Thema Gleichberechtigung. In Finnland durften Frauen 1906 als erstem Land Europas auf nationaler Ebene wählen. Heute regiert mit der 36-jährigen Sanna Marin die jüngste Ministerpräsidentin der Welt. Und die Finninnen und Finnen sind zufrieden mit ihrer Regierung, wie der World Happiness Report belegt. Sie vertrauen nicht nur den Behörden, sondern auch einander. Während viele Deutsche tendenziell eher skeptisch sind, glauben die Finnen erstmal daran, dass andere schon das Richtige tun.

Schon die 75 Jahre alten Geschichten der Mumins-Trollwesen erzählen davon – von Freundschaft und Liebe, vom Respekt vor der Natur, von Gleichheit, Toleranz und Freiheit. „Die finnische Kultur basiert sehr stark auf dem Verständnis, dass kollektive Zufriedenheit und Glück auch persönliche Zufriedenheit und Glück mit sich bringen. Das ist auch für uns als Büro wichtig – wir arbeiten so, dass alle zufrieden sind, in dem Wissen, dass wir alle unseren Beitrag leisten“, beschreibt Emma Johansson die Arbeit bei Studio Puisto.

In Finnland leben die Menschen in Harmonie mit der Natur

Und als Corona plötzlich Abstandsregeln mit sich brachte, machte in Finnland ein Witz die Runde, heißt es: Was, zwei Meter? So nah sollen wir uns kommen? „Wir sind füreinander da, gehen durch Dick und Dünn. Lachen ist ein wichtiger Teil unseres Alltags. Bei uns herrschen Gleichberechtigung und ein bodenständiger Geist, der eine Tasse Kaffee und unseren Pub nebenan sehr schätzt“, sagt Päivi Meuronen.

Sprung nach Westen. Im Archipel von Turku mit seinen 40 000 Inseln weht eine frische Brise. Ob auf Bengtskär mit seinem 1906 erbauten Leuchtturm oder auf Hirvensalo, wo die minimalistische, aus Kiefernholz errichtete Kapelle von Sanaksenaho Architects an ein umgedrehtes Boot erinnert. In Turku selbst, der alten Hauptstadt mit ihrem mittelalterlichen Dom, pulsiert das urbane Leben. Zwischen Markt- und Kunsthalle lohnt ein Schlenker zur Bibliothek von JKMM. Klare Formen aus Glas, Stein und Holz, aufs Wesentliche reduziert. Von dieser Idee zeugt schon das 1933 erbaute Tuberkulose-Sanatorium Paimio. Alvar und Aino Aalto definierten damit modernes, finnisches Design neu: Der Mensch im Mittelpunkt und in Harmonie mit der Natur, so der Anspruch.

Finnland in der Übersicht

NameFinnland
Bevölkerung5,531 Millionen (Stand: 2020)
HauptstadtHelsinki
WährungEuro
Fläche338.455 km² (davon 303.921 km² Land)

Dabei Schönheit im Einfachen zu finden, dafür steht auch das Helsinkier Aalto House von 1936, Wohnort und Arbeitsplatz von Alvar und Aino Aalto. Wie zeitgemäß der Aalto’sche Designansatz noch heute ist, zeigt sich im frisch renovierten Savoy: 1937 eröffnet, wurde das Restaurant in Helsinki, das weitgehend im Originalzustand erhalten war, 2020 von der Architektin Ilse Crawford und ihrem Büro Studioilse überarbeitet. Viel Liebe und ein wenig Reparatur, mehr sei nicht nötig gewesen, so Crawford.

Glück lässt sich bauen - das zeigt sich in Finnland

Eine gelassene Zurückhaltung im Umgang mit Werk und Aufgabe, die sich auch bei Meuronen zeigt: „Gutes Design entsteht immer aus einem Bedürfnis heraus, es muss sinnvoll, langlebig und funktional sein.“ Es müsse in erster Linie einen Mehrwert im Alltag bieten. Wenn man in einem Café auf Hockern von Artek sitzt, aus Gläsern von Iittala trinkt, während draußen Frauen vorbeigehen, die Kleider von Marimekko tragen, ahnt man, was sie meint.

Und was macht die Architektinnen selbst glücklich? „Familie, Freunde und gutes Essen! Für mich bedeutet Glück auch die Balance zwischen Arbeits- und Privatleben, auch wenn Architektur und Design meine Leidenschaft und gleichzeitig Hobby sind“, sagt Päivi Meuronen. Und Emma Johansson: „Glück besteht für mich aus kleinen Dingen wie meinen Tag mit ein paar Minuten im Garten zu beginnen und zu beenden oder ein gutes Buch zu lesen.“ Glück lässt sich bauen – in Finnland bekommt man eine Ahnung davon.(Kathrin Groth)

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