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Regisseur Rosa von Praunheim feiert seinen 70. Geburtstag.
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Regisseur Rosa von Praunheim feiert seinen 70. Geburtstag.

Rosa von Praunheim

Man findet sich, indem man sich erfindet

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Maler, Regisseur, Aufklärer, Dokumentarist: Zum 70. Geburtstag von Rosa von Praunheim.

Maler, Regisseur, Aufklärer, Dokumentarist: Zum 70. Geburtstag von Rosa von Praunheim.

„Das schöne Mädchen von Seite eins, das will ich haben und weiter keins“, spielt der Hammondorgler in Rosa von Praunheims „Die Bettwurst“. Das schöne Mädchen ist in diesem Augenblick Luzi Kryn, die eine üppige Sekretärin in den besten Jahren darstellt, ihr Bewunderer ist Dietmar, jung und doch schon vorbestraft, gespielt vom früh verstorbenen ehemaligen Strichjungen Dietmar Kracht.

Rosa von Praunheim hat beiden Laiendarstellern schon etwas mehr als die berühmte Warhol’sche Viertelstunde Berühmtheit beschert. Luzi spielte in fünf seiner Filme, darunter „Unsere Leichen leben noch“ oder „Can I Be Your Bratwurst, please“. Rosa von Praunheim selbst erzählt die Erfolgsgeschichte indes gerne umgekehrt. Luzi, davon ist er überzeugt, habe ihn berühmt gemacht. Dafür, dass er es geblieben ist, muss er wenigstens sich selber danken. An diesem Sonntag wird der große Unabhängige des deutsche Films – was man ihm nicht ansieht – 70 Jahre alt. Geboren 1942 während der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis von Riga, zur Adoption freigegeben und aufgewachsen als Holger Mischwitzky in Ost-Berlin, flüchtete er 1953 in den Westen, nach Frankfurt am Main.

Nicht der Homosexuelle…

Über die Malerei kam er Mitte der Sechzigerjahre zum Experimentalfilm. 1969 veröffentlichte er gemeinsam mit der späteren Kamerafrau Elfi Mikesch den anarchischen Fotoroman „Oh Muvie“, ein zu Unrecht vergessenes Juwel der deutschen Pop-Art-Geschichte. Sein Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, brachte ihn 1972 zur Documenta 5. Die vorausgegangene WDR-Fernsehausstrahlung führte zu einem Skandal und war entscheidend für die Entstehung einer modernen Schwulenbewegung. Berühmt ist Rosa von Praunheim heute vor allem als Aufklärer und Dokumentarist. Aber man darf darüber seinen Rang als Künstler nicht vergessen. Weltweit wird er als Pionier des unabhängigen Films verehrt. Längst ist der „Reiz des Privaten“ ein geflügeltes Wort in der Kunstwelt geworden, gerade widmet die Frankfurter Kunsthalle Schirn dem Phänomen eine große Ausstellung. Praunheims Filmkunst balancierte von Anfang an auf dieser magischen Grenze und war seiner Zeit darin manchmal voraus: Wie wird die Beobachtung von Privatheit der Peinlichkeit enthoben? Und wie wird, umgekehrt, die Inszenierung von Intimität nicht ins Überhöhende verfälscht?

Rosa von Praunheim hat früh erlebt, was mit der Spontaneität des privaten Ausdrucks passieren kann, wenn man sie in großzügige Dekors stellt. Sein aufwändiger Fortsetzungsfilm „Berliner Bettwurst“ in teuren Kulissen war nicht annähernd so erfolgreich wie die originale Bettwurst. Für seine weitere Arbeit aber muss das eine wichtige Erfahrung gewesen sein, dem Ausdruck des Echten, das seine Darsteller in die Filme brachten, nichts entgegen zu stellen.

Das hieß manchmal gar die eigene Fantasie, wenn es sein musste, zu bremsen. Denn bei aller ästhetischen Durchdringung, die Praunheims Filme nicht zuletzt durch ihre unverwechselbare Farbigkeit ausstrahlen, bei aller dramatischen Führung, die zu all den großen Gefühlen führt, ist er ja im Grunde ein Verist. Er liebt Menschen, die sich finden, indem sie sich erfinden, und er feiert die Wahrhaftigkeit dieser Selbsterfindungen. Hoffentlich noch lange.

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