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„Es herrschte das totale Chaos“, erinnert sich ein Überlebender. Vor Gericht müssen sich 30 Angeklagte verantworten.

Feuer auf Adria-Fähre

Prozess gegen "Norman Atlantic"-Reederei beginnt

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30 Menschen verbrannten 2014 auf der Adria-Fähre. Ab heute müssen sich Besatzung und Reederei verantworten.

Mehr als vier Jahre nach der Havarie der Autofähre „Norman Atlantic“ in der Adria beginnt am Montag die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücks, bei dem mindestens 30 Menschen verbrannten, erstickten oder ertranken. Die Besatzung des Schiffes und die griechische Reederei Anek Lines sehen sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert.

Die dramatischen Bilder gingen am 28. Dezember 2014 um die Welt: Brennend und steuerlos treibt die Autofähre „Norman Atlantic“ in der sturmgepeitschten Adria. An Bord: 427 Passagiere und 56 Besatzungsmitglieder. Das Schiff ist auf der Fahrt vom griechischen Hafen Patras zum italienischen Ancona, als am frühen Morgen auf einem der Fahrzeugdecks ein Feuer ausbricht. Als bei Anbruch der Dämmerung andere Schiffe zur Hilfe eilen, steht die Fähre bereits lichterloh in Flammen.

Feuerzungen schlagen aus den Parkdecks, eine riesige schwarze Rauchwolke steigt in den Himmel. Zehn Meter hohe Wellenberge, starker Regen und schlechte Sicht vereiteln zunächst alle Versuche, das brennende Schiff in Schlepp zu nehmen. Hubschrauber und ein Transportflugzeug der griechischen Luftwaffen kreisen über der Fähre. Aber sie können nichts ausrichten. Erst als sich der Sturm am nächsten Tag etwas legt, bringen die Hubschrauberpiloten der italienischen Marine in einer halsbrecherischen Rettungsaktion die Überlebenden von der immer noch brennenden Fähre in Sicherheit. 36 Stunden nach dem Ausbruch des Feuers werden der Kapitän und die letzten Passagiere ausgeflogen.

Im italienisches Ort Bitondo bei der Hafenstadt Bari beginnt am Montag der Strafprozess um die Havarie der „Norman Atlantic“. Verhandelt wird gegen 30 Angeklagte: Manager der griechischen Reederei Anek Lines, die das Schiff gechartert hatte, Verantwortliche des italienischen Schiffseigners Visemar di Navigazione, mehrere Offiziere, Matrosen sowie der Kapitän.

Feuer auf der "Norman Atlantik": Brandschutz wurde nicht eingehalten

Schon vor dem Auslaufen der Fähre aus Patras am Abend des 27. Dezember gab es offenbar erhebliche Versäumnisse. Die Passagierliste sei unvollständig gewesen, heißt es in der Anklage. An Bord waren 222 Fahrzeuge, darunter mehrere mit Olivenöl beladene Tanklaster. Beim Beladen der Garagendecks habe die Crew die Lastwagen und Pkw viel zu eng aneinander geparkt, rekonstruierte die Staatsanwaltschaft.

Dadurch sei es nicht möglich gewesen, die zum Brandschutz vorgeschriebenen Kontrollgänge während der Überfahrt durchzuführen. Als in der Nacht erste Flammen auf Deck 4 gemeldet wurden, aktivierten die wachhabenden Offiziere irrtümlich die Sprinkleranlage auf Deck 3. Dadurch konnte sich das Feuer ungehindert ausbreiten. Vor Gericht verantworten müssen sich jetzt auch mehrere Besatzungsmitglieder, die als erste in die Rettungsboote stiegen, statt sich um die Passagiere zu kümmern.

Einer der Passagiere, Erwin Schrümpf, wurde auf das Feuer gegen 2.30 Uhr in der Früh durch Stimmen aus der Nachbarkabine aufmerksam. Der 56-jährige Österreicher erinnert sich: „Binnen 90 Minuten stand das Fahrzeugdeck voll in Flammen, es gab keinen Alarm, kein Crewmitglied war zu sehen, es herrschte das totale Chaos.“ Dutzende Male hatte der Gründer und Chef des gemeinnützigen Vereins „Griechenlandhilfe“ bereits die Adria überquert, um mit seinem Transporter Hilfsgüter in das Krisenland zu bringen. Sollte dies seine letzte Hilfsmission gewesen sein?

Immer wieder erschütterten schwere Explosionen das Schiff. Die führerlos in den Wellen treibende Fähre bekam Schlagseite. „Ich dachte, hier kommst Du nicht mehr raus, ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen“, erinnert sich Schrümpf. Und dann kam doch noch die schon für unmöglich gehaltene Rettung aus dem Inferno: Nach 36 Stunden wurde Schrümpf als einer der letzten mit einem Hubschrauber auf das italienische Kriegsschiff „San Giorgio“ ausgeflogen. Wie viele Überlebende wartet er bis heute vergeblich auf eine angemessene Entschädigung der Reederei.

Seit der Havarie ist der Österreicher mit seinen Hilfsgütern bereits wieder drei Dutzend Mal über die Adria gefahren. Angst hat er nicht. „Ich denke, ein solches Unglück stößt mir im Leben nicht ein zweites Mal zu“, sagt Schrümpf nüchtern. „Aber es gibt Schreckensbilder von damals, die nie wieder weggehen – es war eine Fahrt durch die Hölle.“

Von dem Prozess erhofft er sich, dass die Reederei endlich alle Überlebenden und die Hinterbliebenen der Opfer angemessen entschädigt. „Das ist das Mindeste, was man nach über vier Jahren erwarten kann“, meint der Österreicher.

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