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Leben wie in Paris. Oder zumindest so ähnlich.

Kambodscha

Fernöstliche Euro-Zone

Wer es sich leisten kann, mietet sich in Kambodschas Hauptstadt zwischen Eiffelturm und Big Ben ein.

Der Eiffelturm funkelt im Sonnenlicht, zwischen saftig grünen Bäumen ragt er in den blauen Himmel. Kho Sokhom lächelt vor dem berühmten Bau in die Kamera. Ein kleines Foto-Andenken möchte sie unbedingt mitnehmen – auch wenn der Turm, vor dem sie steht, fast 10 000 Kilometer vom Pariser Original entfernt ist. Die kleine Frau mit Sonnenhut und blauer Handtasche steht vor einer Nachbildung im sogenannten Euro-Park in Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha. Der Park ist Teil eines geschlossenen Wohngebietes für Wohlhabende.

„Wir können nicht nach Europa reisen, deshalb kommen wir hierher“, sagt Kho Sokhom, die das Gelände an einem Sonntagnachmittag mit ihrer Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter besucht. Von den etwas zu perfekt anmutenden Fassaden deutscher Fachwerkhäuser, dem Big-Ben-Turm des britischen Parlaments und der Oper von Sydney, die sich in die europäische Themenwelt verirrt hat, zeigt sich die Autohändlerin begeistert. Eine Wohnung in der Anlage könne sie sich zwar nicht leisten, aber es sei ihr Traum, eines Tages hierher ziehen zu dürfen.

Kho Sokhom und ihre Familie gehören zu einer großen Zahl von Kambodschanern, die den Euro-Park besuchen, um Selfies zu machen, für Hochzeitsfotos zu posieren und sich für einen Moment in einer luxuriösen Umgebung aufzuhalten. Es ist eine Welt, die für die meisten der Besucher nie zu erreichen ist – zu niedrig sind die Einkommen der breiten Bevölkerung in dem südostasiatischen Land, von dessen Wirtschaftswachstum nicht alle profitieren.

„Es ist der Traum der kambodschanischen Mittelklasse, eine Wohnung in einem geschlossenen Wohnviertel zu besitzen“, sagt Tom O’Sullivan, Geschäftsführer einer nationalen Immobilien-Website. In den letzten fünf bis zehn Jahren sei die Nachfrage durch zunehmende Urbanisierung gestiegen. „Sobald ein Paar gemeinsam 2000 Dollar pro Monat verdient, ist es realistisch, auf eine solche Wohnung zu sparen.“

2000 US-Dollar entsprechen knapp 1800 Euro. Tatsächlich aber liegt das verfügbare Haushaltseinkommen in Phnom Penh nach Zahlen der Regierung aus dem Jahr 2017 bei durchschnittlich nur 506 Euro im Monat. Die meisten Haushalte im ländlichen Raum haben nur 293 Euro zur Verfügung. Auch wenn die offizielle Armutsrate sinkt, ist laut Weltbank immer noch ein Viertel der Bevölkerung davon gefährdet, in Armut abzurutschen.

Im Euro-Park sind diese Probleme nicht zu sehen. Besucher schlendern am Kanal entlang und verweilen zwischen europäischen Gebäuden – oder dem, was man in Kambodscha dafür hält. Die Modellbauten sollen verschiedene Architekturstile unterschiedlicher europäischer Epochen repräsentieren: Deutschland ist mit mittelalterlichem Fachwerk vertreten, daneben finden sich optische Anleihen aus dem viktorianischen Zeitalter in England und der Renaissance in Frankreich. Vieles wirkt aus dem Kontext gerissen und die Mischung erinnert an Disneyland. Überall im Park: schattenspendende Bäume – eine Rarität im ansonsten von Verkehr erstickten Phnom Penh.

Europa als Sehnsuchtsort

Auf dem bewachten Areal, zu dem der Euro-Park gehört, befinden sich etwa 8000 Villen. Eigentumswohnungen mit einem oder zwei Schlafzimmern sind ab 40 000 Euro zu haben, für Häuser mit drei bis vier Schlafzimmern werden 90 000 Euro fällig. Einzelne Villen kosten mehrere Millionen.

Glaubt man Immobilien-Experten, verbinden viele Kambodschaner mit europäischen Ländern und europäischem Design eine hohe und attraktive Qualität. Mit diesen Standards lasse sich hervorragend werben. „Gerade die jüngeren Generationen aus wohlhabenden Familien, die Bildungs- oder Freizeitreisen ins Ausland unternehmen können, sind besonders zugänglich für den europäischen Lifestyle und für entsprechende Wohnungen“, sagt Ross Wheble von der internationalen Immobilienagentur Knight Frank.

An diesem Tag sieht sich auch Sleh Roza mit ihrer Schwester und einer Freundin das Gelände an. Die 24-Jährige ist Rezeptionistin an einer privaten Grundschule und besucht den Euro-Park bereits zum zweiten Mal. „Es ist außergewöhnlich, so viele Bäume in der Stadt zu sehen“, sagt sie. Sie genieße die friedliche Atmosphäre im Park. Ob sie eines Tages dort leben werde? „Hoffentlich“, meint sie und lacht. (dpa)

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