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"Gerade feministische Frauen haben häufig Skrupel und denken: Oh, wir dürfen niemandem weh tun."

Maren Kroymann

„Feministische Frauen haben häufig Skrupel“

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Grimme-Preisträgerin Maren Kroymann über die Erotikhürde für Frauen im Fernsehen, den Segen der Vielseitigkeit und warum es immer noch zu wenig weibliche Comedians gibt.

Frau Kroymann, die Frankfurter Rundschau hat Ihre künstlerische Arbeit als scharfsinnig und professionell gelobt, …
Gute Zeitung!

… kommt mit dem Grimme-Preis, der Ihnen gestern verliehen wurde, die langverdiente Anerkennung dafür?
Dass ich als ältere, feministische Lesbe 20 Jahre nach „Nachtschwester Kroymann“ im deutschen TV wieder meine eigene Sendung haben und fortführen darf, jetzt mit einer tollen Produktionsfirma, und wir alle dafür auch noch den Grimmepreis bekommen, ist tatsächlich eine wohltuende Anerkennung. Und riesige Genugtuung.

Seit Ihrer Sketchcomedy in der ARD werden Sie mit Nominierungen und Preisen regelrecht überhäuft.
Manchmal fasse ich es nicht. In den Neunzigern habe ich fünf Jahre lang als erste Frau eine Satiresendung im Deutschen Fernsehen gemacht, an der ich auch als Autorin beteiligt war. Die wurde sehr viel gesehen, aber keiner kam auf die Idee, mich für einen Preis vorzuschlagen. Schließlich wurde die Sendung abgesetzt und ich habe umgeschaltet und verstärkt als Schauspielerin gearbeitet.

Und dann 20 Jahre später …
… kommt jemand auf die Idee, diese Sendung neu aufleben zu lassen. Wir machen im Prinzip dasselbe wie früher, moderner, aber aus demselben Geist heraus. Und auf einmal werde ich mit 68 Jahren als innovatives Comedyformat gefeiert. Großartig, oder?

Wie erklären Sie sich das Revival?
Ab einem bestimmten Alter dürfen wir dann wieder.

In Ihrer Satiresendung reiben Sie sich auch an Tabus. Welcher Begriff von Satire liegt dem zugrunde?
In der Satire werden gesellschaftliche Verhältnisse reflektiert, indem man Missstände überspitzt, überzeichnet und dadurch kenntlich macht. So würde ich es in Anlehnung an Tucholsky beschreiben.

Geht es um Entlarven?
Ja, entlarven klingt eigentlich gut, es darf nur nicht pädagogisch oder durchschaubar werden. Witzig sein ist bei Satire einfach das oberste Gebot. Es muss lustig sein, es muss zum Lachen bringen, obwohl es natürlich auch die verbitterte, die zynische und depressive Satire gibt.

Zynisch sind Sie nicht, aber auch nicht gerade zimperlich. In einem Ihrer Sketche spielen Sie eine Frau, die sich um einen Vorstandsposten bewirbt, ihr Gegenkandidat ist ein Mann im Rollstuhl. Und dann überbieten sich die beiden mit der Beschreibung heftiger Behinderungen, die sie angeblich haben. Das ist schon sehr böse. Wie viele Protestbriefe von Behindertenverbänden haben Sie anschließend bekommen?
Keinen. Offenbar wurden wir richtig verstanden.

Wo sind denn Ihre Grenzen bei Satire?
In dem Sketch geht es um Krankheiten, um Geschlecht, Herkunft, Ethnie – alles ernste Themen. Und gerade das hat mich sehr gereizt. Denn ich sehe auch da die unfreiwillig komischen Aspekte und die möchte ich aufzeigen. Ich will, dass wir als Frauen auch über uns lachen können. Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn sich eine Minderheit – oder eine diskriminierte Mehrheit – über sich lustig macht. Das ist für mich das Souveränste und Schönste, so möchte ich Frauen sehen.

Humor gehört leider nicht zu den feministischen Stärken.
Gerade feministische Frauen haben häufig Skrupel und denken: Oh, wir dürfen niemandem weh tun. Wir sind doch die Guten, wir dürfen nicht gemein sein, wir dürfen nichts Zynisches sagen. Hier stelle ich den Witz und das Lachen, die Freiheit der Satire über die Political Correctness.

Frauen sind Ihnen wohl zu nett.
Diese Hürde müssen wir tatsächlich überwinden, wir müssen auch gemein, böse, dreckig, laut und fies sein können. Nur dann wird es lustig. Ok. Fein und böse kann auch gut sein.

In der Szene führt die Bewerberin auch ihr Frausein als Behinderung an. Das könnte glatt auf die Kabarettszene übertragen werden, die weitgehend frauenfrei ist. Es mag ja sein, dass es Frauen nicht leicht fällt, lustig zu sein, aber dürfen sie es überhaupt? Immerhin mussten 20 Jahre vergehen, bis Ihr satirisches Talent wiederentdeckt wurde …
Ich war ja immer lustig, es wurde nur nicht zugelassen.

Warum gibt es so wenige weibliche Comedians?
Weil die Karriere über das Fernsehen läuft. Fernsehen ist ein optisches Medium und dorthin kommen hauptsächlich Frauen mit einem bestimmten Aussehen. Es gibt so etwas wie die Erotikhürde. Wenn du irgendeine Art von Sexappeal hast, kannst du im Fernsehen eigentlich alles machen. Ob du Tatort spielst, Preise überreichst oder moderierst, ist völlig wurscht. Hauptsache du bringst dieses Aussehen mit und wenn du dann auch noch klug bist wie Anne Will – um so besser!

Aber bei Comedy und Satire gelten doch ganz andere Kriterien.
Klar, für Satire musst du in erster Linie schlau sein. Die satirischen Männer sind schlau und dürfen aussehen wie sie sind, nämlich wie Intellektuelle. Harald Schmidt hat mal einen guten Satz gesagt: „Ich heiße Schmidt und sehe auch so aus.“ Eine Frau, die aussieht wie Harald Schmidt, wäre nie …

… eine Moderatorin mit einem Gesicht wie Günther Jauch sicher auch nicht.
Ne, die wäre beim Hörfunk. Dabei bin ich völlig dafür, dass man so aussehen kann, wie man will, wenn man eine gute Sendung macht. Aber bei Frauen wird der Schönheitsfaktor, die Erotikhürde, zum Numerus clausus. Wir müssen die richtigen Titten, Beine, Haare haben, dann dürfen wir vor die Kamera.

Wenn man sich die Präsenz von Frauen auf dem Bildschirm rein zahlenmäßig ansieht, gibt es eine ziemlich üble männliche Dominanz – und die meisten Zuschauer merken es noch nicht einmal.
Das gilt nicht nur fürs Fernsehen.

Und wie ist das mit den Kabarettistinnen?
Dieses öffentliche Frauenbild hat ja Auswirkungen. Offensichtlich entsteht bei vielen Mädchen der Eindruck, wenn ich dünn bin und eine super Figur habe und mich auf dem Teppich gut mache, dann kriege ich hunderttausend Mal mehr Aufmerksamkeit als wenn ich einen klugen Satz sage. Und das ist der tiefere Grund dafür, warum es weniger Kabarettistinnen gibt als Frauen mit hautengen Kleidern auf dem roten Teppich.

Jemand hat mal über Sie gesagt, Sie seien eine Expertin im Geschlechterkampf.
Na ja, ich habe vier ältere Brüder und bin das einzige Mädchen in der Familie.

Harte Schule.
Ja, da konnte ich aber viel beobachten. Ich wurde von meinen Eltern im Prinzip genauso erzogen wie meine Brüder. Ich bin auf dieselbe Schule gegangen, ich sollte genauso schlau sein und trotzdem klappte das ab einem bestimmten Alter nicht mehr. In der Pubertät wurde von Mädchen etwas anderes verlangt und da war ich dann aufgeschmissen. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass man als Mädchen anders sein sollte als die Brüder. Da hatte ich echt zu kämpfen – wie man sich nett anzieht, wie man die Haare mit so einem Schwupps nach oben macht, wie man sich schminkt und so.

Sie kommen aus einem protestantischen Elternhaus in Tübingen, haben dort im Kirchenchor gesungen und später auf Lehramt studiert. Klingt alles sehr brav.
Nebenbei habe ich aber subversiv in Stuttgart Ballett getanzt. In Tübingen war das nicht gesellschaftsfähig. Ballett war unintellektuell, Tanzen ging gar nicht. Die Tübinger Professorengattinnen mokierten sich schon und meinten, meine Eltern sollten mich lieber in den Tennisclub geben. Ich habe aber tapfer weitergemacht, bis ein Jahr vor dem Abitur, dann war ich in den USA und habe mich dort für Schauspiel angemeldet. Mein späteres Literaturstudium, Sprachstudium und Staatsexamen klingt wirklich sehr bürgerlich, aber parallel habe ich meine Arbeit als Schauspielerin gelernt und im Hanns-Eisler-Chor gesungen. Dort habe ich auf einmal gemerkt, dass ich eine Solostimme habe, eine Diseuse-Stimme. Das war der Anfang von meiner Gesangskarriere.

Sie singen, Sie spielen, Sie machen Kabarett – Ihre Vielseitigkeit erinnert an die großen Stars früherer Zeiten.
Die verehre ich wirklich sehr. Das sind schon Vorbilder für mich. Nehmen wir Shirley MacLaine. Was die alles kann und was ihr auch zugestanden wird, ist einfach großartig. Es muss einem ja erlaubt werden, vielseitig zu sein, denn das wird auch schnell negativ gewendet. Wenn man witzig spielt, heißt das für viele Produzenten und Regisseure, dass man für ernste Sachen nicht besetzt werden kann. Sie sagen nicht: eine super Komödiantin, sondern: Für ernst geht sie auf keinen Fall.

Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen bemühen sich doch gar nicht groß um Vielseitigkeit.
Das hängt mit den Vermarktungsmöglichkeiten zusammen. Du machst schneller Karriere, wenn du für eine Sache stehst. Wenn du dann ganz berühmt bist, darfst du alles machen und wirst dafür bewundert. Wie Peter Ustinov zum Beispiel. Aber bis man bekannt ist, tut man gut daran, ein bisschen einseitiger zu sein.

Sie sind von Hanns Eisler geprägt, der sich gefragt hat, wie man die Massen erreichen kann, ohne sie zu verdummen.
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Eisler bezog es auf die Musik, mir geht es ums Fernsehen. Ich spiele ja auch manchmal um 20.15 Uhr eine Hauptrolle, da läuft auch Pilcher, das ist Mainstream. Aber wenn die Rolle eine kluge Fragestellung hat, ein gutes Frauenthema und sogar aufklärerisch ist, mach‘ ich es trotzdem.

Sie haben mal gesagt: Daheim war die Hochkultur, also suchte ich mir draußen das Triviale.
Also das Triviale fing ja schon früh durch die Popmusik an, die meine älteren Brüder hörten und meine Eltern nicht leiden konnten. Mit acht oder neun Jahren war ich total verknallt in Elvis Presley und ich spürte, das ist etwas, was die Eltern nicht wollen. Später wurde mir klar, das es irgendetwas mit Sexualität zu tun hatte. Ich konnte es nicht so benennen, aber fand es klasse. Außerdem wollte ich nicht nur dieses Ordentliche. Ich war zwar ein braves Kind und gut in der Schule, aber ich wollte auch die andere Welt kennenlernen. Und da gab es Sex, Küsse, Liebe und so weiter.

Anfang der neunziger Jahre haben Sie sich als lesbisch geoutet. Hat sich das beruflich ausgewirkt?
Ja, schon. Ich hätte es nicht gedacht, weil ich ja so ein optimistischer Mensch bin und immer ans Gute im Menschen glaube – selbst bei Programmdirektoren.

Das war wohl ein Fehler.
Ich habe ein Jahr lang gar kein Angebot für eine Rolle bekommen, nicht mal eins, das ich hätte ablehnen können. Später haben mir Kollegen erzählt, dass sie immer wieder versucht hätten, meinen Namen ins Spiel zu bringen. Aber die Verantwortlichen haben wohl entschieden, dass man mich für heterosexuelle Rollen nicht mehr besetzen kann, dass dies eine Zumutung für das Publikum wäre.

Wie lange hielt der Bann?
Na ja, so dramatisch war es auch nicht, ich bekam ja andere Rollen. Aber bis ich wieder als ernstzunehmender heterosexueller Love-Interest um 20.15 Uhr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen besetzt wurde – das dauerte tatsächlich fast 20 Jahre. Ich bin happy, dass ich nach zwei Jahrzehnten da angekommen bin, wo ich ohne mein Outing einfach weitergemacht hätte.

Aber das ist ja auch tragisch. Gab es mal einen Punkt, an dem Sie den Job an den Nagel hängen wollten?
Den Beruf an den Nagel hängen … Nö, ich habe ja immer gearbeitet. Da hilft mir auch meine Vielseitigkeit, wenn das eine nicht klappte, habe ich eben was Neues gemacht, zum Beispiel meine Bühnenprogramme. Ich bin nicht untergegangen und ich war in der Öffentlichkeit immer präsent als Person mit Haltung.

Das Gespräch führte Bascha Mika.

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