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Madonna mit ihrem Adoptivsohn David vor der Eröffnung eines Krankenhauses in Malawi 2017.

Madonna

Feminismus à la Femme fatale

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Madonna wird 60. Ihre Markenzeichen: katholische Frevel, umstrittene Mutterrollen und Beifall aus der Gay-Community. Ihr Lebenswerk versteht sie als Akt der Emanzipation.

Sie räkelte sich als Marie-Antoinette bei den MTV Video Music Awards 1990 zu ihrem Dauerbrenner „Vogue“; sie küsste beim gleichen Event 2003 als Bräutigam kostümiert Britney Spears und Christina Aguilera im knappen Brautlook mit der Zunge auf den Mund – die Performance zum gemeinsam dargebotenen Klassiker „Like a Virgin“; sie gab im Video zu „Like a Prayer“ (1989) die Maria Magdalena, die mit einem schwarzen Jesus Sex in einer Kirche hat. Der Vatikan verhängte schnell ein Blasphemie-Verdikt über das Video. Dort stand die Sängerin ohnehin schon auf dem Index, nachdem sich die getaufte Katholikin zwei Jahre zuvor erstmals mit der Kirche anlegte, indem sie ihren Song „Papa Don’t Preach“ frevelhaft Johannes Paul II. widmete.

Vermögen auf 590 Millionen US-Dollar geschätzt

Provokation, mit Vorliebe in Richtung katholischer Kirche, zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere von Madonna. Gepaart mit einem gesunden Selbstbewusstsein, zu dem die im US-Bundesstaat Michigan geborene Tochter italienisch-frankokanadischer Eltern spätestens gekommen war, als sie den Manager des schon bekannten Michael Jackson für sich gewonnen hatte. „Ich dachte, wer ist die erfolgreichste Person der Musikindustrie und wer ist ihr Manager? Den will ich“, sagte die Sängerin später, lange, nachdem sie ihre in der Heimat begonnene Tanzausbildung aufgegeben hatte und mit 19 Jahren für die ganz große Karriere nach New York gegangen war. Gerade mal 30 Dollar soll sie damals in der Tasche gehabt haben. Heute schätzt das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ das Vermögen der Sängerin auf unglaubliche 590 Millionen US-Dollar. Wie war ihr erster Top-Five-Hit in den US-amerikanischen Singlecharts doch prophetisch: „Lucky Star“.

Ruhm und Reichtum verpflichten, mag man der Pop-Queen vorhalten – und läuft dabei nicht ins Leere. 2006 gründet die Sängerin die Stiftung „Raising Malawi“, die sich für Waisenkinder in dem südostafrikanischen Staat, einem der ärmsten Länder der Erde, einsetzt. Warum ausgerechnet Malawi? Von dort machte sie eine Geschäftsfrau auf das Elend in den Waisenhäusern aufmerksam, nachdem sie gehört hatte, dass sich Madonna bereits für die weltweit aktive Kinderhilfsorganisation „Spirituality for Kids“ engagiert.

„Es ist schlimm, Menschen leiden zu sehen. Aber noch schlimmer ist es, Kinder leiden zu sehen“, sagte Madonna 2007 im Gespräch mit dem späteren Präsidenten der Weltbank, Jim Yong Kim, der als Harvard-Professor eine Lanze für den Kampf gegen Aids in Afrika gebrochen hatte. 2008 wird die Adoption ihres ersten malawischen Kindes rechtskräftig, drei weitere Adoptionen sollten folgen.

Mit ihren heute 60 Jahren hat Madonna damit einer sechsfachen Mutterpficht gerecht zu werden, denn zwei leibliche Kinder aus zwei geschiedenen Ehen hatte sie schon zuvor. Ihre zusätzlichen Adoptionen sind da umstrittene „Wohltaten“ einer Superreichen, die sich, so die Kritik, mit ihren malawischen Kindern bloß zu PR-Zwecken schmücke wie andere ihren Tannenbaum mit Kugeln.

Ihre Kritiker übersehen aber, dass Madonnas Engagement ausgerechnet für elternlose Kinder einen tieferen Grund hat. Als sie drei Jahre alt war, starb ihre Mutter an Brustkrebs – ausgerechnet ihre Mutter, eine tiefreligiöse Katholikin. Wie kann das sein, fragt sich Madonna in frühen Jahren. Warum ausgerechnet sie? Der Same ihrer lebenslangen Rebellion gegen alle anerzogenen katholischen Glaubensgewissheiten ist damit gelegt. Als dann auch noch der Vater ihr Kindermädchen heiratete, war das für Madonna nicht nur wie ein Verrat an ihrer Mutter. Damit ging ihr auch der Vater verloren.

Warum sollte man es Madonna also nicht abnehmen, dass es ihr ein ernstes Anliegen ist, sich für Waisenkinder einzusetzen? Zumal ihre Kritiker auch übersehen, dass Madonna schon zum Zeitpunkt ihres Engagements in Malawi und ihrer späteren Adoptionen den Zenit des Pop-Himmels längst erreicht hatte. Mit ihrem Song „Hung up“ hatte sie sich just zuvor erst wieder einmal selbst übertroffen. Sogar wer den oftmals technisch nachgeholfenen Songs der ohne Zweifel nur mittelmäßigen Sängerin nur wenig abgewinnen kann, konnte nun nicht anders als zu dem Abba-Abklatsch à la Madonna einfach – ja, abzugehen. Zuweilen freilich auch bis zum Überdruss.

Sei’s drum: Nach den Alben „Ray of Light“ (1998) und „Music“ (2000) hatte sich Madonna einmal mehr neu erfunden. Und setzte ihren Provokationen nochmal eins drauf, ließ sich bei der „Confessions Tour“ zu dem Album, dem „Hung Up“ entnommen war, an ein illuminiertes Kreuz hängen. Auf dem Kopf trug sie eine Dornenkrone und gab dazu ihren Klassiker „Live to Tell“ zum Besten. An der Stelle des Gekreuzigten war nun Madonna, auf der Leinwand zählte eine achtstellige Ziffernfolge bis zur 12-Millionen-Marke hoch, dann war zu lesen: „In Afrika sind 12 Millionen Kinder wegen Aids verwaist.“

Es sind derlei Kontexte, die Madonna für ihre Klassiker von Tour zu Tour aufs Neue findet und weswegen ihre Konzerte auch heute noch ausverkauft sind; aller überbordender Akustikeffekte und leider viel zu selten dargebotener Live-Musik zum Trotz. Denn ja, die „Queen of Pop“ hat wahrlich keine Megastimme, doch sind ihre Songs stimmlich auch bewusst nicht anspruchsvoll, sodass sie Madonna auch live aufführen kann. Natürlich nur, wenn sie bei ihren Konzerten – immer exakt zwei Stunden lang, Zugabe gibt’s nie – nicht am Dauerdancen ist. Gerade ihre ruhigeren Nummern sind jedes Mal ein Highlight, man denke nur an „Secret“, die stimmungsvollen Balladen der „Frozen“-Ära oder das viel zu wenig beachtete „Like It or Not“.

Wegen ihrer gigantischen Shows, in denen jede laszive Geste, jedes ordinäre Wort und jeder glitzernde Pump auf Wirkung zielt, sieht es Madonnas Konzertpublikum der Pop-Queen aber nach, wenn sie technisch nachhilft. Umso mehr feiern es ihre Fans, wenn sie sich „erdreistet“, zu einem Konzert wie jenem mit dem Kreuzauftritt auch noch den Papst einzuladen, als sie mit der „Confessions Tour“ in Rom gastierte. Der Vatikan sprach in biedermännischer Manier von einem „Akt der offenen Feindseligkeit“, Papst Benedikt XVI. kam natürlich nicht ins römische Olympia-Stadion; predigte später, bei einer Reise nach Kamerun, lieber, dass das Aids-Problem in Afrika durch die Verteilung von Kondomen nur größer werde… Einen Akt starrsinniger Weltfremdheit hätten ihm Madonna-Fans wohl vorgeworfen, kommen sie zum Großteil doch aus der Gay-Community, wo Kondome inzwischen, Gott sei Dank, zum guten Stil gehören.

Schwule also, junge wie mit Madonna junggebliebene, feiern die Pop-Queen als ihr Idol. Aber kann eine Sängerin, die gefühlt jedes Frauen-Klischee buchstäblich auf die Spitze getrieben hat – man denke nur an ihre legendären „Cone Bras“ der Marke Gaultier –; kann eine Sängerin, die noch lange nach ihrer Menopause Liederzeilen schreibt wie „My love’s a revolver, / My sex is a killer, / do you wanna die happy?“, die aus ihrer ersten Scheidung mit einem „Sex“-Bildband herausgeht, worin sie völlig blank zieht, und sich heute mit halbstarken Toyboys schmückt wie, ja, wie andere ihren Tannenbaum mit Kugeln – kann eine solche Femme fatale auch ein Vorbild sein für Frauen im feministischen Zeitalter?

Der Vatikan würde „Nein“ sagen. Aber das will nichts heißt, das sagt er schließlich auch zum Feminismus. Doch auch die US-amerikanische Feministin Camille Paglia wirft Madonna heute vor, sie erweise der Frauenbewegung einen Bärendienst, indem sie ihre Sexualität verobjektiviere.

Als Madonna 2016 den „Woman of the Year“-Award der Musikzeitschrift „Billboard“ erhielt, sagte sie in ihrer Dankesrede in Paglias Richtung, sie sei eben eine „schlechte Feministin“, wenn man als Feministin seine Sexualität verleugnen müsse. Madonnas Ansatz ist ein umgekehrter: Gerade weil es sich für Frauen wohl nicht schickt, auf Sexualität zu setzen, macht sie es. Wie schon mit ihrem „Sex“- Bildband, sagte sie: „Man verglich mich dafür sogar mit dem Satan. Ich dachte mir: Rennt Prince nicht mit Netzstrümpfen, Highheels und Lippenstift herum und lässt seinen Hintern raushängen? Ja, aber er war ein Mann. Da verstand ich zum ersten Mal, dass Frauen nicht genauso frei sind wie Männer.“ Frauen müssten anfangen, ihren eigenen Wert hochzuhalten.

Einen Monat später rief sie in Washington den Teilnehmerinnen beim „Women’s March“ gegen Trump ähnliche Worte entgegen – und sang ihre schlüpfrige Frauen-Hymne „Express yourself“: „So if you want it right now, / make him show you how. / Express what he’s got, / oh baby ready or not“. Madonna, die kontroverse Feministin. Oder, wie sie selbst sagt: „Die Leute sagen, ich sei umstritten. Aber das Umstrittenste ist, dass ich immer weitergemacht habe.“ Und ein Ende der „Queen of Pop“ mit Pumps und Provokation ist noch lange nicht in Sicht.

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