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„Der Vergewaltiger bist du!“ – Street-Art von Loreto Góngora.

Chile

Feminismus aus Chile: Der Staat, ein Macho

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Eine Performance gegen sexuelle Gewalt wird von Frauen weltweit aufgeführt. Die Initiatorinnen kommen aus Chile. In dem südamerikanischen Land ist der Feminismus auch eine treibende Kraft im Kampf gegen soziale Ungleichheit.

  • Performance gegen sexuelle Gewalt
  • Initatorinnen aus Chile treten bereits seit 2019 auf
  • Kollektiv prangert die hohe Zahl an Frauenmorden und die niedrigen Verurteilungsraten bei Sexualstraftaten an

Mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger und verbundenen Augen zeigen schwarzgekleidete Frauen auf ihre Zuschauer*innen und rufen: „Es war nicht meine Schuld! Egal, wo ich war, egal, wie ich angezogen war. Der Vergewaltiger bist du!“ Buenos Aires, Neu-Delhi, New York und Paris sind nur einige der Städte, in denen Frauen an öffentlichen Plätzen aufgetreten sind, um auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen. Auch in Deutschland haben sich Studentinnen etwa in Berlin, Freiburg, Köln und Bonn angeschlossen und gemeinsam auf der Straße getanzt.

„Es war ein starkes Gefühl, erst gemeinsam den Tanz und den Text einzustudieren und dann laut zu rufen. Da kam Mut und Kampfgeist auf – ein Gemeinschaftsgefühl“, sagt die 24-jährige Sophia La Mela, die in Köln und in Bonn Anfang des Jahres an der Aktion beteiligt war. „Der Text passt auf der ganzen Welt, weil Frauen überall Gewalt erleben, nicht gesehen werden und im Patriarchat leben. So hat der Feminismus eine noch stärkere neue Bedeutung bekommen“, sagt die Studentin.

Die Initiatorinnen kommen vom anderen Ende der Welt: aus der Hafenstadt Valparaíso in Chile. Dort haben sie den Protesttanz im November 2019 mit etwa 40 Frauen zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Dafne Valdés, Paula Cometa, Sibila Sotomayor und Lea Cáceres, alle Anfang 30, haben vor zwei Jahren das Kollektiv „LasTesis“ gegründet – übersetzt heißt das „Die Thesen.“

Performance für den Feminismus: „Die meisten Sexualstraftäter sind auf freiem Fuß“

„Das Ziel unseres Kollektivs ist es, die Thesen feministischer Theorie durch visuelle und performative Formate in die Praxis zu übertragen“, sagt Paula Cometa. Sie ist Designerin und studiert gerade Geschichte auf Lehramt. Alles was sie sagt, stehe stellvertretend für das Kollektiv, darauf besteht sie. Valdés und Sotomayor haben Schauspiel studiert und Cáceres ist Kostümdesignerin.

Die Performance „Un violador en tu camino“ („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“) ist eigentlich Teil eines längeren Theaterstücks, an dem die Frauen seit etwa einem Jahr arbeiten. Grundlage ist eine längere Recherche über Vergewaltigung und Straffreiheit von Sexualstraftätern. Damit wollen sie das Bild des Vergewaltigers als „ferngesteuertem Triebtäter“ zurechtrücken, inspiriert von der italienischen Feministin Silvia Federici und der argentinischen Anthropologin Rita Segato.

„Federici zeigt auf, dass der Kapitalismus auf der Unterdrückung der Frauen basiert. Segato kommt zu dem Schluss, dass ein Vergewaltiger aufgrund einer sozialen Machtstruktur vergewaltigt“, sagt Cometa. „So wird die Figur des Vergewaltigers als ein Subjekt, das seine sexuelle Lust befriedigen will, entmystifiziert. Die Vergewaltigung ist eine Strafe für das Opfer, das nicht der Norm entspricht. Das kann eine Frau sein, die einen Minirock trägt, aber auch ein homosexueller Mann, der aus der Norm fällt.“

Kollektiv prangert die hohe Zahl an Frauenmorden und die niedrigen Verurteilungsraten bei Sexualstraftaten an

„Das Patriarchat ist ein Richter, der uns bei der Geburt verurteilt. Und unsere Strafe ist die Gewalt, die du nicht siehst: Die Straflosigkeit des Mörders, das Verschwinden lassen, die Vergewaltigung“ – so beginnt die Performance. Damit will das Kollektiv die hohe Zahl an Frauenmorden und die niedrigen Verurteilungsraten bei Sexualstraftaten anprangern.

Rund 3500 Frauenmorde gab es 2018 in Lateinamerika, wie Zahlen der Vereinten Nationen belegen. Laut einem Bericht des Chilenischen Netzwerks gegen Frauengewalt folgte in nur 25,7 Prozent der Anzeigen von Sexualstraftaten überhaupt ein Gerichtsprozess. Wenn es zu einem Prozess kommt, vergehen im Durchschnitt 522 Tage von der Anzeige bis zum Urteil. Das sind fast eineinhalb Jahre, in denen das Opfer Gefahr läuft, dem Täter erneut zu begegnen. Nur in acht Prozent der Fälle kommt es zu einem Urteil. „Wenn du eine Vergewaltigung anzeigen willst, dann fragt der Polizist dich zuerst, wie du angezogen warst oder wo du warst. Dann werden die Fälle zu den Akten gelegt, es gibt kaum Verurteilungen. Die meisten Sexualstraftäter sind auf freiem Fuß“, erklärt Paula Cometa.

In Chile ist der Tanz Teil der Bewegung für den Feminismus geworden

„El Estado opresor es un macho violador“ heißt es weiter in der Performance – der Staat, der unterdrückt, ist ein Macho, der vergewaltigt. In Chile ist der Tanz Teil der Bewegung geworden, die seit dem 18. Oktober 2019 das Land erfasst hat. Sie richtet sich gegen die Regierung von Sebastián Piñera und das neoliberale Wirtschaftssystem, das in der Verfassung verankert ist, die noch aus Zeiten der Pinochet-Diktatur stammt. Es hat dazu geführt, dass die soziale Ungleichheit immer extremer geworden ist und soziale Grundrechte wie Bildung, Rente und Gesundheitsversorgung privatisiert wurden.

Ignacia Navarette und Francisca Echeverría (von links) mit Freundinnen.

Die Regierung hat von Anfang an mit Gewalt und Repression auf die überwiegend friedlichen Proteste reagiert. 34 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, knapp 4000 wurden von Polizei und Sicherheitskräften verletzt, bei 460 von ihnen wurden Augenverletzungen durch Gummigeschosse oder Tränengasgranaten festgestellt, hat das Nationale Institut für Menschenrechte dokumentiert. Das Institut hat außerdem mehr als 200 Fälle von sexualisierter Gewalt durch staatliche Akteur*innen im Rahmen der Unruhen registriert, darunter vier Vergewaltigungen. Bei den Opfern handelt es sich größtenteils um Frauen und homosexuelle Männer. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sowie die Vereinten Nationen haben die Menschenrechtsverletzungen in Chile kritisiert, aber die Regierung streitet ihre Verantwortung nach wie vor ab.

„Die Revolution, die wir in Chile erleben, stellt die Machtstrukturen in Frage“

Anfang Dezember fand die größte Aufführung von „Un violador en tu camino“ in Santiago statt – mehr als 10 000 schwarzgekleidete Frauen verschiedenen Alters hatten sich vor dem Nationalstadion versammelt. „Die Bullen! Die Richter! Der Staat! Der Präsident!“, riefen sie. Bei jedem Wort gingen die Frauen in die Knie und nahmen die Hände hinter den Kopf. „Dieser Teil ist daran angelehnt, dass die Frauen auf der Polizeiwache gezwungen werden, sich auszuziehen und Kniebeugen zu machen“, sagte die 29-jährige Francisca Echeverría. Sie war mit ihren Freundinnen zum Nationalstadion gekommen. Der Titel „Un violador en tu camino“ – Ein Vergewaltiger auf deinem Weg – bezieht sich im Übrigen auf den ehemaligen Slogan der chilenischen Polizei: „Un amigo en tu camino“ – Ein Freund auf deinem Weg.

Echeverría und ihre Freundinnen sind nicht überrascht, dass sich Frauen auf der ganzen Welt mit dem Text und Tanz von „LasTesis“ identifizieren. „Die Revolution, die wir in Chile erleben, stellt die Machtstrukturen in Frage, dazu gehören das Patriarchat und der Kapitalismus. Es gibt eine globale Krise und das hier ist erst der Anfang“, sagt Echeverría. Ihre Freundin Ignacia Navarrete fügt hinzu: „Alle Staaten sind Machos, die vergewaltigen. Das vereint uns Frauen auf der ganzen Welt.“

Die chilenischen Frauen haben Geschichte geschrieben

In den vergangenen Monaten wurde der Text in mehrere Sprachen übersetzt und der Tanz von Frauen auf der ganzen Welt interpretiert. Die Videos gingen über soziale Netzwerke wie Twitter und Instagram mit dem Hashtag #LasTesis viral. Im November versammelten sich mehr als 150 Frauen vor dem Eiffelturm in Paris und riefen: „Le violeur, c’est toi!“ In Manhattan kamen im Januar über 60 Frauen vor dem Gerichtsgebäude zusammen, in dem der Prozess von Harvey Weinstein stattfand. „The rapist is you!“ war ihr Kampfruf. In Istanbul wurden zahlreiche Demonstrantinnen nach dem Protesttanz auf der Straße festgenommen.

Die Frauen von „LasTesis“ hatten damit nicht gerechnet. „Wir glauben, dass es viral gegangen ist, weil die Gewalt global ist“, meint Paula Cometa. „Wir haben ursprünglich nur eine Performance gestaltet, kein Protestlied. Die Frauen haben es dazu gemacht. Was passiert ist, geht weit über unser Kollektiv hinaus.“

Das Schauspiel ist zum Symbol der Empörung in Chile geworden und hat deutlich gemacht, dass der Feminismus eine treibende Kraft der Bewegung ist. Auch Kunstschaffende wurden so inspiriert. Ein Bild sieht man an verschiedenen Orten von Santiago, auf T-Shirts, Halstüchern und in sozialen Netzwerken: Es zeigt eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die ein grünes Halstuch vor dem Mund trägt – das Symbol für die Bewegung zur Legalisierung von Abtreibung – und deutet mit dem Zeigefinger auf den Betrachter. „El violador eres tu“ – „der Vergewaltiger bist du“, steht darunter.

Feminismus aus Chile: Die chilenischen Frauen haben Geschichte geschrieben

Das Werk stammt von der Künstlerin Loreto Góngora, die durch die Initiative zur Street-Art gefunden hat. „LasTesis haben es geschafft, sichtbar zu machen, was der Großteil von uns Frauen erlebt. Wir wurden fast alle schon einmal missbraucht oder vergewaltigt“, sagt sie. „Die Performance hat mich tief berührt und inspiriert. Deshalb habe ich dieses Bild gestaltet und hierhin geklebt, damit alle Männer, die vorbeilaufen, sich angesprochen fühlen. Es wird immer so dargestellt, als ob Vergewaltiger Psychopaten oder Verrückte wären. Aber das ist nicht wahr, es kann jeder sein.“

Nicht nur ihre Kunst, auch die vier Frauen von „LasTesis“ sind in den vergangenen Monaten um die Welt gereist. Im Januar haben sie sie mit lateinamerikanischen Migrantinnen beim „Women’s March“ in New York aufgeführt, im Februar in Buenos Aires mit den argentinischen Frauen mit grünen Halstüchern für die Legalisierung von Abtreibung demonstriert, im März waren sie in Berlin und haben gemeinsam mit den Migrantinnen am Weltfrauentag Haltung gezeigt. „Wir sind müde, beeindruckt und gleichzeitig zufrieden, dass unsere Arbeit so viel Anerkennung erhalten und so viele Personen erreicht hat. Kunst ist für uns ein Mittel der Transformation und was passiert ist, hat das bestätigt. Das ist sehr erfüllend“, sagt Cometa.

In Chile gingen am Weltfrauentag am 8. März mehr als drei Millionen Frauen im ganzen Land auf die Straßen – es war der größte Protestmarsch seit dem Ende der Pinochet-Diktatur. Tausende Frauen haben die Performance von „LasTesis“ vor dem Regierungspalast La Moneda getanzt. „Históricas“ hat eine Gruppe in Großbuchstaben auf den Asphalt am Plaza Italia geschrieben. Die chilenischen Frauen haben Geschichte geschrieben.

Von Sophia Boddenberg

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