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„Brüchig sind auch Spiegel.“

Brüche

Fein raus

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Bausparvertrag verprasst, Studium abgebrochen, Politkarriere vergeigt: Tania Kibermanis über die wichtigsten Stationen auf ihrem Weg ins Glück.

In meiner Familie galt schon seit jeher das heilige Mantra: Man muss was werden. Was bereits in der Natur der Sache liegt – irgendwas wird man ja immer. Dieses „was“ war allerdings sehr klar definiert: Ein Broterwerb mit gesellschaftlicher Anerkennung, einem dicken Auto vorm Eigenheim und tadellos gebügelten Klamotten. Spaß oder Leidenschaft kamen in diesem täglich gebeteten Rosenkranz allerdings nicht mal am Rande vor. Wahrscheinlich habe ich daher schon sehr früh eine Abneigung gegen allzu stromlinienförmige Wege entwickelt, und wenn ich auch nur eine Sache in meinem Leben mit brennendem Ehrgeiz verfolgt habe, dann die absolute Vermeidung von Geradlinigkeit. Als Kind wollte ich ständig was anderes werden: Zuerst Verkäuferin, dann Archäologin und später Kunstfälscherin. Und schon in der Grundschule habe ich sie gehasst – diese satten, selbstgewissen und vom vielen Vereinssport ganz rosigen Gören, die nach dem Abi natürlich für ein Jahr in die USA gingen und dort schon mal in einer noblen Existenzenvernichterkanzlei erste Erfahrungen in Selbstoptimierung sammeln durften. Die dann nach ihrem Jura- oder Wirtschaftsstudium Geschäftsführer von irgendwas wurden, und mit zusammengekniffenem Arsch auf der Überholspur an allem vorbeirasten, was sie vielleicht ein bisschen weiser und empathischer hätte machen können. Und das auch noch für Glück hielten. Und dann gab es die Abbrecher, die Rumtreiber, die so derart kreuz und quer auf ihren Lebenspfaden herumtorkelten, als hätten sie drei Promille intus. Zu denen gehöre ich. Den bis zu meinem 18. Geburtstag von meinen Großeltern sorgsam gehüteten Bausparvertrag für die geregelte Ausbildung verballerte ich innerhalb von ein paar Wochen für ein fragwürdiges Auto und eine ausgesprochen feine Sause in Paris. Nach der Schule wollte ich zur Abwechslung mal Literaturwissenschaftlerin werden. Ganz ernsthaft zu Kafka forschen, mit geheimnisvollem Literaturwissenschaftlerinnenblick versonnen durch den Dunst meiner Zigarette in die Ferne blicken und Gewichtiges denken – ungefähr so. An der Uni hielt ich es gerade mal vier Semester aus, nachdem ein Professor meine Hausarbeit mit den schroffen Worten monierte: „Zu viele eigene Gedanken!“ Damit war mir die Forscherei endgültig vergangen.

Ich wollte eigentlich nie irgendwas von dem werden, was ich für kurze Zeit dann doch mal gewesen bin: Aushilfssozialarbeiterin in einem Jugendzentrum beispielsweise, und das auch nur, weil ich den Chef vom SPD-Ortsverband her kannte und nach dem Pariser Bankrott dringend Kohle brauchte. Ich war sogar mal Delegierte der Jusos, allerdings schmiss ich sofort hin, als ich feststellte, dass ich so gar kein Talent für Parteiräson besitze. Aus Spaß bewarb ich mich kurz darauf mit einem grauenvoll traklesken Gedicht bei einem Literaturwettbewerb und gewann einen Preis. In der Jury saß der Herausgeber einer Literaturzeitschrift, der mich zu einem Autorentreffen einlud. Dort saß ich neben einer Schriftstellerin, die mich den ganzen Abend lang anstarrte und zum Abschied sagte, sie habe gerade ein Stück geschrieben und ich sähe genau so aus, wie sie sich ihre Hauptfigur vorgestellt habe. So landete ich plötzlich auf der Bühne. Und brachte es sogar bis zur einzigen Festanstellung meines Lebens an einem Stadttheater, wo ich in einem Stück mit Texten von Marquis de Sade spielte. Der Intendant hatte allerdings zwei Tage vor der Premiere das Wort „Ficken“ aus dem Text streichen lassen, um die Abonnenten nicht zu verschrecken. Eine Kollegin und ich sagten es natürlich trotzdem – genüsslich, laut und vernehmlich auf totenstiller Bühne. Noch am selben Abend flogen wir beide raus.

Danach fuhr ich Taxi. Und ich war verdammt gerne Taxifahrerin. Hätte ich nicht kurz darauf einen Kerl kennengelernt, mit dem ich dann nach Hamburg ging, ohne genau zu wissen, was ich dort eigentlich tun sollte – ich würde wohl immer noch in einem klapprigen Benz durchs Rhein-Main-Gebiet schuckeln und am nächsten Morgen verknitterte Geldscheine zur Bank tragen.

Tut mir irgendwas davon leid? Bereue ich gar den ein oder anderen Bruch? Ganz klares Nein. War schon alles prima so. Nicht durchweg gemütlich oder mit sorglosem Nachtschlaf verbunden, aber immer richtig – wenn auch vielleicht erst im Cognacschwenker-Rückblick nach vielen Jahren. Wenn ich in ein fremdes Land fahre und mich vorher jemand fragt, was ich denn dort zu tun gedächte, antworte ich stets: „Das weiß ich doch jetzt noch nicht – ich war doch noch nie da!“ Und so halte ich es auch mit dem Rest des Lebens. Meine älteste Freundin ist übrigens Bestatterin, das hat mich auch schon immer brennend interessiert. Ich würde sagen: Da geht noch was.

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