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Mitarbeiter auf dem Gelände der Youan-Klinik in Peking.

Coronavirus

„Es fehlen medizinische Geräte und Medikamente“

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Schlechte Versorgung könnte den Nordkoreanern zum Verhängnis werden, sollte das Coronavirus dort ausbrechen, sagt Andreas Oswald von der Welthungerhilfe.

Herr Oswald, Nordkorea und China haben eine über 1400 Kilometer lange Landgrenze. In China sind bereits mehr als 1700 Menschen am Coronavirus gestorben. Wie wirkt sich das auf Nordkorea aus?

Bislang gibt es keinen offiziell bestätigten Fall im Land. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass nicht doch irgendwo im Land jemand erkrankt ist. Aber die internationale Isolation und die Vorsichtsmaßnahmen der Regierung tragen sicher auch dazu bei, dass Nordkorea bislang scheinbar verschont wurde. Die Grenze zu China ist weitestgehend dicht und der Flugverkehr nach China und Russland wurde eingestellt. Andere Flugverbindungen gab es ohnehin nicht. Große Zusammenkünfte wurden abgesagt.

Haben diese Schritte auch Auswirkungen auf die Arbeit der Welthungerhilfe?

Andreas Oswald ist promovierter Agraringenieur und seit Herbst 2019 Landesdirektor der Welthungerhilfe in Nordkorea.

Ja. Mein Team und ich stehen derzeit voraussichtlich mindestens bis Ende Februar unter Quarantäne. Die einheimischen Mitarbeiter mussten sich Matratzen mit ins Büro bringen, denn sie müssen hier schlafen. Ich darf weiterhin in meiner Wohnung übernachten. Zwei Mal am Tag kommt ein Amtsarzt und misst bei allen Mitarbeitern die Temperatur und untersucht sie auf Symptome des Virus. Festgestellt hat er bislang nichts.

Unter welchen Problemen leidet die Bevölkerung?

In den Neunzigerjahren gab es Hungersnöte, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, aber die Versorgung mit Lebensmitteln ist immer wieder ein Problem. Vor allem zwischen Juni und August, kurz bevor die neue Ernte eingefahren wird, kann es knapp werden. Das kann zu Mangel- und Unterernährung und bei Kindern zu Wachstumsstörungen führen. Dass es aufgrund von Sanktionen zu wenig landwirtschaftliche Maschinen und Düngemittel gibt, verschärft die Situation. Außerdem haben viele Menschen vor allem in den abgelegenen ländlichen Regionen nur eingeschränkten Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen und medizinischer Versorgung. Es gibt zwar relativ viele Ärzte, aber es fehlt an medizinischen Geräten und Medikamenten.

Laut einem vorläufigen Bericht der Vereinten Nationen bräuchten derzeit rund 10,4 Millionen der rund 25 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner Humanitäre Hilfe... also fast die Hälfte!

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Sie beruhen auf Schätzungen der Vereinten Nationen und von Hilfsorganisation. Es ist hier sehr schwer, an verlässliche Zahlen zu kommen. Die Regierung stellt kaum Daten zur Verfügung.

Welche Gründe – neben der politischen Isolation – gibt es für die Not der Menschen?

Die Sanktionen erschweren unsere Arbeit erheblich. Wenn wir beispielweise eine Wasserpumpe brauchen, müssen wir in Deutschland einen Antrag auf eine Einfuhrgenehmigung stellen, der dann an das Sanktionskomitee der Vereinten Nationen in New York weitergeleitet wird. Von der Antragstellung bis zum Eintreffen der Maschine kann mehr als ein Jahr vergehen. Aber es gibt hier viele weitere Probleme. In Nordkorea wird nur rund ein Viertel der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Zum Vergleich: In Deutschland ist es fast die Hälfte der Fläche. Kommt es zu Hitzeperioden, Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen, hat das schwerwiegende Auswirkungen.

Verschärft der Klimawandel diese Probleme?

Ja, es ist davon auszugehen, dass Extremwetter in Nordkorea in Zukunft häufiger und heftiger auftreten werden.

Was macht die Welthungerhilfe, um den Menschen in Nordkorea zu helfen?

Wir sind in der humanitären Hilfe, also der schnellen Versorgung in akuten Notsituationen, der Katastrophenvorsorge und der längerfristigen Entwicklungshilfe tätig. Wir arbeiten an der Verbesserung der sanitären Versorgung. Aber vor allem tragen wir mit landwirtschaftlichen Projekten wie verbessertem Kartoffel- und Gemüseanbau dazu bei, Hunger und Mangelernährung vorzubeugen.

Können Sie in Nordkorea frei arbeiten?

Wir müssen unsere Projekte mit der Regierung absprechen. Das ist allerdings in allen Ländern, in denen wir tätig sind, der Fall und auch richtig so. In unserem Büro sitzt ein Verbindungsbeamter der Regierung und achtet darauf, was wir tun. Wenn wir unsere Projekte außerhalb der Hauptstadt Pjöngjang besuchen wollen, müssen wir dafür einen Antrag stellen. Sie werden normalerweise stets genehmigt, aber momentan sind auf Grund des Coronavirus keine Reisen möglich.

Ist die Skype-Leitung, über die wir uns gerade unterhalten, sicher oder hört da vielleicht jemand mit?

Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass die Leitung sicher ist.

Die Welthungerhilfe ist seit 1997 in Nordkorea aktiv. So lange wie keine andere Hilfsorganisation. Sie ist die einzige deutsche humanitäre Organisation mit eigenem Personal und eigenem Büro in dem weitgehend isolierten Land...

Wir sind eine humanitäre, keine politische Organisation. Wir unterstützen Menschen in Not. Unabhängig davon, unter welcher Regierung sie leben. Wir sind in Nordkorea, weil wir hier gebraucht werden.

Macht Ihnen das regelmäßige Säbelrasseln zwischen US-Präsident Donald Trump und Kim Jong Un Angst?

Nein, eigentlich nicht. Ich denke und hoffe, dass es zu keinen unverantwortlichen Kurzschlussreaktionen kommt. Zudem beobachtet die Welthungerhilfe das Geschehen sehr genau. Sollte es für die Mitarbeiter zu gefährlich werden, würden wir in Sicherheit gebracht werden. Als ich im September letzten Jahres nach Nordkorea gezogen bin, dachte ich auch: Puh, was kommt da auf mich zu? Aber auch wenn hier natürlich vieles anders und teilweise ungewohnt ist, findet man seinen Weg. Und wenn man erstmal hier ist, fühlt sich alles weniger bedrohlich an. Ich kann mich in Pjöngjang frei bewegen und die Stadt erkunden. Die Koreaner sind nette, herzliche Leute, die gerne lachen. Unsere Aufgabe ist es auch, ein bisschen zur Völkerverständigung beizutragen. Auch wenn die Verständigung nicht immer ganz einfach ist, freut man sich, wenn es funktioniert.

Interview: Philipp Hedemann

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