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Leuchtfigur statt Tollitäten: ein stiller Gruß des Festkomitees Kölner Karneval an der Wegstrecke des abgesagten Rosenmontagsumzugs. Oliver Berg/dpa
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Leuchtfigur statt Tollitäten: ein stiller Gruß des Festkomitees Kölner Karneval an der Wegstrecke des abgesagten Rosenmontagsumzugs. Oliver Berg/dpa

Karneval Köln 2021

Fatale Flaute

Für Jecken ist Karneval ein Lebensgefühl. In Köln zeigt sich, wie viele Existenzen an der fünften Jahreszeit hängen.

Köln. Noch vier Tage bis Rosenmontag. Normalerweise würden im altehrwürdigen Gürzenich, der guten Stube Kölns, die Karnevalssitzungen in Doppelschichten gefahren. In den Festzelten am Stadtrand ginge bei Kinderkostümpartys die Post ab. In den Brauhäusern würde geschunkelt, gesungen und „gebützt“, wie die Kölner zum Küssen sagen. Freunde und Fremde, Arm in Arm, manchmal hautnah. Tausende Jungen und Mädchen würden letzte Hand an die Kostüme legen für ihren „Zoch“. Mehr als 80 Stadtteil-Umzüge gibt es in Köln. Zum alles überragenden Rosenmontagszug kommen in normalen Jahren etwa 1,5 Millionen Menschen.

Doch im Lockdown ist nichts normal und nichts wie sonst. Die komplette Veranstaltungs- und Gastronomiebranche ist trockengelegt, hängt am Tropf der Novemberhilfen, die nicht überall ankommen. Nicht alle werden die Pandemie überleben. Die großen Hallen, aber auch Pfarrsäle und Eckkneipen – alle sind verwaist. Die Proklamation des Kölner Dreigestirns mit Prinz, Jungfrau und Bauer – sonst „das“ gesellschaftliche Ereignis des Jahres, verkümmerte zu einer – wenn auch gut gemachten – Fernsehproduktion ohne Publikum. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schrieb von der „Proklamation als Geistersitzung“. Und die Tollitäten, die sonst mehr als 400 Auftritte mit großer Entourage und eigenem Hoffriseur absolvieren, haben ihre Aktivitäten weitgehend reduziert auf Videostreams aus einem improvisierten Studio in einem Hotel, der sogenannten Hofburg.

Karneval virtuell, allein die Vorstellung macht den rheinischen Jecken sentimental. Der neue Trend, Bilder aus den Vorjahren in den sozialen Medien zu teilen, statt an Sitzungen teilzunehmen, zieht ihn noch weiter herunter. Die Aussichten auf einen Straßenkarneval, der nicht stattfindet, gibt ihm dann den Rest.

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Der Karneval ist im Rheinland aber längst nicht nur Gefühl – er ist auch ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Eine Studie der Boston Consulting Group kam 2019 zu dem Ergebnis, dass in der Region etwa 6500 Jobs am Karneval hängen. Pro Session wurden zuletzt etwa 600 Millionen Euro umgesetzt, Tendenz seit Jahren steigend. Der pandemiebedingte Ausfall trifft nun die verschiedensten Branchen: Bäckereien mit ihren Teilchen und Metzger mit ihren Mettwürsten; Textil-Händler und Schneidereien, die auf Kostüme spezialisiert sind; Hotels, die Feiernde aus nah und fern beherbergen. Taxi-Unternehmen, Bierbrauereien, Firmen, die die Wagen bauen – fängt man einmal an, die betroffenen Branchen aufzulisten, kommt man aus dem Zählen gar nicht mehr heraus.

„Bei hunderten Sitzungen diverser Karnevalsgesellschaften sowie dem Straßenkarneval kam da bislang einiges zusammen“, sagt Garrelt Duin, Geschäftsführer der Kölner Handwerkskammer, über die im Verband organisierten Unternehmen. „Für diese Betriebe fällt der Umsatz, der durch den Karneval erwirtschaftet werden konnte, derzeit auf Null.“ Gebeutelt sind auch solche Handwerksbetriebe, die sich in normalen Zeiten zum Beispiel um Bühnen und Tribünen gekümmert hätten: Tischlereien, Elektriker, Gerüstbaufirmen. „So wird der Wegfall des Straßen- und Sitzungskarnevals im gesamten Ballungsraum rund um Köln, Bonn und Leverkusen tiefe Spuren auch in vielen Bereichen des Handwerks hinterlassen“, sagt Duin.

„Wehmütig“ sei er, sagt Thomas Brauckmann, „sehr wehmütig.“ Der Bauunternehmer, Prinz Karneval im Dreigestirn 1997 mit seinem Bruder und seinem damaligen Schwager, Präsident der Narrenzunft, Dauergast mit der kompletten Familie bei der Prinzenproklamation, ist ein Vollblutkarnevalist – und jetzt ein Karnevalsflüchtling. Seit Weihnachten hat er sich mit seiner Frau nach Mallorca zurückgezogen, liest keine Zeitung, nichts. „Was soll ich in Köln?“, fragt er sich, im Homeoffice könne er auch auf der Insel arbeiten. „Der Abstand macht es leichter“, sagt Brauckmann, der es dann aber doch nicht so ganz lassen kann. Am Korpsappell der Prinzen-Garde hat er per Stream teilgenommen. Sein Fazit: Karneval am Bildschirm ist es so eher nicht. „So einen Blödsinn müssen wir uns anschauen, das macht traurig.“ Mit der Narrenzunft will er sich aus den digitalen Formaten raushalten, das habe man schon im Herbst so beschlossen. Für die Mitglieder gibt es ein Care-Paket mit Orden, später noch das Liederheft.

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„Gar nichts machen ist auch keine Option“, findet Ingo Hundhausen, Präsident der KG Närrischer Laurentius aus dem Stadtteil Porz-Ensen. Um seinen Laden zusammenzuhalten, wie er es ausdrückt, sucht der Schreiner trotz der „vollkommen richtigen Corona-Schutzmaßnahmen“ den Kontakt zu seinen Mitgliedern. So können sich diese ihren Sessionsorden bei zwei Vorständen auf dem Wochenmarkt abholen. Und statt der alljährlichen Sitzung im Bürgerzentrum Engelshof hat Hundhausen für Karnevalsfreitag einen Live-Stream von ebendort aufgesetzt: mit den Büttenrednern Martin Schopps und Jörg Runge, dem Porzer Dreigestirn und Musik von Norbert Conrads. „Das wird ruhiger, traditioneller“, sagt Hundhausen, „aber die Leute saugen das auf wie einen Schwamm. Die Sitzung ist hier immer Dorfgespräch.“ Im Moment sei der Karneval außer bei „einer Handvoll Funktionäre“ weit weg von den Leuten, aber das würde sich zum Wochenende hin ändern.

Er rechnet mit 250 Menschen, die sich den dank Sponsoren kostenlosen Stream angucken werden. Sie sollen auch aktiv einbezogen werden: Es gibt einen Kostümwettbewerb, Fotos aus den Wohnzimmern können eingespielt werden. Und „das Ungesunde, was man sich sonst im Saal so gönnt“, liefert ein Caterer auf Bestellung frei Haus. „Die Menschen sind extrem dankbar für alles, was passiert“, da ist sich Hundhausen sicher. Nur im Straßenkarneval wird wohl nichts passieren. „Das werden normale Werktage. Ich gehe zum ersten Mal in meinem Leben Rosenmontag arbeiten.“

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Der größte Verlust dürfte der Kölner Gastronomie drohen: Laut Boston-Consulting-Studie entfallen auf sie rund 257 der 600 Karnevalsmillionen. Allein innerhalb der fünf tollen Tage von Weiberfastnacht bist Rosenmontag mache so manches Altstadtlokal bis zu einem Drittel seines Jahresumsatzes. Zum gleichen Schluss kam zuletzt auch eine Studie des Bankenverbands. Im Karnevalsmonat Februar werden allein in Köln schätzungsweise 50 Millionen Gläser Kölsch getrunken. Bei der Brauerei Gaffel liegt der Absatz dann nach eigenen Angaben rund 80 Prozent höher als in anderen Monaten.

In diesem Februar ist das anders. Keine Sitzungen, keine Kneipen, Umzüge oder private Feiern. Dabei riefen die Kölsch-Brauereien zuletzt ohnehin immer lauter um Hilfe: In einem offenen Brief an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) beklagten sie bereits im November, dass bislang die Coronahilfen aufgrund bürokratischer Hürden in der Regel nicht von Brauereien beansprucht werden könnten. Die Brauerei Päffgen nutzte Mitte Januar die Plattform Facebook, um ihre Hilflosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Man habe sich in der Pandemie dazu entschieden, die knapp 100 Angestellten nicht fallenzulassen – und dafür einen mittleren sechsstelligen Betrag aufgewendet. Aufgrund der Betriebsgröße sei man bei den Soforthilfen aber nicht berücksichtigt worden. Und: „Die November- und Dezemberhilfe ist schon lange beantragt worden. Bis heute haben wir weder Rückmeldung noch Abschlagszahlung erhalten.“ Die Bürokratie mache das Unternehmen trotz seiner guten Ausgangslage „langsam nervös. Und hilflos. Und wütend.“

Für Päffgen kommt erschwerend hinzu, dass die Brauerei ausschließlich Fassbier verkauft. Andere Brauereien konnten wenigstens mit ihrem Flaschenbier im Handel Umsatz machen. Päffgen hingegen macht nach eigenen Angaben derzeit nur noch fünf Prozent seines bisherigen Umsatzes.

Ellenbogentanz statt Polonaise: das Kölner Dreigestirn am 11. November 2020 auf der Domplatte. AFP

„Der Einbruch wird dramatisch werden“, sagt Christian Kerner, Geschäftsführer des Kölner Brauerei-Verbandes. Das vergangene Jahr sei für die Brauereien mit einem Einbruch von rund 17 Prozent bereits furchtbar gelaufen. „Und da haben wir Karneval noch ganz normal zu Ende gefeiert.“ In diesem Jahr dürfte der Absatz also noch einmal stärker wegbrechen. „Beim Fassbier geht er derzeit gegen Null“, sagt Kerner. Brauereien wie Päffgen leben zu 100 Prozent davon, beim Konkurrenten Gaffel beträgt der Anteil rund 50 Prozent. Fassbier ist für die Brauereien im Übrigen deutlich margenstärker als Flaschenbier – bei dem der Handel auf den Preis drückt.

Auch andere Unternehmenszweige trifft die Karnevalsflaute schwer: Die Textilbranche im Rheinland machte zuletzt pro Session 110 Millionen Euro Umsatz, im Transportwesen waren es 95 Millionen, bei den Hotels 63 Millionen. 40 Millionen gaben die Menschen für Veranstaltungstickets aus. Auch mit Orden und Schals (sieben Millionen) und in der Süßwaren-Industrie (vier Millionen) werden in der fünften Jahreszeit normalerweise erkleckliche Beträge erwirtschaftet. „Wir gehen derzeit vom Worst-Case-Szenario aus: Das besagt, dass wir bis zum Ende unseres Wirtschaftsjahres nach Karneval 80 Prozent Umsatzverlust haben werden.“ So drückte es Deiters-Chef Herbert Geiss kürzlich aus. Der Kostüm-Filialist betreibt bundesweit 31 Filialen, in denen zu Spitzenzeiten bis zu 700 Menschen arbeiten. Ein Großteil des Umsatzes entfällt auf die Karnevalszeit. „Für die Betriebe, die unter der Situation leiden wie wir, ist die derzeitige Perspektivlosigkeit und das Problem, dass uns quasi die Geschäftsgrundlage entzogen worden ist, natürlich eine Katastrophe.“

Einzig von der Kölner Bäckerinnung hört man einigermaßen optimistische Töne. „Den Umsatzrückgang beim typischen Karnevalsgebäck werden wir nicht so stark spüren“, sagt Geschäftsführerin Alexandra Dienst. Zum Start der Karnevals-Session am 11. November hätten viele Betriebe etwa ihr Angebot an Berlinern deutlich zurückgefahren, seien dann aber schon mittags leergekauft gewesen und von wütenden Kunden belehrt worden: Die Pandemie bedeute ja nicht, dass man auf das traditionelle Karnevalsgebäck verzichten müsse. „Ich glaube, viele Menschen sitzen zu zweit vor dem Fernseher, essen Berliner und trinken ihr Kölsch“, sagt Dienst. „Unsere Betriebe werden also entsprechend backen.“

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Redner Martin Schopps hätte in einer normalen Session etwa 200 Auftritte absolviert. „Jetzt“, sagt der Lehrer, der für die Bütt seinen Job an den Nagel gehängt hat, etwas zerknrischt, „war bei der Prinzenproklamation schon Bergfest.“ Ein paar Auftritte in Autokinos sollen noch dazukommen. So planen die neun Kölner Traditionskorps im rechtsrheinischen Stadtteil Porz ein „Festival der guten Laune“. Bleibt zu hoffen, dass das Wetter gut wird, denn nur im offenen Cabrio wird beim Autokorso von der stattlichen Uniform der Teilnehmenden etwas zu sehen sein. Für Schopps sind Auftritte vor Autos oder nur für die Kamera „ein aufregendes Feld“. Zumal sie durchaus gefragt sind: Die Autokinos sind ausverkauft, das Portal „Jeckstream.de“ vermarktet seine Sitzungspakete erfolgreich. Allein mehr als 50 Vereine haben ein eigenes Format gebucht. Rednerkollege Marc Metzger hingegen hat sich gegen Auftritte in der Pandemie entschieden. Dem Kölner „Express“ sagte er: „Meine Rolle funktioniert nur mit Publikum.“ In einem leeren Saal fehle einfach die Interaktion.

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Alles sollte man allerdings nicht aufgeben. Deshalb, sagt der Psychologe und Brauchtumsforscher Wolfgang Oelsner, sei es gut, dass es auch 2021 ein Kölner Dreigestirn gibt: „Wenn die Zeiten ungewiss sind, der Alltag wackelt, dann braucht es Zeichen der Beständigkeit.“ Um die Hoffnung lebendig zu halten, brauche es ein Gegenbild zur Resignation, und das Dreigestirn sei so ein Gegenbild. „Im Dreigestirn fixiert sich symbolhaft die Idee von Beständigkeit und damit die Hoffnung auf Zukunft.“ Karneval sei ein verrücktes Fest, erklärt Oelsner: „Es ver-rückt unseren starren Blick nur auf das Jetzt.“ Der Karneval bedeute viel mehr, als die – unbestreitbaren – Exzesse im Straßenkarneval es suggerierten.

Von Elina Berger und Stefan Worring

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