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Ein Wahrzeichen der Region sind die Steinformationen im Purnululu-Nationalpark, auch Bungle-Bungle-Nationalpark genannt.

Australien

Fast am Ende der Welt

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Alida und Roderick Woodland leben in der einsamen Wildnis der westaustralischen Kimberley-Region. In der Regenzeit sind sie von der Außenwelt abgeschnitten - im Sommer beherbergen sie Touristen.

Wenn sie mal richtig schick essen gehen wollen, müssen sie zehn Stunden Auto fahren. Soweit ist die nächste Großstadt, Darwin, entfernt. Bis zum nächsten Örtchen Wyndham sind es 46 Kilometer. Der Tierarzt kommt mit dem Helikopter eingeflogen – vorausgesetzt er hat Handyempfang. Alida und Roderick Woodland leben auf ihrer Rinder- und Pferdefarm Digger’s Rest Station in der Kimberley-Region in Westaustralien im wahrsten Wortsinn abgeschieden von der Zivilisation.

Während der Regenzeit von November bis April ist die Zufahrtsstraße überschwemmt und für drei Monate sind sie komplett abgeschnitten, ernähren sich aus ihrem Gemüsegarten, der Tiefkühltruhe und von ihren Tieren. Während der Trockenzeit beherbergen sie Touristen und bieten ein authentisches Australien-Abenteuer: schlafen in Hütten zwischen Pferden und Ziegen, duschen unter freiem Himmel, gemeinsames Essen auf der Veranda und Begegnungen mit Kängurus. 

Dabei ist die Rollenverteilung klar: Alida kümmert sich um die Pferde und Gäste, Roderick um die Rinder. Seine Jeans sind schmutzig von der Arbeit, als er höflich zur Begrüßung am Hauptgebäude aus dem Jahr 1929 erscheint. Doch reden lässt er lieber seine Frau. Als die zum Ausritt starten will, wirft sie einen prüfenden Blick auf das Schuhwerk ihrer Gäste. Wer nichts Reittaugliches trägt, wird um die Ecke geschickt. „Sucht Euch was aus.“

Gar nicht so leicht: Die Cowboystiefel, Trekkingschuhe und Stiefeletten, die sich im Regal auf der Veranda türmen, haben wohl schon viele Australien-Abenteuer hinter sich. Bei einigen löst sich die Sohle, andere haben aufgeplatzte Nähte. Alida selbst trägt bei heißen 40 Grad Stiefel, Jeans, Sonnenbrille, Walkie-Talkie und Bluse. Die Ärmel hat sie immerhin hochgekrempelt. „Ihr braucht einen Hut. Der wirkt wie eine Klimaanlage und hält den Kopf kühl.“ Die Reithelme, die eine Ecke weiter hängen, sind mit Hutkrempen ausgestattet. Auch Alida trägt einen.

Die Gruppe reitet schon eine ganze Weile, bis sie an das erste Gatter kommt. Bis hier kann sich die Pferdeherde frei bewegen. Kurz dahinter hüpft auch schon das erste Känguru aus den trockenen Grasbüschen. Auf der Fahrt zur Ranch, die 20 000 Hektar Land bewirtschaftet und nur mit einem Allradantrieb erreichbar ist, hatten sie sofort das Weite gesucht, sobald sich das Auto näherte, doch neben den Pferden bleiben sie neugierig stehen. „Die hier sind cool, die sind gar nicht so scheu“, sagt Alida. Das Wahrzeichen Australiens scheint wohl auch nach 22 Jahren seinen Reiz nicht zu verlieren. 

Solange lebt Alida schon hier. Geboren und aufgewachsen ist sie in North Carolina. Dort campte sie mit ihrer Familie ab und an, lebte aber in der Stadt. „Hau ab!“ Alida hat einen Dingo entdeckt. In einiger Entfernung, aber zu nah am Haus. Sie hat Angst um die kleinen Ziegen und das Fohlen, das letzte Nacht zur Welt kam. „Am Tag vorher hatte ich die Stute noch auf der Weide gesehen und am nächsten Tag stand das Kleine neben ihr.“ Die Natur hat das allein geregelt, ohne die Hilfe der Woodlands, ohne Tierarzt. Der wäre vermutlich eh nicht rechtzeitig dort gewesen. Vor einigen Tagen sei ein erst dreijähriges Pferd gestorben. „Wir wussten nicht, was er hat und konnten nicht helfen.“

Der Tierarzt versorge mit dem Helikopter die ganze Region und sei nicht erreichbar gewesen. Auch für die Menschen ist die medizinische Versorgung hier weit draußen schwierig. „Wir haben eine Notfallbox und ich kann Anweisungen per Telefon bekommen, bis die Flying Docs hier sind“, sagt Alida. Sie hätte schon ein wenig gebraucht, um sich an alles hier zu gewöhnen, gesteht die Amerikanerin. Vor allem ans Schlafen im Swag. Die „Bettrollen“ sind mit Schaumstoffmatratze und einem waschbaren Bezug ausgestattet und werden einfach mit dem Schlafsack auf- und zusammengerollt. Das Swag ist die ursprünglichste Art des australischen Outdoor-Lifestyles.

Was sie am meisten vermisst? „Meine Familie. Ich stehe meiner Mutter sehr nah“, sagt Alida nachdenklich. Einmal im Jahr fliegt sie nach Hause in die USA. „Sucht euch eine andere Weide, hier ist doch alles trocken“, ruft sie einer Handvoll abgemagerten Kühen zu. Wenn sie morgen nicht weg sind, wird sie sie woanders hintreiben. Mit ihren Gästen reitet sie über Steine, durch ein ausgetrocknetes Flussbett, wo während der Regenzeit das Wasser fließt.

Mit dem Wasser kämen die Schlangen – auch ins Haus, erzählt Alida. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Um die muss ich mich dann immer kümmern, Roderick hasst Schlangen.“ Die Pferde bemerken den Jeep in der Ferne und werden schneller. Sie kennen das Ziel. Alida bindet sie zum Grasen an die berühmten Baobab-Bäume mit ihren mächtigen Stämmen. Roderick hat ein paar Stühle aufgebaut, Bier und Snacks stehen für eine Pause bei Sonnenuntergang bereit. Die ersten Pferdetrekking- und Reittouren starteten 1986 auf Rodericks Wunsch, die Erfahrung und Geschichte der Viehhüter, Herden und Pionierjahre der Kimberley-Region zu bewahren.

Zurück geht es denselben Weg. Vermutlich. Für Fremde ist es schwierig, in der unendlichen kargen Weite irgendeine Richtung auszumachen. Zudem wird es immer dunkler. Doch die Pferde kennen den Weg. Hundebellen kündigt die Rückkehr der Gruppe auf dem Hof an. Alida versorgt die Pferde, die Gäste genießen die Dusche unter einem spektakulären Sternenhimmel.

Zu jeder Gästehütte gehört eine Dusche und Toilette im Freien. Wellblech sorgt rundherum für Sichtschutz. Später beim gemeinsamen Abendessen auf der Veranda erzählt Roderick, dass sie ihr Fleisch in die USA für Hamburger importieren und 2007 mehr als 90 Mitglieder einer Filmcrew für mehrere Wochen bei sich aufgenommen haben.

Auf der legendären Viehtriebstraße Gibb River Road und Digger’s Rest Station wurden Teile von Baz Luhrmanns „Australia“ mit Nicole Kidman in der Hauptrolle gedreht. Die Region ist eine der am dünnsten besiedelten Gegenden der Erde. Auch die meisten Menschen, die in Westaustralien leben, schaffen es nur selten in den Nordosten ihres Bundesstaates. Die Kimberley-Region gehört zu den letzten, in weiten Teilen unerforschten Wildnisgebieten der Erde: Felsformationen, Schluchten und Wasserfälle, karge Savannenlandschaft und Baobab-Bäume. Wahrzeichen der Region sind die Bungle Bungles, eine 350 Millionen Jahre alte Gesteinsformation, die an Bienenkörbe erinnert, erst vor 30 Jahren entdeckt und vor zehn Jahren zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde. Vieles davon hat Roderick noch nie gesehen, obwohl er sein ganzes Leben in der Kimberley-Region lebt, genau wie sein Vater. Gegen 21 Uhr sind die Woodlands stillheimlich verschwunden – Schlafenszeit auf Digger’s Rest. 

Die ersten Vorboten des nächsten Tages sind ein Wiehern aus der Ferne, ein Schnauben aus nächster Nähe und Ziegen, die direkt neben den Hütten versuchen, Blätter von den Bäumen zu knabbern. Um 5.30 Uhr ist es fast taghell. Als die Gäste nach einer warmen und windigen Nacht unter Moskitonetzen aus den Hütten kriechen, ist die Arbeit auf dem Hof bereits in vollem Gange. Roderick ist schon unterwegs und Alida füttert die Pferde. Hier richtet sich alles nach dem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – ein natürlicher Tagesrhythmus. 

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