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Gestrandet in Rom: Die italienische Regierung hat Flüge von und nach China gestoppt.

20 Länder betroffen

Fast 10.000 Infizierte

Im Kampf gegen das Coronavirus greifen viele Länder zu verschärften Mitteln. Der kommunistische Parteichef in Wuhan räumt Versäumnisse zu Beginn des Ausbruchs ein.

Im Kampf gegen das sich weiterhin rasant ausbreitende Coronavirus haben China und weitere Länder ihre Maßnahmen erneut verschärft: Die US-Regierung gab eine Reisewarnung für China aus, Singapur und die Mongolei wollen keine Chinesen oder Reisende aus China mehr ins Land lassen; seinerseits kündigte Peking an, alle ins Ausland gereisten Bewohner der besonders betroffenen Provinz zurückzuholen. Die Bundesregierung schickte am Freitag eine Bundeswehrmaschine nach Wuhan, um deutsche Staatsbürger auszufliegen (siehe Bericht rechts).

Den Behörden in Peking zufolge infizierten sich bis Freitag annähernd 10 000 Menschen auf dem chinesischen Festland mit dem neuartigen Erreger 2019-nCoV, hinzu kommen mehr als hundert Fälle in gut 20 weiteren Ländern Erstmals wurden Fälle in Großbritannien und Russland gemeldet.

In Deutschland wurde am Freitag ein sechster Fall bekannt. Dabei handelt es sich um das Kind eines der fünf Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto aus dem Landkreis Starnberg, die sich bei einer aus China zu einer Schulung angereisten Kollegin angesteckt hatten.

Bei der tödlichen Sars-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003 hatten sich weltweit mehr als 8000 Menschen infiziert, rund 800 starben damals. An dem neuartigen Coronavirus starben bislang offiziell 213 Patienten, allesamt in China. Mehr als 100 000 Menschen stehen in der Volksrepublik zudem wegen möglicher Symptome der Lungenkrankheit unter ärztlicher Beobachtung.

Richtig handeln im Verdachtsfall

Wie gefährlich ist das Virus? Viele medizinische Fakten um das neue Coronavirus sind noch unklar – die Infektionsrate etwa, auch die Aggressivität. Letztere scheint aber geringer als etwa bei der Sars-Epidemie 2002/2003.

Muss ich mich schützen? Auch wenn in Deutschland kein Anlass besteht, Angst vor dem Virus zu haben, ist es sinnvoll, sich vor ansteckenden Krankheiten zu schützen – gerade angesichts der aktuellen Grippewelle.

Wie schütze ich mich am besten? Das beste Mittel gegen ansteckende Atemwegskrankheiten ist Hygiene. Viel Händewaschen, wenig Händeschütteln und Vorsicht beim Niesen und Husten.

Wann muss ich zum Arzt? Ein Schnupfen ist kein Zeichen für eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus. Typische Symptome sind trockener Husten, Fieber, Abgeschlagenheit, auch Atemnot. Klar ist: Wer krank ist, sollte zum Arzt gehen. dpa

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief bereits am Donnerstagabend den internationalen Gesundheitsnotstand aus, was eine stärkere länderübergreifende Koordination ermöglichen soll. Zur Begründung wies sie auf die Ausbreitung des Erregers außerhalb Chinas hin: „Größte Sorge“ sei, dass sich das Virus auf Länder mit weniger gut ausgestatteten Gesundheitssystemen ausbreite. Die Entscheidung sei kein „Misstrauensvotum“ gegen China, betonte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die Einschränkungen von Reisen und Handel seien nicht nötig.

Regierungen, Behörden und Unternehmen gehen jedoch schon weiter: Das US-Außenministerium rät nun von Reisen in die Volksrepublik ebenso dringlich ab wie von Reisen nach Afghanistan, in den Irak und in den Iran. Es appellierte an Bürger, die sich derzeit in China aufhalten, vorzeitig auszureisen. Immer mehr Staaten empfehlen ebenso wie Deutschland, von nicht notwendigen Reisen nach China abzusehen.

Italien ruft Notstand aus

Nach der Bestätigung von zwei ersten Infektionsfällen rief Italien den nationalen Notstand aus. Die Maßnahme erlaubt die rasche Bereitstellung von Geldern und besondere Schutzmaßnahmen gegen eine Weiterverbreitung des Virus. In Indonesien wurden mehr als 40 000 Arbeiter eines unter chinesischer Kontrolle stehenden Industriekomplexes vorsorglich unter Quarantäne gestellt.

China, das bereits mit drastischen Abschottungsmaßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung des Virus ankämpft, kündigte an, ins Ausland gereiste Bürger aus Hubei „so rasch wie möglich“ mit Chartermaschinen zurück in die Provinz zu fliegen. Als Grund nannte eine Sprecherin des Außenministeriums „praktische Schwierigkeiten“, mit denen Bürger aus Hubei und der Millionenmetropole Wuhan im Ausland konfrontiert seien. Der Chef der Kommunistischen Partei in Wuhan hat Versäumnisse bei der ersten Reaktion auf den Coronavirus-Ausbruch in China eingeräumt. Er empfinde „Schuld, Reue“ und mache sich selbst Vorwürfe, sagte Ma Guoqiang am Freitag im staatlichen Fernsehen. Hätte es zu Beginn des Virus-Ausbruchs „strengere Kontrollmaßnahmen“ gegeben, wäre die Epidemie möglicherweise glimpflicher verlaufen.

Unterdessen gehen die Evakuierungen der Ausländer aus Wuhan weiter: Eine Maschine mit rund 200 Franzosen aus Wuhan landete am Freitag in Südfrankreich, einer der Passagiere wurde mit Symptomen der Krankheit in eine Klinik gebracht. Eine zweite Maschine mit 83 Briten und 27 anderen Ausländern landete kurze Zeit später auf einer britischen Luftwaffenbasis 120 Kilometer westlich von London. 

Deutsche aus China werden zurück geholt

Ein Flugzeug der Luftwaffe zur Rückholung von deutschen Bürgern aus China ist am Freitag gestartet. Die Maschine hob gegen 12 Uhr vom Flughafen Köln-Wahn ab, Ziel war die vom neuartigen Coronavirus am stärksten betroffene chinesische Provinz Hubei. Rund 130 Menschen sollen aus der Region zurückgeholt werden – es handele sich um rund 90 deutsche Staatsbürger sowie etwa 40 Angehörige mit anderen Staatsangehörigkeiten. Die Rückkehrer werden am Samstagmittag in Deutschland erwartet. 

Facebook löscht Falschmeldungen

Das US-Unternehmen Facebook will wegen der Ausbreitung des Coronavirus schärfer gegen Falschmeldungen vorgehen. Konkret soll es um Falschbehauptungen gehen, die schlimmstenfalls Menschenleben gefährden können, hieß es in einem Blogeintrag des Konzerns. Um die Verbreitung von Unwahrheiten über die Lungenkrankheit einzudämmen, werde Facebook bestimmte Posts löschen. Diese müssten aber zuvor von Gesundheitsorganisationen als falsch identifiziert werden.

Der Schritt ziele auf Beiträge ab, die für „falsche Heilmittel“ wie etwa das Trinken von Bleichmittel werben. Gemeinsam mit der WHO werde Facebook seinen Nutzern stattdessen „relevante und aktuelle“ Informationen anzeigen. Facebook löscht seit Langem Inhalte, die gegen „Gemeinschaftsstandards“ verstoßen, etwa wenn sie Gewalt verherrlichen. dpa

Es gebe unter den Passagieren niemanden, der infiziert sei, und auch keine Verdachtsfälle, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Freitag in Berlin. Die Teilnahme an dem Rückholflug ist freiwillig. Beim Hinflug sollen auf Bitten Chinas 10 000 Schutzanzüge mitgenommen werden, die vor Ort gebraucht würden, sagte Maas. 

Der Außenminister führte zudem aus, es habe Anfragen anderer Länder gegeben, ihre Bürger mit auszufliegen. Es seien aber alle verfügbaren Plätze in der Bundeswehr-Maschine belegt. Auch die USA, Japan und weitere Länder haben Staatsbürger aus Wuhan geholt oder planen Rückholaktionen. 

Nach der Landung am Flughafen Frankfurt sollen die Passagiere für die Inkubationszeit von 14 Tagen in Quarantäne kommen. Laut des Bundesgesundheitsministeriums ist dafür eine zentrale Unterbringung in einer Ausbildungskaserne auf dem Luftwaffenstützpunkt Germersheim in Rheinland-Pfalz vorgesehen. Am Frankfurter Flughafen sei man für potenzielle Coronavirus-Fälle gerüstet. Die Rückkehrer werden nach der Ankunft in ein sogenanntes Medical Assessment Center gebracht. Dort sollen sie untersucht und betreut werden, bevor sie auf den Luftwaffenstützpunkt gebracht werden. (afp/dpa)

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