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Ein zweites Händchen für Mode

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Von: Judith Kohl

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Vier Mal werden Kleidungsstücke durchschnittlich getragen, bevor wir sie als Altkleidung aussortieren. 19 Prozent unseres Kleiderschranks tragen wir so gut wie nie.
Vier Mal werden Kleidungsstücke durchschnittlich getragen, bevor wir sie als Altkleidung aussortieren. 19 Prozent unseres Kleiderschranks tragen wir so gut wie nie. © FR

Eigentlich ist es so einfach (und günstig!), die eigene Garderobe nachhaltiger zu gestalten: die Kleidung tragen, die man bereits besitzt. Ein Aufruf an alle faulen Moderevolutionäre.

Anders shoppen: Wer kauft schon fair?

Die sogenannte „schnelle Mode“ (fast fashion) hat ein Image-Problem. Die teilweise desaströsen Produktionsbedingungen der zu 80 Prozent weiblichen Arbeiter:innen und der umweltschädigende Herstellungsprozess sind nicht mehr auszublenden. Hinzu kommt die häufig geringe Qualität der Kleidung, die fast schon dazu einlädt, sie nach kurzem Tragen durch Neues zu ersetzen.

Doch sich stattdessen für den Kauf von nachhaltig hergestellten Kleidungsstücken und Accessoires zu entscheiden, fällt nicht allen leicht: 73 Prozent der befragten Konsument:innen können sich vorstellen, nachhaltige Kleidung zu kaufen, doch erst 56 Prozent tun dies schon – da ist noch Luft nach oben. Um die Kaufbereitschaft für fair hergestellte Mode zu steigern, wären niedrigere Preise für 66 Prozent ein Anreiz, 59 Prozent möchten sicher sein, dass sie für ihr Geld tatsächlich auch nachhaltige Produkte bekommen, und für 43 Prozent ist die Verfügbarkeit in näherer Umgebung ausschlaggebend. Gerade bei größeren Konfektionsgrößen ist die Auswahl vielerorts begrenzt.

Der Weckruf: Revolution von unten 

Entsetzen am 24. April 2013: Die Rana-Plaza-Fabrik in Bangladesch stürzt ein, und mehr als 1100 Menschen verlieren ihr Leben. Plötzlich gibt es Bilder und Geschichten von den Arbeitsbedingungen, unter denen viele der Kleidungsstücke hergestellt wurden und immer noch werden.

Das tragische Ereignis hat die Verantwortung deutlich sichtbar gemacht. Sie liegt bei der Politik, den Marken, den Händlern – aber auch bei den Menschen, die diese Kleidung kaufen. Die „Fridays for Future“-Bewegung hat ihren Teil dazu beigetragen und die schädlichen Umweltfolgen dieses Sektors in den Fokus gestellt.

Mitterweile gibt es viele Plattformen, die helfen, sich durch den Dschungel an Informationen rund um das Thema zu schlagen. Eine davon ist die weltweit größte Modeaktivismus-Bewegung „Fashion Revolution“. Sie setzt sich nicht nur politisch für eine globale Modeindustrie ein, die statt Profit und Wachstum Umweltschutz und Menschenrechten den Vorrang gibt. Sie hat auch vielfältige Aktionen ins Leben gerufen, die es einzelnen Menschen möglich machen soll, Teil der Moderevolution zu werden. Die Instagram-Aktion #whomademyclothes etwa fordert Modefirmen auf, zu erklären, wo und wie ihre Kleidung produziert wird. Bildungsprogramme bringen das Thema an Schulen und Universitäten. Mit Veranstaltungen und Aktionen findet die Fashion Revolution Week jedes Jahr in der Woche um den 24. April statt. Der Podcast „We are Fashion Revolution“ und ein „Fanzine“ besprechen und visualisieren die komplexen Themen auf verständliche Art und Weise.

Auch das „202030 – The Berlin Fashion Summit“ nimmt sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Mode an: Zum dritten Mal findet die öffentliche Veranstaltung vom 15. bis 17. März im Rahmen der anstehenden Fashion Week in Berlin statt. In Fachbeiträgen, Podiumsdiskussionen und Interviews werden nicht nur globale und lokale Perspektiven des Themas besprochen. Es soll auch um konkrete Umsetzungen und Handlungsempfehlungen gehen. Interessierte können sich kostenlos unter www.202030summit.com anmelden und die Veranstaltung digital verfolgen, mitdiskutieren und sich austauschen.

Prestigeobjekte: Nicht nur Schnäppchen

Kleidung gebraucht zu kaufen, ist für viele Leute mit geringerem Einkommen schon lange Standard. Dass Secondhand inzwischen im Trend liegt, zum Statussysmbol oder sogar zur Investition geworden ist, hat vielerorts auch die Preise ansteigen lassen.

Für nicht mehr erhältliche Kollektionsteile großer Modemarken zahlt man teilweise mehr als den vormaligen Neupreis. Zudem gibt es immer mehr Läden und Online-Portale, die sich auf den Verkauf hochwertiger Designerkleidung spezialisiert haben, samt Echtheitsnachweis und Zertifikat.

Secondhand hat also zumindest nach unten keine Einkommensgrenze mehr, sondern zieht sich durch die Breite der Bevölkerung. Laut dem diesjährigen „Second Hand Fashion Report“ bewegt sich der Anteil der Menschen, die Kleidung aus zweiter Hand kaufen, zwischen 62 und 74 Prozent. Davon machen Frauen mit 80 Prozent den weitaus größeren Anteil aus. Nur 56 Prozent der Männer kaufen hingegen gebrauchte Kleidung.

Auf Schatzsuche

Mittlerweile lässt sich Secondhandkleidung sehr gut online erstehen - in allen Preisklassen. Für teure Markenkleidung bieten sich vor allem Vestiaire Collective und Rebelle an. Bei Anbietern wie Vinted, ebay Kleinanzeigen und momox ist man im unteren Preissegment unterwegs - mit zumeist von Privatpersonen angebotenen Stücken. Sellpy bietet gegen einen kleinen Aufpreis den Luxus, dass man sich nicht selbst um den Verkauf kümmern muss. Zalando Circle ist ein Angebot des großen Online-Händlers für Secondhandmode, bei dem man nicht ausbezahlt wird, sondern einen Gutschein erhält.

Der Mädchenflohmarkt und Vinokilo sind im Internet, aber auch offline vertreten. Bei Pop-up-Stores und Events kann man nach Herzenslust stöbern. Bei Pick’n’weight wird in den verschiedenen Ladengeschäften nach Kilopreisen abgerechnet, online sind es dann Festpreise.

Die Offline-Klassiker für Mode aus zweiter Hand sind der gute alte Flohmarkt, Secondhandläden und Kleiderkammern. Seit einiger Zeit haben sich Tauschparties dazugesellt - von Privat im Bekanntenkreis veranstaltete Treffen, zu denen jede:r gut erhaltene Kleidung oder Accessoires mitbringt, die dann untereinander getauscht werden.

Wer nebenbei noch Gutes tun will, dem seien z.B. Oxfam oder Dankeee ans Herz gelegt. Letzteres eine Online-Plattform, über die bei jedem Verkauf ein selbstgewählter Betrag des Erlöses an eine selbstgewählte Wohltätigkeit geht.

Und nicht mehr passende oder geliebte Gewänder einfach zu verschenken - sei es im Freundes- und Bekanntenkreis oder online - geht immer!

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