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Fashion Week Berlin 2022: Aus den Resten die Schöpfung

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Von: Judith Kohl

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SF1OG
SF1OG bei der Berliner Modewoche. © Judith Kohl

Nachhaltigkeit überall: Vom Eintrittsbändchen bis hin zur Laufstegware ist fast alles aus veredeltem Altmaterial gemacht. Modeenthusiastin Judith Kohl packt einen Koffer voller Eindrücke von der Berlin Fashion Week aus

Die Berlin Fashion Week hat sich - ganz gemäß modischer Konvention - mal wieder neu erfunden. Zunächst räumlich: Nach drei Jahren im Kraftwerk fand die Modewoche diesen September im ehemaligen Haupttelegraphenamt in Mitte statt. Hier, im Herzen der Hauptstadt, nahe Museumsinsel und Oranienburger Straße, findet sich die typische Mischung aus Geschichte, Kultur und Szeneviertel, für die Berlin bekannt ist. Kein schlechter Ausgangspunkt für die ebenfalls stilistisch durchmischten Schauen, die sich von dort aus über die ganze Stadt verteilten.

Zudem endete mit dieser Fashion Week der vorübergehende Veranstaltungsrhythmus. Da die großen Messen nach nur anderthalb Jahren in Frankfurt wieder zurück in die Hauptstadt (Premium Group) beziehungsweise nach Düsseldorf (Neonyt) ziehen, wird die Modewoche sich wieder den gewohnten Messezeiten anpassen: Januar und Juli statt März und September.

Fashion Week Berlin im Zeichen der Nachhaltigkeit

Auf den Laufstegen wurden hingegen die Rohstoffe selbst umgedacht. Dort zeigten viele Modeschöpferinnen und -schöpfer, dass sie nicht nur verantwortungsbewusst mit neuen Materialien umgehen – dieser Standard besteht schon länger –, sondern erst gar keine neuen Materialien für ihre Kreationen nutzen und stattdessen mit Vorhandenem arbeiten.

Natascha von Hirschhausen zum Beispiel setzt auf Zero Waste: Mit innovativer Schnittführung minimiert sie Verschnitt und Abfall bei der Produktion. Ihre Expertise wurde schon aus den USA angefragt: Im Oktober wird sie im Rahmen des Future Forum mit dem Fashion Institute of Technology FIT über hocheffiziente Materialnutzung sprechen.

Anders sparsam verfährt das japanisch-deutsche Label Susumo Ai. Dort fertigt man die zeitlosen Stücke aus sorgfältig ausgewählten japanischen Stoffen nur auf Bestellung und produziert in Deutschland, so dass erst gar keine Überproduktion entsteht.

Auch wenn die Relevanz der Berlin Fashion Week immer wieder infrage gestellt wird: Sie ist und bleibt eine Plattform für namhafte Altmeisterinnen und Altmeister sowie neue Talente. Es bleibt also spannend ...

SF1OG

„Seitenflügel 1. Obergeschoss“ ist eines der vielversprechendsten neuen Labels der Hauptstadt. Nachwuchsdesignerin und diesjährige Siegerin des Studio2Retail-Preises, Rosa Marga Dahl, präsentierte ihre aktuelle Kollektion in einem ehemaligen Telekommunikationsbunker, der heute die Kunstsammlung Feuerle Collection beherbergt. Eine besondere Location – renoviert, doch zugleich roh –, passend zu ihrer aus Altmaterialien kreierten Kollektion. Dahl arbeitet bei ihren Entwürfen hauptsächlich mit vorhandener Secondhandware und greift nur auf andere recyclebare Materialien zurück, wenn sich ein Kleidungsstück nicht anders verwirklichen lässt.

Leise und unaufdringlich bewegten sich die Models fast in Zeitlupe durch den Ausstellungsraum und das Publikum – musikalisch nur von einem Cello begleitet. Viel Zeit also, um sich an der außergewöhnlichen Mode zu ergötzen. Rosa Marga Dahl folgt ihren eigenen Regeln und setzte mit so noch nie gesehenen Schnitten und Drapierungen starke Akzente. Trotz kalkulierter Abweichungen vom Ideal des Perfekten sah man jedem Look die ausgefeilte Technik und Raffinesse in der Umsetzung an. Hauptsächlich in neutralem Weiß und Schwarz gehalten lenkten weder Farbe noch Muster ab von den kunstvoll kombinierten Zweiteilern. Die Kollektion war eine Meisterleistung in Sachen Layering: kurze über langen Hosen, durch ein Cut-out-Oberteil schimmerte das Shirt darunter, Hemden schienen geradezu aus dem Hosenbund zu fließen.

Mit intuitivem Stilgefühl präsentierte die Designerin eine Kollektion, die zart und zugleich stark war – eine traumhafte Schau, im wahrsten Sinne des Wortes.

William Fan

William Fan
William Fan © Diana Pfammatter

Auch William Fan überraschte mit einer tollen Location, einem stillgelegten Tunnel am Potsdamer Platz. Vor diesem Hintergrund präsentierte er seine Kollektion „Eternity“: Capeartige Oberteile, tief geschnittene Hosen, bauchfreie Tops und Cut-outs zeigten allesamt viel Haut. Kräftige Farben wie Kobaltblau, Giftgrün, Orange und Pink im Zusammenspiel mit sattem Schwarz unterstrichen die sexy Silhouetten. Schimmernde Materialien und Pailletten erinnerten an lange Nächte in Clubs – zweifellos die Inspiration dieser Kollektion. Als gewohnt guter Gastgeber beließ Fan es nicht bei der Show, sondern nutzte diesen Impuls auch für eine fulminante After-Show-Party – Studio 54 ließ grüßen.

Kristina Bobkova

Kristina Bobkova
Kristina Bobkova © Judith Kohl

Um „Freiheit und Wahlmöglichkeiten, um Stärke und Einheit und um den Wunsch zu leben, sich selbst zu verwirklichen“, drehte es sich laut der ukrainischen Designerin in ihrer aktuellen Kollektion. Fern ihrer Heimat geschaffen zeigte sie die Kultur und Einzigartigkeit traditioneller ukrainischer Handwerkskunst und kombinierte sie mit modernen Trends.

Fließende, weite Silhouetten und eine klare Formensprache wurden mit auffälligen Details wie Kontrastnähten, Stickereien oder ungewöhnlichen Ausschnitten gebrochen und gaben einer zwanglosen, zeitlosen Kollektion das gewisse Extra.

Laura Gerte

Laura Gerte
Laura Gerte © Shauna Summers

Die junge Berliner Designerin feierte in dieser Saison Premiere auf der Berlin Fashion Week. Auch sie arbeitet so nachhaltig wie möglich, hauptsächlich durch Upcycling von Stoffresten und überschüssig produzierter Ware anderer Modefirmen. Im Mittelpunkt ihrer Kollektion „Multiply“ standen alltägliche Secondhandmaterialien wie Jeans und T-Shirts – ihr Versuch, die Probleme des textilen Überflusses der Industrie durch Design zu lösen.

Allover-Prints und starke Silhouetten, kurvige Nähte, die nicht kaschiert, sondern durch wulstartige Stoffelemente betont wurden, gaben den Kleidungsstücken etwas Lebendiges und machten neugierig auf weitere Kollektionen.

LML Studio

LML Studio
LML Studio © Judith Kohl

Der Designer Lucas Meyer-Leclère begrüßte sein Publikum mit einer Dankesrede an alle, die ihn bei seiner Kollektion unterstützt haben – eingespielt mit seiner Stimme, als ein erstes Model den Laufsteg bespielte. Ein außergewöhnlicher Einstieg in eine außergewöhnliche Präsentation – eine Mischung aus Runway und Performance.

Meyer-Leclères Motto: „remake, reuse, reassemble, recombine“. Seine Arbeitsweise: vorhandene Kleidung auseinandernehmen, zerstören, wieder neu zusammensetzen und bemalen. Das Ergebnis: offene Nähte, heraushängende Fäden, zerrissene Kleidung, kontrastiert mit gekonnter Schnittführung.

Der französische Designer, der schon Stoffe für Chanel unter Karl Lagerfeld entwarf, war ein echter Glücksgriff für die Berliner Modewoche – und seine Show einer der Höhepunkte.

Kilian Kerner

Killian Kerner
Killian Kerner © Judith Kohl

Kilian Kerner überzeugte wieder mit starken Silhouetten. Neben unifarbene und transparente Stoffe gesellten sich opulentere Materialien wie Cord und Pailletten. Details wie Taschen und Eingriffe an Hosenbeinen, inspiriert durch Cargo Pants, Jacken, die wie übereinandergezogen aussehen, und offene Ärmel machten klassische Schnitte außergewöhnlich.

Dawid Tomaszewski

Dawid Tomaszewski bannte seine neue Kollektion auf Zelluloid: Bei einem Empfang im Humboldt-Forum konnte man vier seiner typisch zarten, delikaten Kreationen live erleben, die übrigen in Form einer formidablen Filmvorführung.

Dawid Tomaszewski
Dawid Tomaszewski © Judith Kohl

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