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Durch die Pandemie werden Frauen zurück in die 50er Jahre katapultiert. Doch es geht anders.
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Durch die Pandemie werden Frauen zurück in die 50er Jahre katapultiert. Doch es geht anders.

Sorgearbeit

„Familien interessieren nur, wenn sie der Wirtschaft dienen“

  • Anne Lemhöfer
    VonAnne Lemhöfer
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Jaja, das bisschen Haushalt, das bisschen Kinderbetreuung ... Die Pandemie zwingt Frauen zurück in die fünfziger Jahre. Und der Staat schaut zu. Elternbloggerin Patricia Cammarata sagt, wie es anders geht und wie alle davon profitieren

Frau Cammarata, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Uns geht es ganz gut, danke. Wir sind als Paar recht robust aufgestellt, wir haben zwei Kinder und teilen uns die Care-Arbeit schon immer, das kommt uns jetzt in der Pandemie zugute. Die plötzlich wegbrechende Sorgearbeit des Staates konnten wir halbwegs gut wegstecken, als die Schulen und Kitas geschlossen wurden. Ich weiß, dass es für viele andere Familien schwieriger ist als für uns und dass besonders die Frauen am Ende ihrer Kräfte sind. Das Problem des Mental Load, der Masse an unsichtbaren Planungsaufgaben in der Sorgearbeit, hat sich in Coronazeiten potenziert. Ich bin allerdings eher wütend als erschöpft.

Worüber sind Sie wütend?

Es macht mich wütend, dass die Politik so wenig für Familien tut. Mehr als die zusätzlichen Kindkrank-Tage ist da nicht gekommen. Und die sind natürlich ein Feigenblatt. Es ist allgemein bekannt, dass Kindkrank-Tage kaum genommen werden, das war auch schon vor Corona so. Und so war es dann auch, diese zusätzlichen Tage werden fast nicht abgerufen – am allerwenigsten übrigens von Alleinerziehenden. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist zu groß.

Was belastet Eltern zusätzlich?

Dass in Folge der Pandemie noch mehr Mental-Load-Material dazugekommen ist, das permanent mitgedacht werden muss, liegt auf der Hand. Hygiene-Vorschriften, Homeschooling bei gleichzeitigem Homeoffice, Lockdown-Regeln, das ganze Pandemie-Management und das dauernde Abwägen, wo unsere persönlichen Grenzen in Sachen Sicherheitsgefühl liegen – all das läuft nicht einfach nebenher. Aber es gibt auch noch eine andere Seite.

Eltern sind in der totalen Zwickmühle gefangen.

Patricia Cammarata

Welche ist das?

Corona hat die ganze unsichtbare Arbeit sichtbar gemacht. Dadurch, dass auch viele Männer im Homeoffice arbeiten, bekommen sie von den Tagesabläufen mehr mit. Die Pandemie hat daher für alle die Gedankenlast um einiges erhöht. Allein, was meine Kinder an so einem Homeschooling-Tag an Snacks wollen, ist enorm. Snacks, die eingekauft, zubereitet, serviert werden wollen. Während wir eigentlich gerade in einer wichtigen Videokonferenz sind. Und das erleben derzeit Mütter und Väter.

Was zermürbt dabei am meisten?

Dass kein wirkliches Ende in Sicht ist. Alles ist ein einziges Hin- und Her: Schulen auf, Schulen zu, Wechselunterricht, wieder zu, wieder auf. Es ist die Hoffnungslosigkeit, die uns fertig macht. Ich bin wütend und enttäuscht darüber, dass sich in dieser Pandemie einmal mehr gezeigt hat, dass die Belange von Familien nur dann interessieren, wenn sie der Wirtschaft dienen. Allein die Aussage, Kinder seien „Pandemie-Treiber“! Ihre eigene Gesundheit ist nicht wichtig, das einzige Problem ist, dass sie als kleine Virenschleudern Erwachsene anstecken könnten, die dann für die Erwerbsarbeit ausfallen. Dabei ist allein die Sorge um die Kinder schon eine enorme mentale Last. Auch Kinder können beispielsweise Long-Covid bekommen. Eltern sind in der totalen Zwickmühle gefangen.

Patricia Cammarata über Sorgearbeit in der Pandemie: „Es ist eine Lose-Lose-Situation.“

Welche Möglichkeiten haben sie?

Man schwankt immer zwischen der Sorge um die Sicherheit der Kinder und der Sorge um ihre soziale, psychische und schulische Entwicklung. Bei uns in Berlin ist zur Zeit die Präsenzpflicht ausgesetzt, Eltern haben also die Wahl, ob sie ihre Kinder in den Wechselunterricht schicken oder ganz zu Hause lassen. Aber egal, wie man sich entscheidet, es ist eine Lose-Lose-Situation, die Spannungen in den Familien steigen, weil viele von ihnen sieben Tage die Woche 24 Stunden aufeinanderhängen. Und dann immer die unterschwellige Forderung, Familien sollten sich nicht so anstellen, nur weil die Kinder halt mal ein paar Wochen zu Hause sind ...

Diese Belastungen werden aus Ihrer Sicht zu wenig gesehen?

Genau. In jedem Beruf würde ein solcher permanenter Bereitschaftsdienst extra honoriert. Ich arbeite in der IT-Branche, da bekommt man für die Nachtbereitschaft, auch wenn meist gar nichts passiert, natürlich einen Zuschlag. Aber gerade Frauen hängen gerade völlig in diesem ständigen On-Modus drin. Und dauernd ändern sich die Regeln – erst heißt es, Kinder müssen auch FFP2-Masken tragen, dann organisiert man die irgendwie, obwohl sie kaum zu bekommen sind. Später heißt es dann, sie brauchen doch keine. Solche Sachen. Und das alles führt zu mehr Ungleichheit in den Beziehungen.

Mental Load und der Gender-Care-Gap sind keine individuellen Probleme.

Patricia Cammarata

Warum?

Weil in dieser Pandemie das klassische Zuverdienermodell plötzlich auch attraktiv für Paare wird, die eigentlich immer anders gearbeitet haben. Das Homeschooling und die ausfallende Betreuung vonseiten des Staates führen dazu, dass dann eben doch schweren Herzens Arbeitsstunden heruntergefahren oder Jobs ganz gekündigt werden. Und das tun dann meist die Frauen, weil ihr Einkommen geringer ist. Das ist ein Teufelskreis, und es hilft gar nichts zu sagen: „Dann fordert die Gleichberechtigung doch ein!“ So einfach ist es nicht. Mental Load und der Gender-Care-Gap sind keine individuellen Probleme.

Es geht um die Strukturen.

Genau. Mental Load ist ein strukturelles Problem, das war auch schon vor der Pandemie so. Männer verzichten zugunsten ihrer Karriere im Zweifelsfall auf eine enge Beziehung zu ihren Kindern, können sich gleichzeitig aber darauf verlassen, dass die Kinder liebevoll umsorgt sind. Umgekehrt ist das aber nicht so. Frauen, die Karriere machen, müssen sich in der Regel wirklich um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie kümmern. Sie haben vielleicht Männer, die ihre Karrierebestrebungen unterstützen, das heißt aber in den allerwenigsten Fällen, dass die Männer dann wirklich Hausmänner werden.

Steht Sorgearbeit nach wie vor zu wenig im Fokus? Woran liegt das?

Unzureichend war Sorgearbeit schon lange organisiert. Zu wenig Kita- und Hortplätze, zu wenig qualifiziertes Personal, zu wenig bezahlbare Plätze für kranke und alte Angehörige, zu wenig alles. Die Probleme von Alleinerziehenden hat man im Großen und Ganzen einfach ausgeblendet. Selbst schuld, wären sie doch bei ihren Partnern geblieben. Selbst schuld, was bekommt ihr auch Kinder, wenn ihr sie nur wegorganisieren wollt. Selbst schuld, selbst schuld, selbst schuld.

Mental Load und Care-Arbeit in der Pandemie: Eine besondere Belastung für Eltern.

Sie haben 2020 ein viel beachtetes Buch mit dem Titel „Raus aus der Mental-Load-Falle“ geschrieben, in ihrem Blog „das nuf“ schreiben Sie seit 2008 über Familienthemen. Wann haben Sie gemerkt, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen darf?

Als ich persönlich kurz vor einem Burnout stand, hatte ich auf dem Weg in die Arbeit jeden Morgen das Gefühl, ich müsste mich auf den Asphalt legen. Ich dachte in diesem Moment, vielleicht müssen wir Eltern uns mal gemeinsam vor das Reichstagsgebäude auf den Boden legen und dabei schreien. Und jede:r schreibt auf den Rücken, wie viele Stunden Erwerbsarbeit der Wirtschaft verlorengehen, wenn wir verlorengehen. Apelle an die Eigenverantwortung helfen dabei aber gar nichts. Sie sind wie Ohrfeigen, denn bei aller Eigenverantwortung – der sinnvolle Rahmen ist nicht gegeben. Wir können eigenverantwortlich die Kinder zu Hause lassen, doch wie sollen wir dann unsere Jobs schaffen, wie sollen wir die Kinder unterrichten, wie sollen wir ihnen die seelische Gesundheit erhalten?

Was genau ist jetzt schlimmer geworden?

Dass das Leben von Eltern Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat langsam auseinanderfällt, die Energien schwinden, die Nerven blankliegen und alles auf Burnout zusteuert. Und deswegen ist der Ruf nach Eigenverantwortung Quatsch. Es hilft nicht, sich als Eltern zusammenzureißen und einfach still seine Überforderung hinzunehmen. Im Gegenteil, das vereinzelte Jammern müsste sich vereinen zu einem nicht zu überhörenden Urschrei. Eltern werden die unzureichende und im Moment nicht mal vorhandene Organisation von Sorgearbeit nicht wuppen. Egal, wie schnell sie im Hamsterrad rennen. Irgendwann ist die Luft raus.

Patricia Cammarata ist Autorin, Vortrags rednerin und Podcasterin. Ihr Blog „dasnuf“, in dem sie über Kinder und digitale Medien schreibt, ist preisgekrönt. Ihr Buch „Raus aus der Mental Load-Falle. Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt“ wurde ein Bestseller. Als „Mental Load“ wird die Belastung verstanden, die durch das Organisieren von vermeintlich belanglosen Alltagsaufgaben entsteht.

Was muss sich in der Arbeitswelt ändern?

Erfreulicherweise interessieren sich immer mehr Unternehmen für das Thema. Ich werde oft zu Vorträgen eingeladen. Als die ersten Anfragen vor einigen Jahren eintrudelten, habe ich mich gewundert: Warum ist das so? Warum interessieren sich Unternehmen für privaten Mental Load? Das Zauberwort heißt Fachkräftemangel.

Patricia Cammarata über die Herausforderungen für Familien während der Corona-Pandemie

Müssen Firmen jetzt für die ganze Familie mitdenken?

Männer können – verallgemeinernd gesagt – berufstätig sein. Frauen können berufstätig sein, wenn sie es schaffen, Familie und Haushalt so zu organisieren, dass sie genug Zeit und Energie haben, zusätzlich erwerbsarbeiten zu gehen. Wenn man Frauen nun Teile der Sorgearbeit abnimmt, dann haben sie mehr Zeit und Energie übrig. Ziemlich einfache Rechnung. Diese Einsichten haben sich Arbeitgeber zunutze gemacht. Sie machen sich Gedanken, wie man qualifizierte Männer und Frauen anlockt und ihnen sagt: Ja, wir zahlen gut, aber wir ermöglichen dir auch, Vater oder Mutter zu sein. Teilzeit für Männer, Führungspositionen in Teilzeit, Elterngeldaufstockung, überhaupt Elternzeit auch mehr als zwei Monate ohne Diskussion zu ermöglichen – all das waren und sind zunehmen gute Argumente, auch für Männer, sich für einen Arbeitgeber zu entscheiden.

Was tun die Unternehmen denn konkret?

Da gibt es viele Beispiele. Gerade in der Tech- und der IT-Branche entstehen gerade neue Ideen, denn dort ist der Fachkräftemangel besonders stark. Man bietet haushaltsnahe Dienstleistungen an – eine Putzkraft, jemanden, der Wäsche abholt und gebügelt zurückbringt, mobile Friseure, Caterer für ländliche Regionen, in denen es keine Hortversorgung für Schulkinder gibt, so dass diese Mittagessen bekommen, man gründet Betriebskindergärten, Ferienbetreuungsprogramme, organisiert Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen. Hewlett Packard Enterprise zum Beispiel bietet seit 2019 Müttern und Vätern bei Geburt oder Adoption eines Kindes eine sechsmonatige Elternzeit bei voller Bezahlung. Auch SAP ist hier zukunftsweisend in den Rahmenbedingungen für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Sie können fast gänzlich frei entscheiden, wann sie von wo arbeiten. Außerdem hat das Unternehmen Eltern-Kind-Büros und Sonderzahlungen nach der Geburt eines Kindes im Angebot. Ein SAP-Sprecher sagt, die Rückkehrquote der Eltern nach der Elternzeit betrage hundert Prozent. Fachkräfte, die zurückkommen und die lange bleiben, sind eine riesige Ersparnis, denn neue Mitarbeiter:innen zu akquirieren und einzuarbeiten kostet einfach sehr viel Geld.

Nicht ganz uneigennützig, das Ganze ...

Nein, natürlich nicht, denn wo all die familiären Dinge nicht geplant werden müssen, bleibt mehr geistige Energie für die Arbeit.

Mit welchen kleinen Änderungen könnten Eltern sich selbst oder auch einander helfen?

Wir müssen auch die Erwartungen an uns selbst korrigieren. Niemand muss eine dreistöckige Torte fürs Kindergartenfest backen oder bei jedem Bastelnachmittag in der Grundschule dabei sein. Es spart wichtige Energien, wenn man sich einfach mal traut, fürs Schulfest gekaufte Brezeln vom Bäcker oder zwei Flaschen Orangensaft mitzubringen. Da sollten wir nicht zu streng mit uns sein – und auch nicht mit anderen Eltern.

Interview: Anne Lemhöfer

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