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Kompllett: Der Stammbaum der Ducks.

Suche nach den Vorfahren

Die Familien-Bande

Wer war nur mein Ururopa? Nachfahren nehmen sich immer mehr Zeit, um ihren Stammbaum zu vervollständigen, denn selten ist der so komplett wie bei den Ducks. Von Katia Meyer-Tien.

Am Anfang steht der Satz, den Manuel Andrack als kleiner Junge von seinen Eltern hörte: "Von mir hat er das nicht!" Aber von wem dann? Andrack, der als Stichwortgeber von Harald Schmidt bekannt wurde, ist dieser Frage nachgegangen, hat Ahnenforschung betrieben und ein Buch daraus gemacht.

Eine Idee, die im Trend liegt: Bereits im vergangenen Jahr schickte das ZDF Prominente auf die Suche nach ihren Vorfahren, im März dieses Jahres folgte die ARD mit den vier Folgen der Serie "Das Geheimnis meiner Familie". Im Internet boomen die Seiten, auf denen man nach dem Ursprung seines Familiennamen oder nach seinen Vorfahren suchen kann. Mehr als 5000 registrierte Nutzer arbeiten mittlerweile gemeinsam an GenWiki, einer Seite, auf der Hobby- und Profi-Ahnenforscher Informationen und Datensätze rund um das Thema Familienforschung zusammentragen. In den USA ist die Genealogie, die Ahnenforschung, schon seit Jahren ein beliebtes Hobby - allein auf ancestry.com haben sich fast drei Millionen Nutzer registriert.

Es kann ja auch herzergreifend sein, wenn man plötzlich Verwandte findet, von denen man jahrelang nichts wusste. Unvergessen die Bilder von Altkanzler Gerhard Schröder, der 2005 in Gera freudestrahlend zwei Cousinen in die Arme schloss. Oder erschütternd: Als Ahnenforscherin Andrea Bentschneider für die ARD-Sendung die Geschichte des Schauspielers Armin Rohde untersuchte, lüftete sie ein bis dahin streng gehütetes Familiengeheimnis: Als SS-Mann hatte Rohdes Großvater im Warschauer Ghetto kaltblütig Juden erschossen. Der Schauspieler war geschockt, seine Mutter hatte bis dato über ihren Vater immer geschwiegen.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich die Lust an der Spurensuche mit dem Versuch erklären, das eigene Selbstbild zu konstruieren oder zu entdecken. "Viele Menschen glauben: Ich weiß erst, wer ich bin, wenn ich weiß, wo ich herkomme", sagt Werner Greve, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Hildesheim. Es gehe um die Frage: Was hat die Menschen, die mich geprägt haben, beeinflusst? Von wem habe ich welche Eigenschaften geerbt? Und, insbesondere im Zusammenhang mit der Nazizeit, um eine moralische Perspektive: Habe ich Vorfahren, die etwas Schreckliches getan haben?

Ahnenforscherin Andrea Bentschneider musste bei Armin Rohde erstmals einem Kunden eine unangenehme Nachricht überbringen. Die Genealogie war ihr Hobby, seit die gelernte Hotelfachfrau 1992 aus heiterem Himmel einen Anruf von einem Amerikaner bekam, dessen Vorfahren ebenfalls Bentschneider hießen. Sie wurde neugierig: Hatte sie da ein unbekannter Verwandter kontaktiert? Sie fragte bei Verwandten nach Unterlagen über ihre Vorfahren, durchforstete Datenbanken im Internet, ließ sich Heirats- und Geburtsurkunden von Standesämtern schicken und lernte die altdeutsche Frakturschrift. Learning by doing - Genealogie kann man nicht studieren.

Als Lohn fand sie in ihrem Stammbaum verheimlichte uneheliche Halbgeschwister, die drei Ehemänner ihrer Uroma und viele spannende Details. "Ich mag es, die Geschichten zwischen den Zeilen zu finden", sagt sie. Das ist oft sehr zeitaufwändig, aber nicht unbedingt schwierig. Bei den Standesämtern bekommt man als Nachfahre alle Auskünfte über Großeltern und Urgroßeltern, Informationen über Onkel und Tante, Schwester und Bruder sind allerdings datenrechtlich geschützt. Dokumente aus der Zeit vor 1875 sind einfach einzusehen: Damals gab es noch keine Standesämter, die Urkunden sind bei Pfarrämtern und in Archiven zu finden.

Seit 2004 betreibt Bentschneider die Ahnenforschung professionell, ihren Stammbaum hat sie inzwischen über neun Generationen bis zum Jahr 1780 zurückverfolgt. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie tatsächlich mit dem Amerikaner verwandt ist - durch Zufall fand sie den Namen eines ihrer Vorfahren in einer Liste aller Auswanderer aus Mecklenburg - kam die Ernüchterung: "Es war großartig, endlich am Ziel angekommen zu sein. Gleichzeitig dachte ich: Toll, und was mache ich jetzt?"

Sie machte sich selbstständig. Heute untersucht sie die Stammbäume ihrer Kunden, aber auch in ihrem eigenen gibt es noch genug zu tun: "Mit jeder Urkunde, die man findet, ist eine Frage beantwortet und drei neue werden aufgeworfen."

Auch Manuel Andrack steht am Ende seines Buches wieder an einem Anfang: Er sucht weiter nach seinem Urururgroßvater, über den er bisher noch keine Dokumente gefunden hat.

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