+
In Erinnerung: Blumen liegen im Oktober 2019 am Straßenrand in Northamptonshire.

Großbritannien und die USA

Auf der falschen Seite

  • schließen

Eine Amerikanerin missachtet den britischen Linksverkehr und stößt mit einem Motorradfahrer zusammen, der junge Mann stirbt. Die USA verweigern eine Auslieferung – die Fahrerin ist Ehefrau eines Diplomaten.

Alles, was Charlotte Charles und Tim Dunn wollen, ist Gerechtigkeit. Seit August des vergangenen Jahres kämpfen sie darum. Seit dem Tod ihres 19-jährigen Sohns Harry Dunn verfolgen sie kein anderes Ziel.

Der Jugendliche war in der englischen Grafschaft Northhamptonshire auf seinem Motorrad mit dem Geländewagen der US-Amerikanerin Anne Sacoolas zusammengeprallt, die auf der falschen Straßenseite unterwegs war. Im Königreich herrscht Linksverkehr, das führt regelmäßig zu Verwirrungen bei Ausländerinnen und Ausländern. Doch nur selten stirbt ein Teenager an den Folgen.

Und vermutlich nie zuvor führte ein solcher Unfall zu diplomatischen Spannungen zwischen den engen Verbündeten Großbritannien und den USA, die gewöhnlich stolz ihre „besondere Beziehung“ hervorheben.

Dieser Fall aber stellt sich vor allem für Dunns Eltern besonders tragisch dar. Denn Sacoolas’ Ehemann arbeitete zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes für einen US-Geheimdienst auf einer Militärbasis der britischen Luftwaffe.

Der 42-Jährigen wurde deshalb diplomatische Immunität gewährt. Tatsächlich kehrte Sacoolas kurz nach dem Unfall in die Heimat zurück, bevor sie von der Polizei vernommen werden konnte. Und dort gedenkt die US-Bürgerin, die zum Unmut der Eltern von Fotografen wieder beim Autofahren gesichtet wurde, auch zu bleiben.

Wohl auch aus Verzweiflung haben Charlotte Charles und Tim Dunn indes so ziemlich jeden verklagt, der ihrer Ansicht nach in der Causa versagt hat. Dazu gehört nicht nur die sich einem möglichen Prozess entziehende Sacoolas, die zugab, am Steuer des Unfallwagens gesessen zu haben.

Auch die US-Administration und das britische Außenministerium, von dem sich die trauernden Eltern mehr Hilfe versprachen, haben sie verklagt. Die Kosten versucht das Paar per Crowdfunding aufzubringen. Tatsächlich haben die beiden sowohl die britische Öffentlichkeit und Medien als auch die Justiz und den Großteil der Politik auf ihrer Seite.

Im Königreich ist die „Geflüchtete“ Sacoolas, wie einige Zeitungen sie nennen, wegen fahrlässiger Tötung infolge gefährlichen Fahrens angeklagt. Aber eine von Großbritannien beantragte Auslieferung der mutmaßlichen Unfallverursacherin lehnen die USA ab. Washington verweist stattdessen auf die diplomatische Immunität der Frau.

Selbst ein Treffen von Charlotte Charles und Tim Dunn mit US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus im Herbst letzten Jahres brachte keine Einigung. Im Gegenteil: Der US-Präsident habe sein Mitgefühl über den „fürchterlichen Unfall“ geäußert und darauf hingewiesen, dass US-Bürgerinnen und -Bürger häufig Probleme mit dem Linksverkehr hätten. Im Anschluss wollte er plötzlich und ohne Vorankündigung eine spontane Begegnung mit Sacoolas, die sich mitsamt Fotografen in einem Nebenraum befand, ermöglichen.

Ein PR-Stunt von Trump, schimpften die Eltern des toten Teenagers später und verließen frustriert das Oval Office, ohne dass sie ihrem Ziel näher gerückt waren. Im Januar dann verweigerte US-Außenminister Mike Pompeo den Auslieferungsantrag. Man würde sonst einen „außergewöhnlich beunruhigenden Präzedenzfall“ schaffen, hieß es im Hinblick auf den diplomatischen Sonderstatus. Daraufhin sprach das britische Innenministerium von einer „Rechtsverweigerung“.

Es handele sich um eine „gesetzlose und korrupte Administration“, schimpften die wütenden Eltern in Richtung USA. „Die ganze Welt ist auf der Seite von Team Harry.“ Premierminister Boris Johnson betonte laut Downing Street in einem Telefonat mit Trump die „Notwendigkeit, Harrys Familie Gerechtigkeit zukommen zu lassen“. Diese Woche jedoch gab eine Sprecherin der US-Behörde bekannt, Pompeos Entscheidung sei „endgültig“, obwohl die internationale Polizeibehörde Interpol eine sogenannte Rote Ausschreibung nach der Frau ausgestellt hat, die damit nun „international gesucht“ wird.

Beamtinnen und Beamte in aller Welt sind demnach aufgefordert, Sacoolas „mit Blick auf eine Auslieferung nach Großbritannien“ vorläufig festzunehmen. Damit wächst auch der Druck auf den britischen Außenminister Dominic Raab, sich im Unterhaus unangenehmen Fragen zu stellen. „Harrys Eltern haben alles getan, was in ihrer Macht steht – es ist nun an den Behörden“, sagte der US-Anwalt von Charles und Dunn.

Ob es nun sechs Monate, ein Jahr oder sogar fünf Jahre dauern werde, bis Sacoolas vor einem britischen Gericht zur Rechenschaft gezogen wird – und die Eltern damit Gerechtigkeit für ihren verstorbenen Sohn erkämpft haben – „sie werden niemals loslassen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare