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Justizbeamte tragen einen Sichtschutz durch das Landgericht.

Fall Lügde

„Das Leid der Kinder hätte ihm auch früher auffallen können“

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Der vielfache Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde wird vor dem Landgericht Detmold verhandelt. Die Beschuldigten überraschen zum Prozessauftakt mit Geständnissen.

Es waren ein paar dürre Worte, vorgebracht mit kraftloser Stimme, zu verstehen nur in den ersten Reihen des Saals. „Ich schäme mich“, beteuerte der 34-jährige Mario S. zum Prozessauftakt am Donnerstag vor dem Landgericht Detmold. „Wenn ich die Taten ungeschehen machten könnte, würde ich es tun.“

Über den wahren Grad seiner Reue lässt sich auch nach diesem knappen Bekenntnis wenig sagen, aber eine wichtige Wirkung haben diese Worte dennoch: Zusammen mit den Geständnissen der beiden anderen Angeklagten im Fall Lügde ersparen sie es den Opfern, ihre oft traumatischen Erlebnisse vor Gericht erneut detailliert und eingehend schildern zu müssen. „Sie müssen nicht noch mal durch die Hölle gehen“, sagte Opferanwalt Roman von Alvensleben, der jenes Mädchen vertritt, die mit ihrer Aussage die jetzigen Ermittlungen angestoßen hatte. „Für die Kinder ist das gut, die werden erleichtert sein.“

Die Frage, ob die Kinder erneut würden detailliert aussagen müssen, lag wie eine dunkle Drohung über dem Beginn dieses Prozesses um eine der schwersten Missbrauchsserien der vergangenen Jahre. Über 20 Jahre hinweg haben der heute 56-jährige Andreas V. und Mario S. auf einem Campingplatz am Rand der ostwestfälischen Stadt Lügde mehr als 30 Kinder vergewaltigt und missbraucht – die jüngsten gerade mal vier, die ältesten 13 Jahre alt. Der 49-jährige Heiko V. aus Stade, der dritte Angeklagte in dem Prozess, hatte Vergewaltigungen per Webcam verfolgt und in Auftrag gegeben. Als Einziger hatte er die Taten vor Beginn des Prozesses gestanden. Die anderen schwiegen.

Medienvertreter und Zuschauer wurden ausgeschlossen.

Gesprochen hat Andreas V., bis auf ein leises „Ja“ zu seinen Personalien und einer Erklärung seines Verteidigers, auch am Donnerstag nicht. Der arbeitslose Langzeitbewohner des Campingplatzes „Eichwald“, Spitzname „Addy“, der vor allem Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen mit Geschenken an sich band und dann in seiner Baracke schwerst misshandelte, begünstigt auch durch jahrelange Ignoranz von Polizei und Jugendämtern, verbarg sich vor den Kameras unter der Kapuze seines grauen Hoodies, das Gesicht hinter einem Aktenordner versteckt. Man könnte sagen: Er achtete vor Gericht penibel auf jene Intimsphäre, die er seinen Opfern aufs Brutalste versagte, indem er Vergewaltigungen filmte und speicherte. Auch die Blicke von Journalisten und Zuschauern blieben ihm zu Beginn des Prozesses über weite Strecken erspart; zum Schutz der Kinder und ihrer Identitäten wurde die Öffentlichkeit bereits zur Anklageverlesung ausgeschlossen.

Von den knapp 300 Taten, die allein Andreas V. vorgeworfen wurden, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren jetzt in elf lange zurückliegenden Fällen ein – offenbar im Gegenzug räumte V. über seinen Verteidiger die anderen Vorwürfe ein. Auch der zweite Haupttäter, Mario S., ein Sonderschulabsolvent, der nach eigenen Worten unter anderem als Maler und Toilettenreiniger gearbeitet hatte und ebenfalls dauerhaft auf dem Campingplatz lebte, ließ vor allem seinen Verteidiger sprechen. „Mir ist in der Untersuchungshaft bewusst geworden, welches Leid ich den Kindern zugefügt habe“, ließ S. ausrichten – was die Angehörigen und zum Teil auch selbst Betroffenen im Saal wenig glaubhaft fanden. „Reue? Glaube ich nicht“, zürnte die heute 39-jährige Michaela Vandieken, die nach eigener Schilderung bereits in den Neunzigerjahren zum Opfer wurde und im Prozess als Zeugin gehörte werden soll. „Das Leid der Kinder hätte ihm auch deutlich früher auffallen können.“ Sowohl Andreas V. als auch Mario S. könnten für sehr, sehr lange Zeit hinter Gittern verschwinden – beiden droht im Anschluss an ihre Strafe die Sicherungsverwahrung.

Ihre Opfer – 30 von ihnen sind am Prozess als Nebenkläger beteiligt – werden nun wohl überwiegend dennoch vom Gericht angehört werden, allerdings frei von dem Druck, dass von ihren Aussagen maßgeblich die Verurteilung und Strafe ihrer Peiniger abhängen. Dass die Opfer aber dennoch vor Gericht erscheinen und zum Beispiel über die Folgen der Taten für sie sprechen, kann laut Nebenklageanwalt von Alvensleben auch positive Wirkungen haben. Manchen sei es ein Anliegen, ihre Sicht zu schildern, sagt er. „Die Kinder anzuhören, ist auch ein Zeichen des Gerichts, dass sie ernst genommen werden.“

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