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Unterlagen enthüllen: Polizei ließ sich bei Verhaftung viel Zeit - Täter missbrauchte weiter Kinder

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Von: Karolin Schäfer

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Hundertfach wurden Kinder auf dem Campingplatz in Lügde missbraucht. Ein Bericht offenbart nun, dass sich die Behörden bei den Ermittlungen viel Zeit ließen.

Lügde – Die beschauliche Stadt Lügde im Kreis Lippe ist vor einigen Jahren durch einen Skandal bekannt geworden. Jahrelang missbrauchten Männer dutzende Kinder auf dem Campingplatz Eichwald. Inzwischen wurden die Täter Andreas V. und Mario S. zu 13 und zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Ermittlungen und Zeugenvernehmungen offenbarten erhebliche Kompetenz- und Kommunikationslücken – die sich zu einem Polizeiskandal entwickelten. Bis heute sind noch immer nicht alle Fragen geklärt.

Fall Lügde: Polizei lässt sich offenbar zu viel Zeit bei den Ermittlungen

Der nordrhein-westfälische Landtag untersucht seit zweieinhalb Jahren die Versäumnisse von Polizei und Jugendämtern. Anhand von aufgetauchten Unterlagen, die dem Spiegel vorliegen, konnte die Verhaftung von Mario S. rekonstruiert werden.

Der Haupttäter Andreas V. wurde am 06. Dezember 2018 von der Polizei verhaftet. Die Mutter eines Kindes hatte ihn wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Kurz danach rückte auch sein Komplize Mario S. ins Visier der Strafverfolgung. Beide lebten auf dem Campingplatz in Lügde.

Polizeiabsperrung steht auf einem Band der Polizei, das die Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald, eingrenzt. Auf dem Campingplatz in dem Ort im Kreis Lippe wurden Kinder hundertfach missbraucht. (Archivbild)
Polizeiabsperrung steht auf einem Band der Polizei, das die Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald, eingrenzt. Auf dem Campingplatz in dem Ort im Kreis Lippe wurden Kinder hundertfach missbraucht. (Archivbild) © Guido Kirchner/dpa

Bei der Verhaftung hat sich die Polizei den Unterlagen zufolge offenbar viel Zeit gelassen. Nicht nur bei Andreas V, auch bei Mario S. Bereits 2016 gingen bei der Polizei Hinweise auf sexuellen Missbrauch ein, die im Sande verliefen. Laut Spiegel-Informationen war der Polizei bekannt, dass regelmäßig Kinder im Wohnwagen von S. übernachteten. Auch vorherige Ermittlungsverfahren deuteten auf den Verdacht des sexuellen Missbrauchs hin.

Fall Lügde: Täter konnte „seine Taten noch drei weitere Wochen lang fortsetzen“

Die Zeit, die die Behörden Mario S. einräumen, nutze er, um weitere Jungen und Mädchen zu missbrauchen. Trotz expliziter Aussagen eines Mädchens, das regelmäßig bei den Männern übernachtete, wurde Mario S. anfangs nicht als Beschuldigter betrachtet.

Zwischen Weihnachten und Silvester 2018 missbrauchte S. nachweislich dann zwei Kinder, berichtete der Spiegel. Nachdem Anfang 2019 ein weiteres Mädchen Mario S. belastet hatte, wurde ein Durchsuchungsbefehl erlassen. Auch hier ließ sich die Polizei viel Zeit. Aufgrund eines Kommunikationsfehlers sei der Polizei Lippe der Beschluss nicht gefaxt worden. Zudem seien falsche Postleitzahlen von S. angegeben worden.

Erst am 11. Januar 2019 durchsuchten die Behörden den Wohnwagen und nahmen Mario S. fest. Dabei wurden riesigen Mengen an Bild und Videomaterial mit den Missbrauchsdarstellungen sichergestellt. Die Voraussetzungen für die Durchsuchung lagen aber bereits im Dezember vor. „Es ist unerträglich, dass der Täter seine Taten noch drei weitere Wochen lang fortsetzen konnte“, sagte Andreas Bialas, SPD-Landtagsabgeordneter und Mitglied des Untersuchungsausschusses „Kindesmissbrauch“, gegenüber dem Spiegel. (kas)

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