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27. Juni 1989: Österreichs Außenminister Alois Mock (l.) und sein ungarischer Kollege Gyula Horn durchschneiden den Eisernen Vorhang.

Eiserner Vorhang

Anfang und Wende - ein Foto schreibt Geschichte

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Vor dreißig Jahren zerschneiden die Außenminister Österreichs und Ungarns einen Grenzzaun. Das Foto wird zum Symbol für den Fall des Eisernen Vorhangs. 

Es hat die ganze Nacht hindurch geregnet in Sopron. Seit dem Morgen scheint wieder die Sonne, aber die Waldwege in der ungarischen Grenzstadt sind vom Regen noch aufgeweicht. László Nagy, der vor drei Jahrzehnten der politischen Opposition in Ungarn angehörte, stört das nicht. Unbeirrt stapft der 61-Jährige nun schon seit einer halben Stunde durch den Wald und sucht das Denkmal. „Hier muss es doch irgendwo sein“, sagt er, und es klingt inzwischen doch ein wenig genervt. „Die hohen Herrschaften wollten doch nicht so weit in den Wald laufen für das Foto und sich die Schuhe schmutzig machen.“ Nagy blickt nach unten, deutet auf unsere lehmverschmierten Schuhe. „Das haben wir schon mal nicht hinbekommen“, sagt er und lacht.

Es kann beschwerlich werden, Orten und Menschen auf die Spur zu kommen, die Geschichte geschrieben haben. Weil die Orte sich verändern und ihre Authentizität verlieren; und weil es unter den Menschen Handelnde gibt und solche, die der Windhauch der Geschichte nur umweht und doch ein Leben lang geprägt hat. Beides haben wir gefunden auf unserer Reise durch das ungarisch-österreichische Grenzgebiet, wo vor 30 Jahren mit dem Abbau der Grenzanlagen das erste Loch in den bis dahin so ehern scheinenden Eisernen Vorhang geschnitten wurde. 

Eiserner Vorhang: Denkmal versteckt im Wald

László Nagy hat inzwischen einen Freund in der Stadtverwaltung von Sopron angerufen. Da kein Schild an der nahen Straße und im Wald den Weg zum Denkmal weist, muss der Freund uns nun per Handy lotsen. Es funktioniert. Plötzlich öffnet sich der Wald, und auf einer kleinen Lichtung erblicken wir einen mannshohen Obelisken. Ein schmuckloser viereckiger Granitblock, der 2004 hier aufgestellt wurde und an dem drei schwarze Tafeln in ungarischer und deutscher Sprache befestigt sind. „An dieser Stelle durchschnitten am 27.6.1989 die Außenminister Alois Mock für Österreich und Gyula Horn für Ungarn den sogenannten Eisernen Vorhang“, steht in beiden Sprachen dort geschrieben. Und dass eine daneben stehende neu gepflanzte Linde „an diese bedeutende Tat am Beginn einer historischen Wende“ erinnern soll.

Der Bürgerrechtler László Nagy und der Fotograf Bernhard Holzner (rechts).

Es sei eben ein eher stiller Ort des Gedenkens, bemerkt Nagy trocken. Und offenbar ein beschädigter dazu – auf der vierten Seite des Steins deuten Löcher darauf hin, dass dort etwas angebracht war und entfernt wurde. „Da hing das berühmte Foto mit Horn und Mock, wie sie den Zaun durchschneiden“, erklärt Nagy. Und warum hat man es abgemacht? „Das hat gute Gründe“, sagt er ernst.

Bernhard Holzner gelingt historischer Schnappschuss

Bevor wir jedoch dazu kommen, wechseln wir den Schauplatz. Rund 80 Kilometer weiter nördlich in Wien, an der Landstraßer Hauptstraße im 3. Gemeindebezirk, steht Bernhard Holzner in der Tür seines Fotostudios und winkt. Es ist Sonntag, und eigentlich hat sein „Hopi-Media Fotodienst“ an diesem Tag geschlossen. Aber wenn es um den berühmtesten Schnappschuss des einstigen Pressefotografen geht, der natürlich auch in der Auslage seines Geschäfts zu sehen ist, dann sperrt er die Tür ausnahmsweise auf. Holzner – 62 Jahre alt, schlank, groß gewachsen, Brillenträger, kurzes, graues Haar – ist gut vorbereitet auf das Gespräch mit dem Gast aus Berlin. Auf dem Schreibtisch seines angenehm unaufgeräumten Ladens liegt eine Mappe mit Auszeichnungen: Goldenes Verdienstkreuz der Republik Ungarn, Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ein Glückwunschschreiben des ehemaligen österreichischen SPÖ-Bundeskanzlers Werner Faymann an den „lieben Bernhard“.

Er habe sich immer als politischer Fotojournalist verstanden, sagt Holzner. „Draufhalten, wenn einem etwas auffällt, nicht wegschauen – das ist meine Maxime. Wir sind doch Journalisten geworden, weil wir etwas bewegen, etwas hinbekommen wollen.“ Deshalb habe es ihn auch immer geärgert, wenn Kollegen Themen und Fotos, die er angeschleppt habe, ignorierten. So sei es auch Anfang Mai 1989 gewesen, als die ungarische Regierung verkündete, sie werde die Grenzanlagen an der rund 360 Kilometer langen Grenze zu Österreich abbauen lassen. „Ich arbeitete damals für die Nachrichtenagentur AP, als die Meldung über den Ticker kam“, erinnert sich Holzner. Er sei hingefahren, als im Morgengrauen des 2. Mai die ungarischen Soldaten mit dem Abbau begannen. Unweit der grenznahen Städte Hegyeshalom und Sopron beseitigten sie mit Bolzenschneidern und Blechscheren die ersten der häufig in drei, manchmal sogar sechs Reihen stehenden Stacheldrahtverhaue im Vorfeld der eigentlichen Grenze.

„Die haben das alle verschlafen“

Für die deutschen und österreichischen Tageszeitungen war der Abbau der Grenzsperren damals kein Thema, die Nachrichtenagenturen verbreiteten nur dürre Meldungen darüber. „Meine Fotos wurden von AP erst gar nicht verschickt“, erzählt Holzner, und noch heute merkt man ihm seine Empörung darüber an. „Auch waren außer mir und ein paar ungarischen Militärfotografen keine weiteren Bildberichterstatter vor Ort an jenem 2. Mai. Die haben das alle verschlafen.“

Weil auch in den folgenden Wochen das Loch im Eisernen Vorhang immer größer wurde, ohne dass die Welt das zur Kenntnis nahm, wurde Holzner aktiv. Wenn man seinen Erzählungen glauben will, hat er den österreichischen Außenminister Alois Mock von der ÖVP auf die Idee gebracht, ein Zeichen zu setzen. „Ich hatte damals sehr gute Kontakt zur Presseabteilung des Außenministeriums, und ich habe denen gesagt, ihr müsst was unternehmen, damit die Sache bekanntwird“, erzählt er. „Mein Vorschlag war, dass Mock und sein ungarischer Amtskollege Horn gemeinsam vor der Weltpresse den Zaun symbolisch zerschneiden.“ Es habe anfangs ziemliche Widerstände in der Wiener Regierung gegeben: Wir können doch nicht etwas zerstören, was wir gar nicht aufgebaut haben, hieß es. Dann aber habe Mock das durchgezogen und Horn angerufen, um ihn zu dem gemeinsamen Fototermin zu überreden. Mitte Juni kam die Zusage aus Budapest.

Zwei Außenminister mit Bolzenschneidern

Am 27. Juni trafen sich die beiden Minister auf ungarischem Gebiet an der Landstraße, die Sopron mit dem österreichischen Grenzort Klingenbach verbindet. Rund zwei Kilometer vor dem Grenzübergang verließen sie ihre Limousinen und gingen ein paar Hundert Meter in den Wald zu der Stelle, wo heute der Obelisk steht. Dort stand noch ein wenige Meter breiter Abschnitt des alten Stacheldrahtzauns. Angeblich war das Zaunstück für das Foto an dieser Stelle noch einmal aufgebaut worden, was Holzner jedoch vehement bestreitet. „Das Foto war keine Inszenierung, sondern authentisch“, sagt er. Die beiden Politiker hätten sich anfangs „a bisserl bläd“ angestellt mit den Bolzenschneidern, aber dann hat es geklappt. „Die hatten einen Heidenspaß.“

Der Bürgerrechtler László Nagy und der Fotograf Bernhard Holzner (rechts).

Holzners Foto von den beiden Ministern, die den Eisernen Vorhang zerschneiden, ist nicht das einzige von diesem Tag und vielleicht noch nicht einmal das beste. Aber es wurde zur Ikone. „Es ist ein tolles Gefühl, solch ein Foto gemacht zu haben, das Weltgeschichte festhält“, sagt er.

Zurück auf die Lichtung im Wald von Sopron, wo Holzners Foto vor 30 Jahren entstand. László Nagy wiegt lächelnd den Kopf, als er nach Holzner gefragt wird. „Wissen Sie“, sagt er, „es gibt ein ungarisches Sprichwort: Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind.“ Er jedenfalls habe die Geschichte anders gehört, und zwar vom damaligen ungarischen Regierungschef Miklós Németh. Und in dieser Geschichte spiele der Wiener Fotograf keine Rolle, sagt Nagy und erzählt seine Version: Danach soll der Reformkommunist Imre Pozsgay, der 1989 auch Mitglied im Politbüro der Ungarischen Arbeiterpartei war, bei einem Besuch im Mai oder Juni 1989 in Wien von Österreichs Bundeskanzler Franz Vranitzky auf die Idee für den Pressetermin der beiden Außenminister gebracht worden sein. Daheim in Budapest habe Pozsgay das mit Németh abgesprochen, der die Aktion genehmigte.

Die Legende von der offenen Grenze 

Vielleicht haben ja aber auch beide recht, der Fotograf aus Wien und der Bürgerrechtler aus Sopron. Denn natürlich konnte der Fototermin am Grenzzaun damals nur durch politische Absprachen auf höchster Ebene zwischen Wien und Budapest zustande kommen, weil er den Interessen beider Regierungen diente.

Was aber viel mehr zählt als die Frage, wer sich den Ruhm für die Entstehung des Fotos an die Brust heften kann, ist der Effekt der Show. Gut 20 Fernsehteams und Fotografen aus aller Welt waren an jenem 27. Juni ’89 dabei und hielten den Moment fest. Am Abend dieses Tages zeigte auch die Tagesschau in der ARD die Bilder aus Sopron. Und dann ging’s los. In der DDR verbreitete sich rasend schnell die Legende, dass man dem SED-Staat nun über Ungarn gefahrlos entkommen könne. Viele Familien planten ihren Sommerurlaub um. Was den meisten aber nicht bewusst war – die Grenze nach Österreich wurde trotz des fehlenden Stacheldrahts nach wie vor bewacht. Jedoch lieferte Ungarn nun DDR-Bürger, die sie bei einem Fluchtversuch schnappten, nicht mehr wie früher nach Ostberlin aus, sondern ließen sie wieder laufen – Richtung Osten allerdings.

Gyula Horn ist in Ungarn verhasst 

László Nagy, ein freundlicher und gelassener Mann, kann humorvoll und in fehlerfreiem Deutsch stundenlang über den Sommer 1989 erzählen. Über den damaligen Machtpoker zwischen Miklós Németh und Kreml-Chef Michail Gorbatschow, über seine eigene Tätigkeit in der Oppositionsbewegung Ungarisches Demokratisches Forum (MDF) und vor allem über das von ihm mitorganisierte Paneuropäische Picknick von Sopron am 19. August, das weltberühmt wurde, weil es Hunderte DDR-Bürger zu einer Massenflucht nach Österreich nutzten. Einen knappen Monat nach dem Picknick, am 11. September 1989, öffnete Ungarn für die im Land teils seit Wochen ausharrenden 60.000 DDR-Bürger seine Grenzen zum Westen. Keine zwei Monate später fiel die Mauer in Berlin.

Bleibt noch eine letzte Frage: Warum fehlt an dem Gedenkstein im Wald bei Sopron, wo das Ende des Kalten Krieges vor drei Jahrzehnten begann, das berühmte Foto mit den beiden Außenministern? Das liege an Gyula Horn, erklärt László Nagy. Der Politiker werde zwar im Westen und vor allem in Deutschland verehrt, in Ungarn aber sei er verhasst. Denn als Horn 1994 Ministerpräsident wurde, sei laut Nagy herausgekommen, dass er sich 1956, beim ungarischen Aufstand, der Arbeitermiliz angeschlossen hatte. Diese von den Ungarn auch „Steppjackenbrigade“ genannte Miliz war nach der Niederschlagung des Aufstandes an der Säuberungswelle beteiligt, holte die Oppositionellen ab, die später hingerichtet wurden. Aufklären ließen sich die Vorwürfe gegen den Politiker nie, weil Horns Akte im Archiv des Innenministeriums vernichtet worden sei, kurz bevor sie veröffentlicht werden sollte. „Deshalb hat jemand das Foto abmontiert, schon zwei Tage, nachdem der Stein enthüllt wurde“, sagt Nagy. „Und glauben Sie mir: Es wird hier auch nie mehr zu sehen sein.“

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