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Falknerin Sandra Jung mit Weißgesichtseule Linus: „Die kleine Eule will so ungefähr jeder hier fressen.“ 

Leben mit Greifvögeln

Die Falknerin

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Auf einer Burg in Thüringen hat sich Sandra Jung mit ihrem Freund einen Traum erfüllt: Dort wollen die beiden ihre Besucher nicht nur für die Herrscher der Lüfte begeistern, sondern ihnen auch vermitteln, wie sich Greifvögel schützen lassen. Ein Ortsbesuch.

Artus kann es nicht lassen. Mit piepsigen Kontaktlauten kommuniziert der Vogel pausenlos mit jedem Besucher der Burg, ob dieser will oder nicht. „Wie ein kleines Kind“, tadelt Sandra Jung beim Schlendern über das Gelände das Verhalten ihres noch jungen Steinadlers. Weniger kontaktfreudig gibt sich ein Stück weiter Publikumsliebling Linus. Das etwa taubengroße Weißgesichtseulenmännchen mit extremem Niedlichkeitsfaktor knurrt alles weg, was sich ihm nähert, und schafft es, sich dabei wie eine sehr große Raubkatze anzuhören. Beeindruckend! Außerhalb von Linus’ Sichtfeld posieren majestätisch die großen Adler vor ihren Holzhütten: Darunter Milo, ein 3,5 Kilo schwerer Weißkopfseeadler, der Europäische Seeadler Mia und die Andenadlerdame Kayla.

Die Thermik auf der Burg sei hervorragend für Adler, sagt Sandra Jung. Romantisieren möchte sie die Arbeit mit den Tieren aber keineswegs: „Die Vögel sind untereinander keine Freunde“, weiß sie. Natur eben. Wären alle zeitgleich in der Luft, gäb’s bei Adlers Eule, denn Linus finden nicht nur die Menschen süß: „Die kleine Eule will so ungefähr jeder hier fressen.“

Mehr als nur Show: Die Falkner wollen auch in Zucht und Auswilderung der Greifvögel investieren.

Während Sandra Jung sich auf die Flugshow vorbereitet, betreten immer mehr neugierige Gäste das Gelände auf Burg Greifenstein, die hoch über dem thüringischen Bad Blankenburg thront. Von den Burgmauern eröffnet sich den Besuchern ein malerisches Panorama über die Stadt und das dahinterliegende, sattgrüne Tal. Etwa 80 Gäste – Rentner und Familien mit Kindern – sind gekommen, um die teils riesigen Greifvögel aus nächster Nähe zu erleben. Diese sitzen vor ihren Volieren im Zentrum der von alten Steinmauern umgebenen Falknerei. Hinter den Gemäuern erhebt sich der Turm.

Erst im vergangenen Jahr hat sich Sandra Jung gemeinsam mit ihrem Freund Benedikt Nyssen einen Traum erfüllt. Die beiden haben das großflächige Gelände auf der Burg gepachtet und ihre eigene Falknerei eröffnet – 23 Tiere haben hier mittlerweile ein Zuhause gefunden. Finanziell kein kleines Risiko, aber: Die Burg zählte in der ersten Sommersaison mit den neuen Falknern knapp 18 000 Besucher, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. „Die Zahlen passen.“ Also: keine Reue. Auch wenn es ein anstrengender Fulltimejob ist und gemeinsam Urlaub machen nicht infrage kommt. Die beiden Falkner müssen täglich für ihre Tiere da sein. „Du arbeitest mit den Tieren, die du liebst, du bist den ganzen Tag draußen, du bist dein eigener Chef“, zählt Sandra Jung die Vorzüge ihrer Arbeit auf. „Das ist ein Traumjob.“ Zumal für die 26-Jährige die Arbeit mit den Tieren, die sie vor zehn Jahren nach dem Besuch einer Vogelschau für sich entdeckt hatte, von Beginn an „kein Larifari-Hobby“ war, wie sie sagt. Aber: dass sie ihr Studium aufgeben würde und eine eigene Schaufalknerei betreibt, noch dazu auf einer bestens erhaltenen Burg? „Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, hätte ich gesagt, ‚Vergiss es!‘“

Nun ist es doch passiert. So haben zwei junge, weltoffene Rheinländer ihren Weg ins Herz Thüringens gefunden, wo zahlreiche Plakate noch an den jüngsten Wahlerfolg der Rechten erinnern. Es sei in mancher Hinsicht schon „ein kleiner Kulturschock“, sagt Sandra Jung. „Die Leute sind eher reserviert und schauen erst, wer du bist. Aber wenn man mit dem Thüringer warm wird, kann man auch eine ganz herrliche Beziehung aufbauen.“ Einen Mangel an Unterstützung gebe es nicht. „Und wenn wir irgendwo essen gehen, sind wir halt laut.“ Das sei eben typisch Köln. „Der Rheinländer ist offen, lacht über alles, ob es lustig ist oder nicht.“

Die Gäste im Blick: Weißkopfseeadler Milo.

Über ihren Weg zur Falknerin und ihre Arbeit mit den Vögeln hat Jung ein Buch geschrieben, das im Mai veröffentlicht wurde. Angefangen habe das Interesse an ihr nach einem Onlinebericht über berufliche Quereinsteiger im vergangenen Jahr. Daraufhin kamen einige Fernsehsender vorbei, dann seien mehrere Verlage an sie herangetreten, ob sie nicht ein Buch schreiben wolle. „Es ist total strange, über sich selbst zu schreiben. Viele kommen nun mit dem Buch hier vorbei, damit ich etwas reinschreibe – das ist seltsam für mich.“ Tatsächlich liest sich das Buch wie eine Erfolgsgeschichte in Sachen Selbstverwirklichung, zu deren gutem Ende auch einige glückliche Fügungen beigetragen haben.

Bevor die Flugvorführung auf Burg Greifenstein beginnt, sitzen die Falkner an einem Tisch vor der steinernen Burgmauer. Die Sonne brennt, ein hölzernes Carport spendet Schatten. Von hier aus haben die beiden das gesamte Gelände im Blick. Letzte Absprachen, schnell steht die Reihenfolge: Zuerst tritt der Mäusebussard auf, dann kommen die Falken, danach Eule und Geier, zum Finale die Adler.

„Willst du den Sakerfalken fliegen?“, fragt Benedikt Nyssen. „Ich will nicht. Der hat mich gestern geärgert.“

„Ich auch nicht“, sagt Sandra Jung. „Der stellt uns bloß und zeigt uns die mittlere Kralle.“

Auch Vögel haben mal schlechte Laune, meint Nyssen: „Dann fliege ich ihn nach dem Programm.“

Gemächlich nehmen nun die Besucher ihre Positionen auf den Holzbänken einer Grünfläche ein – die Show beginnt. Während des Flugprogramms erleben sie die Greifvögel nicht nur aus allernächster Nähe – manche Adlerschwinge streift auch mal einen Zuschauer, der nicht schnell genug den Kopf einzieht –, sie lernen auch jede Menge über die Eigenschaften und Geschichten der gefiederten Stars: Geierfalke Maia ist hochintelligent, bei den Wüstenbussarden jagen die kleineren Männchen, weil diese weniger Energie dafür benötigen, während die größeren Weibchen die Jungen verteidigen. Bussarddame Elise sei eines Tages für die Zucht vorgesehen: „Ihr zukünftiger Partner ist noch nicht geschlüpft“, erklärt Nyssen den Zuschauern. „Eigentlich müssten wir sie Heidi Klum nennen.“

Man erfährt Unappetitliches über die Essgewohnheiten von Gänsegeier Paulchen und dass Weißgesichtseule Linus dank 14 Halswirbeln seinen Kopf um 270 Grad drehen kann. „Er kann seinen Kopf sogar um 360 Grad drehen“, scherzt Nyssen, „Aber nur einmal.“ Nyssen gibt den Entertainer und unterhält das Publikum ohne Pause, während er und seine Partnerin die Vögel in der Luft, auf dem Boden oder auf ihren Armen keine Sekunde aus den Augen lassen. Kein einfacher Job. Mal erklärend, mal humorvoll, schwingt sein Rheinischer Singsang in jedem Satz mit.

„Ich möchte, dass die Leute hier etwas lernen“, erklärt er später. „Aber wir sind nicht in der Schule – das soll ein bisschen lustig sein.“ In ihrer Arbeit sehen die beiden auch einen pädagogischen Mehrwert: „Die Kinder und jungen Erwachsenen sollen die Tiere kennen, schätzen und schützen lernen.“ Nach dem Ende der Vorstellung lassen sich die kleineren Besucher teils glücklich, teils respektvoll ängstlich mit einem der Falken ablichten, die älteren Besucher steuern derweil zielsicher die Gastronomie im oberen Teil der Burg an.

Entertainer mit Adler: Benedikt Nyssen.

Auch wenn der Falkner eigentlich in erster Linie ein Jäger ist, steht die Jagd für das Paar von Burg Greifenstein hinter dem Schauprogramm und der Zucht zurück. Vor einigen Wochen der erste Coup: Ein junger Schakalbussard ist geschlüpft. „Das Geschlecht wissen wir noch nicht, daher heißt es Klaus-Bärbel“, witzelte Nyssen bei der Flugvorführung. Sandra Jung zufolge handelt es sich dabei um den ersten Zuchterfolg bei diesen Vögeln in Deutschland überhaupt: „Wir konnten es selbst kaum glauben“, erinnert sie sich. Vier der Tiere auf der Burg dienen der Nachzucht. „Wir würden das gerne ein bisschen ausbauen, das ist aber eine finanzielle Frage“, sagt Jung. Denn Greifvögel sind teuer, und wenn ein Tier für die Zucht eingesetzt wird, fällt es in den ersten Jahren für die Flugshow aus.

Auch an Projekten zur Auswilderung möchte sich das Paar beteiligen, schließlich seien viele Arten in freier Wildbahn stark gefährdet, da gelte es, die Bestände wieder aufzubauen. „Das gab es lange Zeit mit den Wanderfalken – bis ins Jahr 2010. Mittlerweile gilt dadurch die Population in Deutschland als gerettet.“

Ein Problem, das den Bestand vieler Arten gefährde, sind Windräder: „Die Idee der Windanlagen ist nicht schlecht“, sagt Sandra Jung, „aber die Umsetzung – sie wurden zum Teil auf Vogelzugrouten gebaut – ist leider nicht so gut.“ Denn ein Greifvogel könne die Geschwindigkeit der Rotoren nicht einschätzen. „Windräder töten jährlich Tausende Greifvögel alleine in Deutschland. Da sind weltweit bedrohte Arten wie der Wespenbussard oder der Rote Milan dabei. Das größte Vorkommen des Roten Milan ist in Deutschland – und wir zermetzeln den, das ist schlecht.“

Tiere, die in Not geraten sind, werden gelegentlich auch von Findern in der Falknerei vorbeigebracht – in den meisten Fällen sei dies unnötig, so Jung. „Jungvögel werden oft wortwörtlich entführt“, beklagt sie. „Gerade junge Eulen klettern, wenn sie noch nicht fliegen können, gerne aus dem Nest.“ Dabei plumpsen sie auch schon mal runter. Das sei nicht schlimm, weil sie gut klettern könnten. „Aber wenn sie unten sitzen, werden sie als hilflos wahrgenommen und eingepackt.“ Ein solches Jungtier dann großzuziehen, ohne es auf den Menschen zu prägen, sei kompliziert, hierfür arbeiten die Falkner eng mit einer Station in Nordrhein-Westfalen zusammen.

Als Ursache liege dem Problem der weit verbreitete Irrglaube zugrunde, dass man die Tiere nicht anfassen dürfe. „Das kommt von Säugetieren. Wenn wir ein junges Reh anfassen, nimmt es die Ricke nicht mehr an. Das haben viele Menschen einmal gehört und projizieren es auf alle Tiere.“ Der Geruchssinn sei bei Greifvögeln aber faktisch überflüssig, daher könne man jeden Vogel einfach anfassen und ins Nest zurücksetzen. „Das stört die Vögel nicht. Das Kleine kann zwei Tage weg gewesen sein, dann setzt man es dazu, und die Eltern füttern es weiter. Man kann auch welche hinzu setzen. Die zählen nicht nach.“ Ziehe man einen Vogel hingegen von Hand auf, entstehe eine Prägung auf den Menschen. „Dann sieht der Vogel den Menschen als Partner“, erklärt Jung.

In ihrer Freiheit seien die Vögel auf Burg Greifenstein aber nicht eingeschränkt. „Was ich nicht beeinflussen kann, ist der Jagdtrieb. Das sind keine domestizierten Tiere. Es sind nach wie vor Wildtiere.“ Das sagt sie auch mit Blick auf die Kritik, der Falkner ebenso regelmäßig ausgesetzt sind wie dem Vorwurf, sie würden die Vögel hungern lassen: „Ein hungriger Greifvogel würde das hier nicht mitmachen. Niemand will Hunger haben. Wenn ich einem Vogel nichts Besseres biete als das, was er in der Natur vorfindet, warum sollte er sich dann auf mich einlassen?“, fragt die Falknerin.

„Die Natur ist, so schwer das für manche Leute zu verstehen ist, kein schöner Ort.“ Ob Hunger oder die ständige Gefahr gefressen zu werden: „Die Tiere müssen jeden Tag aufpassen, dass sie nicht sterben. Und sie müssen immer genug zu fressen kriegen und mit einem hohen Energieaufwand jagen. Das ist eine total zwanghafte Veranstaltung. Das machen wir uns zunutze und sagen: ‚Hier hast du diese Probleme nicht‘. Aber wenn ich damit aufhöre – und sei es nach zehn Jahren –, dann sagt der Vogel: ‚Okay, waren zehn schöne Jahre.‘“ Und schwingt sich auf in die Lüfte.

Falknerei

Genaue Zahlen rund um die Falknerei in Deutschland zu erhalten, ist schwierig: Die drei großen Falknerverbände – der Deutsche Falknerorden (DFO), der Orden deutscher Falkoniere (ODF) und der Verband deutscher Falkner (VDF) – haben zusammen weniger als 3000 Mitglieder, darunter fallen allerdings Doppelmitgliedschaften. Wie viele Falkner eigene Vögel besitzen, lässt sich kaum sagen. Zwar werde jeder Vogel gemeldet, erklärt Stephan Wunderlich, stellvertretender Geschäftsführer des DFO, aber nur auf Länderebene. Da die Behörden untereinander nicht vernetzt seien, gebe es keine bundesweiten Daten. Einigkeit herrscht bei den Verbänden in der Einschätzung, dass der Frauenanteil gering ist: „Aus dem Bauch raus würde ich sagen 20 Prozent - mit einem zunehmenden Anteil insbesondere junger Falknerinnen“, schätzt Wunderlich.

Eine Ausbildung zum Falkner und zur Falknerin beinhaltet eine Jägerprüfung und eine Falknerprüfung. Zu Letzterem zählen etwa die Themenbereiche Greifvogelkunde und -schutz, Rechtliches, die Vogelhaltung und die Beizjagd.

Weitere Informationen zur Falknerei und Burg Greifenstein im Internet unter www.falknerei-greifenstein.de

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