+
Seit ihrem 15. Lebensjahr arbeitet Pilar Felguera als Wirkerin. Ihr Arbeitsplatz ist der Hochwebstuhl in der Königlichen Teppichmanufaktur.

Spanien

Fädchen um Fädchen

  • schließen

In der Madrider Real Fábrica de Tapices werden Wandteppiche wie vor 300 Jahren in Handarbeit hergestellt. Gerade hat Sachsen den Spaniern den größten Auftrag ihrer Geschichte erteilt.

So etwas habe ich in meinen mehr als 40 Berufsjahren noch nicht gesehen“, sagt Pilar Felguera. „Es ist ein Juwel. Ein Juwel!“ Sie selbst hat es erschaffen.

Die 58-jährige Felguera ist Bildwirkerin an der Madrider Real Fábrica de Tapices, der Königlichen Teppichmanufaktur. Die Manufaktur ist selber ein Juwel: eine in der Welt einzigartige Werkstatt, in der Teppiche und Wandbehänge in Handarbeit hergestellt werden, noch fast ganz so wie vor knapp 300 Jahren, als die Fabrik vom ersten spanischen Bourbonenkönig Philipp V. gegründet wurde. Im vergangenen Jahr wäre sie beinahe Bankrott gegangen. Aber die Real Fábrica de Tapices ist gerettet und kann sich an die Arbeit machen, den – was die Zahl der Stücke angeht – größten Auftrag ihrer Geschichte zu erfüllen: Die Rekonstruktion von 32 Bildwirkereien für das wiederaufgebaute Residenzschloss in Dresden.

Das Juwel, das Pilar Felguera vor fünf Jahren erschaffen hat, ist ein 3,30 Meter hoher und 60 Zentimeter breiter Wandteppich, eine Säule aus Stoff. Der Karton – die Vorlage für das Werk – hängt noch immer an einer der Wände der Real Fábrica de Tapices, Felguera hat ihn von ihrem Hochwebstuhl aus im Blick: das Bild einer bekrönten, wild von Blumen umrankten Säule.

Der Karton basiert auf einer der (im Krakauer Czartoryski-Museum) erhaltenen Originaltapisserien, die der sächsische Kurfürst August der Starke Anfang des 18. Jahrhunderts in Auftrag gab: Sie schmückten das erste Vorzimmer der Paradesuite im Westflügel des Dresdner Schlosses bis zu dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Seit Mitte der 1980er Jahre wird das Schloss in neuer Herrlichkeit wiederaufgebaut. Eine der abschließenden Arbeiten ist die Rekonstruktion der Paraderäume. Um deren barocke Wandbekleidung wiederauferstehen zu lassen, kam nur eine Werkstatt in Frage: die Real Fábrica de Tapices in Madrid. Nirgendwo sonst wird noch gefertigt wie zu Zeiten Augusts des Starken.

Der Auftrag aus Dresden war eine Herausforderung für die Königliche Teppichmanufaktur, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in einem eher unscheinbaren Neomudéjarbau in der Nähe der Madrider Altstadt untergebracht ist. „Seit vielen, vielen Jahren ist nicht mehr in so feiner Qualität gearbeitet worden“, sagt Pilar Felguera. Die Kettfäden aus Leinen, in die sie die farbigen Schussfäden aus Seide, Gold, Silber und Wolle am Hochwebstuhl hineinwirkte, lagen etwa um ein Drittel dichter beieinander als bei gewöhnlichen Wandteppichen. Was eine Präzisionsarbeit ohnegleichen erforderte.

Fädchen um Fädchen baute Felguera gemeinsam mit einem Kollegen das Bild auf, täglich wuchs es gerade mal um ein oder zwei Zentimeter. „Allein für die goldene Krone habe ich zwei Monate gebraucht“, sagt Felguera. Doch nervös sei sie nie geworden, „im Gegenteil, ich war begeistert“. Die immerzu freundlich lächelnde Pilar Felguera besitzt eine Grundeigenschaft, ohne die sie ihren Beruf nicht seit dem 15. Lebensjahr ausüben könnte: „Geduld.“ Und zwar sehr sehr viel davon.

Der Dresdner Auftraggeber (der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement) war mit dem ersten und einem zweiten Wandteppich in Säulenform zufrieden. So zufrieden, dass er nun 32 weitere Stücke für die Paraderäume des Residenzschlosses in Madrid in Auftrag gab, im Wert von gut 1,15 Millionen Euro. „Das ist eine Anerkennung unserer Arbeit“, sagt Alejandro Klecker, seit einem Jahr Verwalter der Real Fábrica de Tapices. „Der Auftrag sagt uns, dass es einen Markt für unsere Produkte gibt.“ So selbstverständlich ist das nicht. Wer braucht in Zeiten industrieller Textilproduktion noch handgefertige Ware – und ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen?

Selbstzweifel kamen in der Fabrik vor ein paar Jahren auf, als fast schlagartig neue Aufträge ausblieben. Die schwere Wirtschaftskrise, die 2008 begann und von der sich Spanien immer noch nicht wirklich erholt hat, ließ öffentliche, kirchliche und private Auftraggeber aufs Geld schauen. Handgeknüpfte Teppiche oder Bildwirkereien gehörten nicht zu ihren vordringlichen Bedürfnissen.

Die Verwaltung des Betriebes war von der Krise überfordert. Bis Mitte 2015 häufte die Real Fábrica de Tapices mehr als sechs Millionen Euro Schulden an. „Als wir letztes Jahr im August in die Ferien gingen, dachten wir schon, dass wir nicht wiederkehren würden“, erzählt Pilar Felguera. Im Laufe der Zeit waren ihr insgesamt acht Gehälter nicht ausgezahlt worden.

Sie blieb ihrem Arbeitgeber trotzdem treu. Endlich griff der Stiftungsvorstand der Fabrik, dem Stadt, Region und nationale Regierung angehören, ein und half dem Betrieb mit Subventionen (und einem neuen Verwalter) wieder auf die Beine. Felguera hat die ausstehenden Gehälter ausgezahlt bekommen und hofft, bei der Real Fábrica de Tapices in Ruhe in Rente gehen zu können. Vorher will sie noch am Auftrag aus Sachsen mitwirken.

2019 soll alles fertig sein. Dann werden ihre blumenberankten Säulen, die bisher noch im Schlossdepot ruhen, und alle anderen Bildwirkereien endlich vom Publikum in den Dresdner Paraderäumen bestaunt werden können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion