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Einst eine Reederei im Aufwind: Der Frachter "Beluga Skysails" liegt im Februar 2008 im Hafen von Caracas.

Beluga-Prozess

Ex-Beluga-Chef Niels Stolberg muss ins Gefängnis

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Niels Stolberg, weltgrößter Schwergutreeder, war innovativ und einst sehr angesehen ? dann rutschte er gewaltig ab. In Bremen wird der frühere Beluga-Chef zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Alle ein bis zwei Wochen dasselbe Bild: Drei seriös gekleidete Männer streben auf das Säulenportal des Bremer Landgerichts zu. Manchmal wartet draußen ein Fernsehteam auf das Trio und bittet um ein Statement – in der Regel vergeblich. Die drei wollen lieber nur drinnen reden, vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer. 

Denn dort ist einer der Männer angeklagt, und die beiden anderen verteidigen ihn. Sein Name ist Niels Stolberg. Der 57-Jährige war mal der Chef der angeblich größten Schwergut-Reederei der Welt, mit dem wohlklingenden Namen Beluga. Doch dann machte er die bittere Erfahrung, dass nach einem steilen Aufstieg ein umso steilerer Absturz folgen kann: Erst ging seine Firmengruppe unter, dann wurde er wegen mutmaßlicher Betrügereien angeklagt, und zuletzt erkrankte er auch noch schwer.

Haftstrafe für Kreditbetrug, Bilanzfälschung und Untreue

Am Donnerstag betrat Stolberg zum voraussichtlich letzten Mal das Landgericht. Denn nach gut zweijährigem Prozess wollte die Wirtschaftsstrafkammer am 68. Verhandlungstag ihr Urteil verkünden. Dass Stolberg nicht freigesprochen würde, war seit Langem klar. Die Frage war nur: Muss er ins Gefängnis? Die Antwort der Vorsitzenden Richterin Monika Schaefer: dreieinhalb Jahre Haft wegen Kreditbetrugs, Bilanzfälschung und Untreue – also ohne die von Stolberg erhoffte Bewährung. Drei mitangeklagte Ex-Beluga-Manager kommen mit kürzeren Bewährungsstrafen davon. Während die Vorsitzende das Strafmaß verkündete, ließ Stolberg keine Regung erkennen.

Nach dem Urteil ist vor dem Druck: Stolberg und der Journalist Peter Sandmeyer können jetzt endlich ihr fast fertiges Buch über Aufstieg und Fall des Großreeders zu Ende schreiben und in Druck geben. Erste Leseproben stehen bereits im Internet: „Ich habe eine märchenhafte Karriere gemacht, vom Deckjungen zum Kapitän und weiter zum Reeder und Multimillionär; dann bin ich abgestürzt nach ganz, ganz unten.“ Treffender lässt sich Stolbergs Lebensgeschichte kaum zusammenfassen.

Der Wirtschaftsingenieur und Schifffahrtskaufmann mit Kapitänspatent hatte seine Karriere 1995 recht bescheiden begonnen: mit einem „Befrachtungskontor“ für die Vermittlung von Ladung an Reedereien. Zwei Jahre später stellte er den ersten eigenen Frachter in Dienst. Es wurden immer mehr, und aus dem kleinen Kontor erwuchs eine ganze Firmengruppe, in deren Mittelpunkt die Reederei Beluga Shipping stand. Zuletzt ließ Stolberg 72 eigene oder dauerhaft angemietete Frachter über die Weltmere fahren und beschäftigte über 2000 Menschen, sei es an Bord, in der modern-mondänen Bremer Konzernzentrale oder in 15 internationalen Niederlassungen.

Normalerweise interessieren sich Landratten nicht groß für Schifffahrtsunternehmen. Aber Stolberg, ein geübter Selbstdarsteller, schaffte es wiederholt, in die Schlagzeilen zu geraten. 2008 ließ er erstmals einen Frachter über den Atlantik fliegen – na ja, nicht ganz: Ein Zugdrachen am Bug der „Beluga Skysails“ unterstützte den Dieselmotor und entlastete damit die Firmenkasse wie auch die Umwelt.

2009 das nächste Experiment: Als angeblich erster kommerzieller Frachter durchquerte die „Beluga Fraternity“ die gesamte Nordostpassage durchs Eismeer.

Auszeichnung zum „Unternehmer des Jahres“

Der innovative, wagemutige, forsche Unternehmer war der Paradiesvogel unter Deutschlands Reedern. Die bessere Gesellschaft Bremens fremdelte zunächst mit dem Emporkömmling. Aber später lag ihm die halbe Stadt zu Füßen. Denn Erfolg schafft Freunde. 2006 wurde er zum Bremer „Unternehmer des Jahres“ gekürt, und 2008 durfte er sogar das ehrwürdige Bremer Schaffermahl mit ausrichten. Das sah schon etwas ungewöhnlich aus: ein drahtiger Herr mit (vermutlich gefärbten) strohblonden Haaren im steifen Frack.

Stolberg machte nicht nur seine Millionen, sondern gab als Spender und Sponsor auch einiges zurück – und genoss sichtlich die dafür gezollte Anerkennung. Wie viel Geld er in anderthalb Jahrzehnten unter die Leute brachte, weiß er selber nicht mehr genau. Es waren wohl 20 bis 30 Millionen Euro, nicht nur für Werder Bremen oder für Musikprojekte von Schülern, sondern auch für Tsunami-Waisen in Thailand: Für sie schuf er 2005 die „Beluga School for Life“. In Elsfleth an der Unterweser wurde er sogar zum Ehrenbürger ernannt, denn er hatte dort ein maritimes Aus- und Fortbildungszentrum mitfinanziert. Das alles nach dem Motto: „Es ist unsere Pflicht als Unternehmer, soziale Verantwortung zu übernehmen.“ 

Doch dann kam die Krise, erst bei den Banken, später bei den Reedern. Wie ein Tsunami rollte sie auf Stolbergs kleines Imperium zu – ausgerechnet zu einer Zeit, als Beluga immer weiter expandierte und mal wieder zusätzliche Schiffe bestellt hatte. Die ließen sich nicht einfach abbestellen wie ein Pizzataxi.

Also musste ein Geldgeber her. Stolberg holte Mitte 2010 den US-Finanzinvestor Oaktree ins Boot. Doch schon im März 2011 jagten die neuen Miteigentümer ihn von Bord, Knall auf Fall, ohne jede Vorwarnung. Sie hatten nämlich den Verdacht, dass Stolberg sie übers Ohr gehauen habe. Dann meldeten sie nach und nach für die Firmen der weitverzweigten Beluga-Gruppe Insolvenz an. Am Ende pickte sich Oaktree das Kerngeschäft heraus und ging mit einer kleinen Nachfolgereederei ab nach Hamburg.

War das Ausschlachten von Beluga womöglich von vornherein der Plan der Investoren? Stolberg jedenfalls findet: „Ich hätte mich nicht mit einer Heuschrecke ins Bett legen sollen.“ Das sei „der größte Fehler meines Lebens“ gewesen.

Mit dem Beluga-Schiffbruch starb das Lebenswerk des Aufsteigers. „Das ist mein Baby gewesen“, sagt der Vater von vier leibhaftigen Kindern. Er musste auch privat Insolvenz anmelden und sein Anwesen am Zwischenahner Meer aufgeben. Schaut man ins Handelsregister, findet man Dutzende Insolvenzverfahren, bei denen sein Name auftaucht – nicht nur bei der Beluga-Gruppe, sondern auch bei Gesellschaften wie „Deichblick“ oder „Störm an’n Hörn“; denn Stolberg hatte nebenbei auch eifrig auf der Nordseeinsel Spiekeroog investiert.

Aus dem geruhsamen (oder sollte man besser sagen: verschlafenen?) Urlaubsziel wollte er etwas Großes, Modernes machen, mit neuen Hotels und einem Künstlerhaus mit Prominenten-Flair. Manche Einheimische empfanden das als feindliche Übernahme und dürften sein Scheitern mit klammheimlicher Schadenfreude quittiert haben.

Die dunkle Seite der scheinbaren Lichtgestalt Stolberg soll sich erstmals 2006 gezeigt haben. Damals, so lautet einer der Anklagepunkte, soll die stark expandierende Reederei damit begonnen haben, den kreditgebenden Banken viel zu hohe Baukosten für eine Serie von 20 neuen Frachtern vorzuspiegeln, um höhere Kredite zu bekommen. Später soll die Beluga-Spitze den Notretter Oaktree mit erfundenen Umsatzerlösen und frisierten Jahresabschlüssen zu Millionenzahlungen verleitet haben.

Aus diesen und anderen Vorwürfen erwuchs eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Bundesrepublik. Die drei Berufsrichter der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer wurden 2014 extra für anderthalb Jahre von ihrer regulären Arbeit freigestellt, um die 875-seitige Anklageschrift und Tausende Seiten beschlagnahmter Dokumente studieren zu können. Im Januar 2016 startete dann der Prozess im größten Verhandlungssaal des Bremer Landgerichts.

Ein Teil der Anklagepunkte wurde schon vor dem Urteil abgetrennt, um möglicherweise noch extra verhandelt zu werden. Aber die Staatsanwaltschaft sah noch genug Delikte, um in ihrem Schlussplädoyer eine viereinhalbjährige Haftstrafe zu fordern. „Blind vor Ehrgeiz“ sei Stolberg gewesen. Von „wahnhaftem“ Wachstumsstreben getrieben, habe er seine Belegschaft „gnadenlos mit Zuckerbrot und Peitsche“ geführt, meinte die Staatsanwältin. Und sie bescheinigte ihm eine „hohe kriminelle Energie“. Nicht Opfer sei er, sondern Täter.

„Völlig überzogen“ nannte das die Verteidigung. Stolberg habe sich nie persönlich bereichert, sondern nur sein Unternehmen retten wollen. Dafür dürfe er höchstens mit zwei Jahren auf Bewährung bestraft werden.

Das letzte Wort hatte wie üblich der Angeklagte. Normalerweise sagen Delinquenten zwei, drei Sätze; oft schließen sie sich lediglich den Ausführungen ihrer Verteidiger an. Nicht so Stolberg. Der leicht ergraute Ex-Konzernchef im schwarzen Anzug sprach zehn Minuten lang über seine Fehler, seine Schuldgefühle, seinen Untergang. „Ich bereue zutiefst.“ Alles habe er verloren: sein Lebenswerk, sein Ansehen, zuletzt sogar seine Gesundheit. Denn sein tiefer Fall und das ganze Strafverfahren schlugen ihm wohl so auf den Magen, dass er während des Prozesses an Magenkrebs erkrankte. Er war deshalb in den vergangenen Monaten nur noch eine Stunde pro Woche verhandlungsfähig.

Trotz seiner Verurteilung gibt der 57-Jährige nicht auf. Der ehemalige Multimillionär lebt und arbeitet derzeit in einer Mietwohnung in Oldenburg und hat dort eine kleine Beratungsfirma aufgebaut: Best Ship Consult. Auch wenn manch Prozessbeobachter ihn als gebrochenen Mann einschätzt, trägt sein fast druckfertiges Buch einen optimistischen Titel. Es heißt „Unsinkbar“.

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