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Carola Maschke (rechts) mit ihrer älteren Schwester und den Eltern.

Vertriebene Deutsche

Ewige Angst auf der Flucht

Viele Deutsche waren selbst einst Flüchtlinge: Im Zweiten Weltkrieg verloren zwölf bis 14 Millionen von ihnen ihre Heimat. Zwei Frauen erzählen, wie sie 1945 Ostpreußen verlassen mussten.

Von Petra Pluwatsch

Manchmal träumt Carola Maschke vom Wasser. „Hinter mir ist eine Riesenwelle, und ich weiß: Wenn du jetzt nicht läufst, dann schlägt das Wasser über dir zusammen und du bist weg.“ Manchmal träumt sie auch vom Schnee. „Dann sehe ich den Schnee vor mir, und dahinter kommen die Russen.“ Seit einigen Jahren sind die Alpträume seltener geworden. Doch gefeit ist Carola Maschke aus Insterburg in Ostpreußen bis heute nicht gegen die Erinnerungen an eine Flucht, die 70 Jahre zurückliegt.

Die 85-Jährige, die seit vielen Jahren in Köln wohnt, gehört zu dem Tross all derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, in Pommern, in Schlesien oder im tschechischen Sudetenland verlassen mussten: Zwischen zwölf und 14 Millionen Deutsche spülte das Ende dieses verheerenden, von den Nationalsozialisten begonnenen Krieges zwischen 1945 und dem Beginn der 50er Jahre von Ost nach West – eine gigantische Menschenflut, die sich in ein kriegszerstörtes, in seinem Inneren zutiefst zerrüttetes Land ergoss, in dem beileibe nicht jeder Flüchtling, jeder Vertriebene willkommen war. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen überlebten die Flucht und den Verlust ihrer Heimat nicht. Sie erfroren in den eisigen Wintermonaten des letzten Kriegsjahres oder starben auf dem Treck in den Westen an Hunger und Erschöpfung. Andere wie Carola Maschke fanden in der Fremde ein neues Zuhause, in dem sie heute, 60, 70 Jahre später, fest verwurzelt sind.

Nachts ist der Himmel blutrot

Carola Maschkes Flucht aus Ostpreußen beginnt in einer kalten Januarnacht. Die damals 14-Jährige lebt mit der Mutter und der sieben Jahre älteren Schwester auf einem 80 Morgen großen Hof in der Nähe von Insterburg. Der Vater, ein Förster, ist zum Volkssturm einberufen worden. Die Mutter kümmert sich seitdem allein um den landwirtschaftlichen Betrieb, unterstützt von „den Jungs“, zwei jungen Zwangsarbeitern aus Polen und Frankreich.

Seit den letzten Sommermonaten 1944 ist der Krieg auch in Ostpreußen nahe. Zu Beginn des Winters sind die ersten Flüchtlingsströme mit ihren hochbeladenen Planwagen und den Viehherden durch das Dorf gezogen. Nachts ist der Himmel blutrot vom Feuerschein der nur noch 60 Kilometer entfernten Front. „Man durfte nicht fliehen“, erinnert sich Carola Maschke. Ihrer Stimme ist noch heute die Fassungslosigkeit über diesen „von oben“ verordneten Irrsinn anzuhören. „Wer fliehen wollte, der wurde sofort an die Wand gestellt und erschossen.“

Dann kommt der 13. Januar 1945 – ein Samstag, der Carola Maschkes Leben unwiderruflich verändern soll: „Wir wachten auf, und unser Haus zitterte. Alles zitterte“. Einen Tag zuvor hat die Rote Arme mit der Eroberung Ostpreußens begonnen. Inzwischen stehen die Sowjet-Truppen kurz vor Insterburg. Im Dorf hört man bereits das Jaulen der Stalinorgeln. Zwei Wochen später ist Ostpreußen vom übrigen Reich abgeschnitten.

„Uns was immer klar: Wenn der Russe kommt, müssen wir sofort weg“, erinnert sich Carola Maschke. Dennoch harrt die Familie eine weitere Woche aus. Dann, endlich, gibt die Mutter den „Jungs“ die Order zum Aufbruch. Insterburg ist gefallen, die Heimat verloren.

Noch in dieser Nacht beladen die beiden Männer zwei Planwagen mit allem, was sie tragen können: Lebensmittel, Kleidung, warme Decken. Futter für die Pferde. Das vor allem.

Hunderttausende Menschen sind in diesen Januartagen auf der Flucht

Die Mutter steckt schnell noch ein paar Familienfotos ein, versteckt Teile des Familiensilbers zwischen Wäschestücken, Taschen und Koffern. „Keine Ahnung, wie sie es geschafft hat, die auch noch mitzunehmen.“ Carola Maschke schüttelt bis heute den Kopf über das Husarenstück der Mutter. Sie selber stopft in jener Nacht ihre letzte Geschichtsarbeit „mit all den roten Anmerkungen“ in einen Koffer. Dann brechen sie auf ins Ungewisse. Sieben Wochen dauert die Reise von Ostpreußen nach Hahnenklee im Harz, wo Verwandte der Mutter leben. Schon in der ersten Nacht scheint die Flucht nach wenigen Stunden zu Ende. „Wir kamen bis zur Pregel, dann ging nichts mehr“, erzählt Carola Maschke. „Alles war hoffnungslos verstopft mit Flüchtlingen, Soldaten, Panzern. Ein einziges Chaos. Und alle wollten auf die andere Seite des Flusses.“ Schließlich nimmt sich die Mutter ein Herz und beschwört einen deutschen Offizier, die Planwagen mit den beiden jungen Mädchen passieren zu lassen. „Damit die Mädels nicht in die Hände der Russen fallen“.

Hunderttausende Menschen sind in diesen Januartagen auf der Flucht vor der unaufhaltsam näher rückenden Roten Arme. Zu Fuß oder mit Pferd und Wagen versuchen sie, die Ostsee zu erreichen, um über das Meer zu entkommen. Auch Carola und ihre Familie wollen zunächst zur Küste, nach Frauenburg. Dann wird man weitersehen. „Wir sind von einem Kessel in den nächsten geraten“, erinnert sich die 85-Jährige mit Grauen an jene vier Wochen, die zu den schlimmsten ihres Lebens gehören. „Die Russen kamen näher. Es herrschten 20 Grad minus. Alles, was auf den Wagen war, war gefroren. Unsere Hände, Füße und die Nase waren dunkelblau von den Erfrierungen. “

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24 Stunden stehen sie mit ihren Planwagen auf der zugefrorenen Frischen Haff, einer schmalen, durch einen Landstreifen abgeteilten Bucht der Ostsee. „Alle 30 Minuten mussten die Wagen bewegt werden, weil sich das Eis senkte und wir Angst hatten, dass wir untergehen.“ Geblieben von diesen 24 Stunden ist Carola Maschke „eine wahnsinnige Angst vor Wasser. Ich kann keine volle Wanne sehen“.

Es sollen weitere drei Wochen vergehen, ehe sie mit Mutter und Schwester den rettenden Harz erreicht. Die „Jungs“ sind mit den beiden Planwagen und dem gesamten Gepäck an der Ostsee zurückgeblieben. „Wir hatten nur noch unsere Köfferchen“, sagt Carola Maschke. Die Schwester hat sich auf der Flucht eine schwere Halsentzündung eingefangen, die Mutter erkrankt wenig später an Typhus.

Ein dänischer Kohledampfer bringt das Trio schließlich nach Peenemünde auf Usedom. Es ist eines von Hunderten Schiffen, die bis zum Kriegsende rund zwei Millionen Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein und ins deutsch besetzte Dänemark evakuieren. Auf dem Schiff herrschen chaotische Zustände: „Sieben-Mann-Besatzung, 1000 Passagiere auf dem nackten Boden.“ Von Usedom geht es nach Rendsburg in Schleswig-Holstein. Dort dürfen sich die Flüchtlinge zum ersten Mal seit Wochen waschen und bekommen „etwas nicht Gefrorenes“ zu essen: ein Brot mit Kunsthonig. „Und das war das Beste, was ich jemals gegessen habe“, sagt Carola Maschke.

Am 6. März 1945 erreichen sie endlich Hahnenklee im Oberharz. Tante Emma, die älteste Schwester der Mutter, bringt die Verwandtschaft aus Ostpreußen in einer Kammer unter dem Dach unter. Die Freundlichste sei sie nicht gewesen, erinnert sich die Nichte noch 70 Jahre später. „Dort oben hingen alle ihre Vorräte, und sie kam jeden Tag kontrollieren, ob wir uns etwa eine ihrer Würste genommen hatten.“

Dennoch: Die Maschkes haben Glück. Bereits im Sommer ‚45 bekommt der Vater eine neue Försterei in Alfeld an der Leine. Er ist Ende März im Harz zu seiner Familie gestoßen. Carola kann endlich wieder zur Schule gehen. Sie fühlt sich gut aufgehoben in der neuen Klasse. „Meine Schulkameraden haben mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass ich dazugehöre. Jeder hat sich bemüht, dem Flüchtlingskind etwas zu schenken. Die haben sogar Weihnachtsschmuck für uns gebastelt, damit wir unseren Baum schmücken konnten.“

„Pimocken“, „Polacken“ oder „Rucksackdeutsche“

Seit 1956 lebt sie in Köln. Hat dort geheiratet. Ist Mutter geworden und hat sich mit dem „Karnevalsvirus“ infiziert. „Man hat mich gut aufgenommen“, sagt sie. „Köln ist mein Zuhause. Aber Ostpreußen bleibt meine Heimat.“

Andere werden weniger herzlich empfangen im kriegsverwüsteten Deutschland. Viele Städte im Westen liegen in Trümmern. Der Wohnraum ist knapp: Mehr als vier Millionen Wohnungen sind nach dem Kriegsende ganz oder teilweise zerstört. Oft werden die Flüchtlinge gegen den Willen der Bewohner in Privathäuser und -wohnungen einquartiert. Viele müssen sich zunächst mit schlecht bezahlten Jobs zufriedengeben, die nicht ihrer beruflichen Qualifikation entsprechen. Die Kindersterblichkeit ist hoch. Erst durch den Wirtschaftsboom der frühen 50er Jahre verbessert sich ihre Situation.

Die Heimatlosen werden auf die vier Besatzungszonen verteilt. Die meisten kommen zunächst in der sowjetischen Zone unter: Hier leben im Dezember 1947 fast 25, in der amerikanischen Zone knapp 18 Prozent der Betroffenen. Von den heutigen Bundesländern nimmt Bayern die meisten Flüchtlinge auf. Fast zwei Millionen finden hier eine neue Heimat, 1,33 Millionen sind es in Nordrhein-Westfalen.

Schon in den letzten Kriegswochen beginnt die Vertreibung der Deutschen aus den Ostprovinzen des Reiches und den Siedlungsgebieten der „Volksdeutschen“ in Ungarn, Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern. Bis 1950 reißt der Zustrom der Heimatvertriebenen aus diesen Ländern nicht ab. 1960 leben schätzungsweise 10,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in der Bundesrepublik Deutschland und weitere 3,5 Millionen in der DDR. Die meisten stammen aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern: „Pimocken“, „Polacken“ oder „Rucksackdeutsche“, die anders sprechen, anders feiern und anders kochen als die Menschen, bei denen sie Aufnahme finden.

„Pimock“ – auch Margret Borck-Weingarten kennt dieses Schimpfwort, doch sie kann heute herzlich darüber lachen. Ein Onkel habe manchmal „so komisches Zeug“ geredet, als sie kurz vor Weihnachten 1945 bei der Verwandtschaft in Köln-Bayenthal aufgeschlagen sei: „Wärt ihr doch dort geblieben und anderer Quatsch“. Die 86-Jährige rümpft amüsiert die Nase. „Mein Chef hat mich dann immer getröstet und gesagt: „Das sind alles Menschen dritter Klasse. Da dürfen Sie gar nichts drauf geben“.“

Margret ist 16, als sie der Krieg in einem Dorf in Ostpreußen einholt. Gemeinsam mit den Eltern, der Großmutter und drei Schwestern bricht sie am 21. Januar 1945 auf Richtung Ostsee. Der einzige Bruder gilt als verschollen. Die älteste Schwester ist schwanger. Das Kind wird noch während der Flucht geboren und stirbt kurz darauf. Auch der Vater soll das Ende des Krieges nicht erleben: Er kommt bei einem Fliegerangriff zu Tode.

Es gibt vieles, über das Margret Borck-Weingarten aus Alt-Brück nicht gerne spricht. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen an die Flucht über das Eis der zugefrorenen Ostsee. An den Tod des Vaters. „Man denkt immer, man hat das irgendwie verarbeitet, aber wenn man sich näher damit beschäftigt, kommt alles wieder hoch.“ Auch das, was russische Soldaten ihr und den Schwestern damals antaten, würde sie gern vergessen. „Wir haben uns ja versteckt. Aber es war umsonst.“ Mehr gibt es darüber nicht zu erzählen.

Margret Borck-Weingarten hat sich damals schnell eingefunden in ihr neues Leben weit weg von Ostpreußen. Weit weg auch von den Stationen ihrer Flucht. „Ich hatte einfach Glück“, sagt die mehrfache Großmutter. „Ich hatte Verwandte, zu denen ich gehen konnte.“

Bei Stolp, dem heutigen Slupsk, rund 130 Kilometer westlich von Danzig gelegen, kommen Margret, Mutter, Großmutter und die Schwestern nach ihrer Flucht über das Frische Haff auf einem Gutshof unter. Als der Krieg zu Ende ist, bleiben sie. Warten ab, was geschieht.

„Das, was ich in Erinnerung habe, gibt es einfach nicht mehr“

Die Mutter, über 50 und frisch verwitwet, hofft, schon bald mit den Töchtern nach Ostpreußen zurückkehren zu können. Margret will weiter. Bloß nicht zurückschauen. „Ich habe versucht, sie zu überreden, dass sie mitkommt, aber sie wollte zurück in die alte Heimat. Sie sagte: ,Nach dem Ersten Weltkrieg sind wir ja auch nach vier Wochen zurückgegangen‘.“

Schließlich macht sich Margret allein auf den Weg in den Westen. Sie versucht zunächst, in Wuppertal bei Freunden der Eltern unterzukommen. Doch hier kann sie nicht bleiben. Also fährt sie weiter nach Köln, wo sechs Cousinen der Mutter leben. Kurz vor Weihnachten steigt die 16-Jährige in Deutz aus der Bahn und macht sich zu Fuß auf den Weg durch das zerstörte Köln Richtung Südstadt, um zu bleiben.

1992 ist sie das erste Mal wieder nach Insterburg gereist, das inzwischen Tschernjachowsk heißt und zum Verwaltungsbezirk Kaliningrad gehört. Es war eine Enttäuschung: „Da steht kein Stein mehr auf dem anderen, die Russen haben alles plattgemacht. Das, was ich in Erinnerung habe, gibt es einfach nicht mehr“.

Wie Carola Maschke ist sie seit 60 Jahren Mitglied in der „Landsmannschaft Ostpreußen“, zu der auch die „Kreisgemeinschaft Insterburg Stadt und Land e.V.“ gehört. Einmal im Monat treffen sich die ehemaligen Insterburger, um über ihre alte Heimat zu reden. Viele kommen nicht mehr. „Man denkt einfach, man versteht sich irgendwie“, sagt Margret Borck-Weingarten. „Doch meine Heimat ist Köln. Hier leben meine Kinder und meine Enkelkinder, hier bin ich seit 70 Jahren zu Hause. Ostpreußen habe ich in meinem Herzen.“

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