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Bei Klausdorf brennt der Wald. Das Flammenmeer kommt manchen Wohnhäusern bedrohlich nahe.

Großbrand

Evakuierung in Brandenburg

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In Brandenburg brennen die Wälder: Dörfer werden evakuiert, Anwohner raffen das Nötigste zusammen, doch die Feuerwehr kann die Flammen von den Häusern fernhalten.

Das Bild, das den Leuten eine erste Hoffnung spendet, ergibt sich, kurz bevor Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Freitagmittag in Treuenbrietzen eintrifft. Vor der Stadthalle warten hunderte Menschen, die am Donnerstagabend wegen eines verheerenden Waldbrandes gleich aus drei Dörfern gerettet werden mussten – als Vorsichtsmaßnahme, weil das Feuer vom Krisenstab als so gefährlich eingestuft wurde.

Nun stützen sich vor der Stadthalle alte Männer gebeugt auf ihre Krücken, Großmütter sitzen mit ihren Enkeln auf Stühlen, neben ihnen stehen jüngere Männer, die seit gestern in Jogginghose und T-Shirt herumlaufen, weil sie bei der überhasteten Flucht vergessen haben, sich etwas mehr mitzunehmen. Zu ihrer aller Sicherheit steht vor der Halle ein Rettungswagen mit zwei Sanitätern bereit, aber auch ein Wagen der Notfallseelsorge. Als die Seelsorger plötzlich abfahren, sagt jemand: „Vielleicht ist das ein Zeichen, vielleicht dürfen wir doch bald zurück in unsere Häuser.“

So kommt es dann auch: Woidke, der extra ein lange geplantes Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Uckermark abgesagt hatte, kann den 380 Einwohnern aus Frohnsdorf verkünden, dass die Evakuierung für sie aufgehoben ist. Nicht aber für 200 Leute aus den Dörfern Tiefenbrunn und Klausdorf. Einige haben Tränen in den Augen. Die einen vor Freude, die anderen aus Angst. An den beiden anderen Orten sind die Flammen noch zu nahe an den Häusern. Vielleicht können sie nach der Krisensitzung am Nachmittag zurückkehren.

Woidke überbringt den Betroffenen die Nachricht, dass es den Feuerwehrleuten gelungen ist, die Flammen von den Orten fern zu halten. Kein Haus wurde beschädigt. „Die Lage ist aber auch einen Tag, nachdem das Feuer ausgebrochen ist, noch äußerst angespannt“, sagt er. „Noch immer ist auf 350 Hektar Feuer.“ Zwischendurch waren es mehr als 400 Hektar, das ist etwa die Fläche von 500 Fußballfeldern. Woidke sagt: „Das Feuer wird uns wahrscheinlich noch einige Tage beschäftigen. Denn es ist windig, der Wind ist auch noch wechselhaft und böig, so dass auch immer wieder Glutnester auf Flächen entfacht werden, die bereits gelöscht waren.“

Die Brandursache ist noch völlig unklar, die Kripo ermittelt bereits. Aber auch das wird Tage dauern und endgültige Klarheit wird es erst geben, wenn alles gelöscht ist. Am Freitag wurden dann auch noch Feuer aus dem nicht weit entfernten Jüterbog gemeldet. Dort befand sich einer der größten Truppenübungsplätze der Sowjetarmee in der DDR. Das Feuer wütete auf mehreren Hektar eines ehemaligen Schießplatzes. Dort ist noch reichlich Altmunition im Boden, wodurch die Löscharbeiten für die Feuerwehr lebensgefährlich ist. Auch bei dem Waldbrand vom Donnerstag hatte das Feuer gleich mehrfach alte Munition im Boden zur Explosion gebracht.

In Jüterbog fahndet die Polizei bereits seit Tagen nach einem möglichen Brandstifter, dort hatte es am Stadtrand und im Ort selbst gleich mehrere schwer erklärliche Feuer gegeben, auch auf einem ehemaligen Kasernengelände. Ingo Decker, Sprecher des Potsdamer Innenministeriums, sagte der „Berliner Zeitung“, dass die Fachleute den riesigen Waldbrand bei Treuenbrietzen als sehr ungewöhnlich einstufen. „Im Moment kann sich niemand erinnern, dass wir mal eine solch großen Brand hatten“, hieß es.

Das Feuer ist offenbar nicht klassisch nur an einem Punkt ausgebrochen und hat sich von dort aus weiter verbreitet. „Das Feuer ist leider nicht konzentriert auf ein einziges Gebiet“, sagt Decker. „Es gibt mehrere große Brandgebiete mit mehreren Brandherden.“ Zu den Spekulationen, dass das Feuer gelegt wurde und dass der Täter später noch an anderer Stelle gezündelt haben könnte, sagte Decker: „Die Ermittlungen laufen noch. Nur so viel: Brandstiftung kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.“

Der Brand, der seit Donnerstagmittag in den weiten Brandenburger Kiefernwäldern wütet, erreichte ein solches Ausmaß, dass der Gestank des Feuers in der Nacht zum Freitag bis weit nach Berlin hinein zu riechen war – ganze Straßenzüge im Süden der Hauptstadt waren verraucht. Und das, obwohl sich der Brandherd 50 Kilometer südlich der Stadtgrenze befindet. In der Berliner Leitstelle der Feuerwehr im Bezirk Charlottenburg gingen mehr als 1000 Notrufe verängstigter Bürger ein. „Wir hatten silvesterähnliche Verhältnisse“, sagt ein Sprecher, Anrufe kamen aus allen Stadtgebieten. Der Wind, der den Feuerwehrleuten in Brandenburg die Arbeit erschwert, sorgte in Berlin immerhin dafür, dass der Rauch weggeblasen wurde. „Es wäre dramatischer gewesen, wenn Windstille geherrscht hätte“, so der Sprecher.

Uwe Näthe schüttelt noch immer ungläubig den Kopf, wenn er daran denkt, wie er das Feuer zum ersten Mal sah. Näthe steht vor der Stadthalle in Treuenbrietzen und erzählt, dass der Brand ausgerechnet an seinem 38. Hochzeitstag ausbrach. „Ich bin Busfahrer, war unterwegs, zwanzig Kilometer entfernt sah ich dann diese gigantischen Rauchwolken, die bis in den Himmel reichten.“ Der 63-Jährige erzählt, dass er früher selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr war, dass er viele Waldbrände gelöscht hat. „Aber so ein großes Feuer habe ich noch nie gesehen. Der Rauch war schwarz und die roten Flammen reichten bis ganz hinauf in die Kronen der Bäume. Unglaublich. Schlimmer als in jedem Katastrophenfilm.“

Seine Frau habe ihm immer wieder SMS geschickt. „Ich stand dann an der roten Ampel und habe sie gelesen. Wir hatten richtig Angst, denn der Wald endet vier Meter hinter meinem Grundstück.“ Seine Frau habe schon angefangen, das Auto zu bepacken. „Ich kam kurz nach 20 Uhr vom Dienst nach Hause, bin noch schnell unter die Dusche. Doch ich war noch nicht fertig, als ein Lautsprecherwagen durchs Dorf fuhr und sagte, dass wir in 20 Minuten unserer Häuser verlassen haben müssen.“

Bis zu 650 Feuerwehrleute aus verschiedenen Landkreisen Brandenburgs, aus Berlin und Sachsen-Anhalt sind am Freitag im Dauereinsatz. Zwei Hubschrauber starten und landen unentwegt: Die Bundeswehr im südbrandenburgischen Holzdorf hat einen Rettungshubschrauber CH-53 geschickt und auch ein Hubschrauber der Bundespolizei wirft kontinuierlich Wasser ab. „Die Hubschrauber sind seit Donnerstag im Dauereinsatz“, sagte Treuenbrietzens Bürgermeister Michael Knape. „Die Hubschrauber laden bei jedem Flug 7000 Liter Wasser, die sie dann aus 50 bis 70 Metern Höhe in die Flammen werfen.“ Ein dritter Hubschrauber der Landespolizei überfliegt mit einer Wärmebildkamera immer wieder das Brandgebiet. „So wird nach Glutnestern gesucht.“ Die Berliner Polizei schickte drei Wasserwerfer und ein sogenanntes Relaisfahrzeug, das die Funkverbindung sichern soll.

Das Ausmaß des größten Waldbrandes seit Jahren in Brandenburg überrascht einerseits, denn das Land gilt als die weltweit am besten vor Waldbränden geschützte Region. Viele Staaten haben sich das hiesige Fire-Watch-System bereits angeschaut, um es ebenfalls anzuschaffen. Über das gesamte Land verteilt stehen mehr als 110 hohe Türme, auf denen Kameras kreisen. Die Türme sind so aufgestellt, dass das gesamte Land dadurch überwacht werden kann. Steigt irgendwo Rauch auf, wird Alarm geschlagen und kontrolliert, ob es ein Feuer ist oder etwa die Staubwolke, die ein Traktor aufgewirbelt hat. Ist es ein Brand, wird die Feuerwehr losgeschickt

Das Problem ist aber, dass Brandenburg auch eines der am stärksten von Waldbränden gefährdeten Gebiete Europas ist – ähnlich wie die Trockenregionen in Spanien. Ein weiteres Problem ist, dass ein Drittel des Landes voller Wälder steht. In diesen Wäldern wiederum ist das große Problem, dass sie zu 70 Prozent aus Kiefern bestehen. Und Kiefernwälder sind besonders im Sommer sehr trocken, denn der Regen bleibt meist an den Nadeln hängen und gelangt gar nicht erst auf den Boden, so dass der Waldboden trocken bleibt und sich Brände sehr schnell ausbreiten können.

Raimund Engel, der Brandenburgs oberster Waldbrandschutzbeauftragter, sagte am Freitag: „Ein solches Feuer ist nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Denn die Feuerwehrleute kommen gar nicht in das Innere des Brandes herein.“ Zu Beginn wird versucht, die Wälder rings um das Feuer nass zu machen, um eine weitere Ausbreitung der Flammen zu verhindern. Erst dann können die Feuerwehrleute langsam von außen nach innen mit dem Löschen beginnen – immer in der Hoffnung, dass auch Regen zur Hilfe kommt. Der blieb in der extremen Trockenheit dieses Sommers über Tage und Wochen aus, dadurch brennt nicht nur der Boden, sondern die Flammen erreichen auch die Wipfel der Kiefernnadeln – und so kann sich das Feuer von Baum zu Baum weiter ausbreiten.

„Die Nachricht, dass wir in 20 Minuten aus dem Haus raus müssen, hat mich völlig aus der Bahn geworfen“, erzählt Angelika Bobermin. Sie habe erst mal angefangen zu kochen. „Geschnetzeltes mit Blumenkohl und Kartoffeln“, sagt die 62-Jährige. „Als mein Mann fragte, was das soll, sagte ich: Wir müssen doch was essen in der Fremde.“ Doch dann packten beide das Auto voll: Fotoalben und Akten in den Wäschekorb, Kleidung, Geld, Wertsachen. „Ich war völlig durch den Wind. Habe ewig nach meinen Tabletten gesucht, die ich längst eingepackt hatte. Ich habe mir mein T-Shirt falschherum angezogen.“ Sie habe gar nicht gewusst, was sie alles einpacken soll, sagt Bobermin. „Am liebsten hätte ich alles mitgenommen.“ Dramatisch wurde es dann, als sich Tina, ihre Hündin weigerte, ins Auto zu steigen.

„Jetzt dürfen wir ja zurück“, sagt die Anwohnerin erleichtert. „Hauptsache, das Haus steht noch und Tina ist noch da.“

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