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Nur wenige Kilometer vom ESC-Gelände entfernt steht ein Palästinenser in Gaza vor seinem Haus, zerstört von israelischen Raketen.

Eurovision Song Contest

Raketen, Lieder, gute Laune

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In wenigen Tagen beginnt in Tel Aviv der Eurovision Song Contest. Eine Regel schreibt vor, dass die Veranstaltung unpolitisch sein soll. Nie erschien dies unwahrscheinlicher als jetzt.

Das Geschirr vom Vorabend steht noch auf dem Tisch: ein halbleerer Glaskrug, Teller mit angebrochenem Gebäck, umgekippte Gläser. Alles ist voller Staub, das Obst in den Schalen, die Kissen, die Fotos am Kühlschrank, die Muschelketten auf der Terrasse. Das Haus, in dem Mosche Agadi starb, sieht aus, als sei das Leben stehengeblieben.

Es war in der Nacht zu Sonntag, kurz nach zwei. Seit Stunden hatten militante Palästinenser Raketen aus dem Gazastreifen auf Aschkelon und andere Städte und Dörfer im Süden Israels gefeuert, immer wieder war Alarm, musste die Familie in die Speisekammer fliehen, die ihnen als Luftschutzbunker dient. Sie waren zu fünft: Agadis Frau, seine 14-jährige Tochter, die alte Schwiegermutter, deren Pflegerin. Die Kammer liegt am hinteren Ende der Wohnung, man muss durch drei Räume laufen. 30 Sekunden hat man Zeit, manchmal nur fünfzehn.

Alle schafften es, nur Mosche Agadi nicht. Er soll gerade im Garten gewesen sein, um zu rauchen. Die Rakete schlug ein, als er in der Tür stand. Sie zerschmetterte die Betonmauer zu den Nachbarn, den Pampelmusenbaum, den Basketballkorb. Splitter bohrten sich in die Fassade, zersplitterten Fenster, trafen ihn in die Brust und in den Bauch. Moshe Agadi, 58 Jahre alt, Gemüsehändler und Vater von vier Kindern, starb im Krankenhaus.

Er sei ein guter, freundlicher Mann gewesen, sagt Nikla Dayan, seine Schwiegertochter. „Wir haben 150 Raketen abgefangen“, sagt Micky Rosenfeld, ein Polizeisprecher, „aber wenn es so viele auf einmal sind wie letzte Nacht, schaffen wir das nicht bei allen.“ „Mosche Agadi ist der erste israelische Zivilist, der seit dem letzten Gazakrieg 2015 bei Raketenangriffen ermordet wurde“, sagt Jonathan Conricus, Sprecher des israelischen Militärs.

Es ist am Mittag des nächsten Tages. Die Familie hat sich bei Mosche Agadis Mutter zur Totenwache versammelt, die Schwiegertochter ist kurz vorbeigekommen, um nach Johnny, dem Hund der Familie, zu sehen. Die Sprecher führen Journalisten durch den Garten wie durch ein Museum, steigen über Reste der zerstörten Mauer, zeigen das Loch, in dem die Rakete lag, die Löcher in der Fassade. Es ist das Haus, in dem vor wenigen Stunden ein Mann gestorben ist, aber es ist auch ein Kriegsschauplatz, ein Beweis, dass Terroristen aus dem Gazastreifen israelische Zivilisten kaltblütig ermorden.

Solche Beweise sind wichtig für Israel, gerade jetzt, da das Land seine wichtigsten Nationalfeierlichkeiten begeht: Holocaust-Gedenktag, Tag der gefallenen Soldaten, Unabhängigkeitstag. Gleich dreimal in einer Woche ertönen Sirenen, um der Opfer von Krieg und Terror zu gedenken, steht das ganze Land still. Aber es gibt noch ein anderes wichtiges Ereignis im Land, keine Gedenkveranstaltung, eher das Gegenteil: In wenigen Tagen (Finale am 18. Mai) soll in Tel Aviv der Eurovision Song Contest (ESC) beginnen. Ein europäischer Schlagerwettbewerb, auf den sich Israel vorbereitet wie auf die Ausrichtung der olympischen Spiele. 1600 Mitarbeiter sind im Einsatz, Zehntausende Touristen werden erwartet, 1500 Journalisten, zwanzig Millionen Zuschauer werden zusehen. Ron Huldai, Tel Avivs Bürgermeister, vergleicht die Vorfreude mit der Geburt eines Babys und dankt der EU für diese Chance. Veranstalter Tamir Dayan verspricht, es werde „der beste Eurovision, den die Welt je gesehen hat, das größte Event in der Geschichte des Landes“.

Polizeisprecher Micky Rosenfeld zeigt die Zerstörungen.

Die Raketen aber scheinen das Gegenteil zu beweisen. Am Samstagmorgen, genau in dem Moment, als die ersten Delegationen israelischen Boden betreten, geht es los – und auch 24 Stunden später hört es noch nicht auf. Gerade, als der Armeesprecher vor dem Haus des toten Mosche Agadi sagt, Israel sei wegen des ESC besonders verletzlich, die Hamas verfüge über genügend Waffen, um noch tagelang so weiterzumachen, heulen wieder die Sirenen auf, rennen diesmal die Journalisten in die Speisekammer der Familie, gibt es wieder Einschläge. In einer Betonfabrik ein paar Straßen weiter kommen dabei zwei Arbeiter ums Leben, unter einer Brücke fliegt ein Auto in die Luft, ein Mann stirbt. Die Hamas kündigt weitere Angriffe an, auch auf Tel Aviv. Ein Sprecher sagt der Zeitung „Haaretz“: „Es kann nicht sein, dass man singt und sich freut, während wir leiden.“ Das israelische Militär schlägt zurück, zerstört Häuser, Waffenstützpunkte. Im Gazastreifen, wo es keine Schutzräume und Abwehrraketen gibt, kommen 25 Menschen ums Leben, acht davon sind nach israelischen Angaben Terroristen.

Es ist Krieg in Israel, einer dieser Blitzkriege, die plötzlich anfangen und plötzlich wieder aufhören. Oder auch nicht. Genau weiß man das nie. Am Montagmorgen wird zwar mit Vermittlung von Ägypten eine Waffenruhe vereinbart. Aber Militärexperten sagen, es kann jederzeit wieder losgehen, für die Hamas sei der ESC eine erstklassige Gelegenheit, Israel zu provozieren. Auch der Ton der israelischen Politiker ändert sich. Schienen gerade alle noch darum bemüht, den Konflikt vor dem ESC auf keinen Fall eskalieren zu lassen, verkündet nun der Minister für öffentliche Sicherheit, „kulturelle Ereignisse sollten der Verteidigung des Landes nicht im Weg stehen“.

Und der Wissenschaftsminister sagt, der ESC stehe auf der Prioritätenliste ganz unten. Das Land ist zerrissen zwischen seiner Sehnsucht nach internationaler Anerkennung und dem Bedürfnis, Stärke und Wehrkraft zu zeigen, und selten hat man diese Zerrissenheit so gespürt wie in diesen Tagen.

Der Weg zum ESC führt ans nördliche Ende von Tel Aviv, auf das Expo-Gelände, wo sonst internationale Konferenzen und Cyber-Security-Messen stattfinden. Man sieht es schon von Weitem: die bunten ESC-Fahnen, die Werbeschilder: Dare to Dream – Wage es zu träumen. Als wäre ein Raumschiff in Israel gelandet, ein lustiges Schlagerraumschiff. Es gibt Haltestellen für Sonderbusse, hübsch bemalte Hallen, hohe Palmen und Zypressen, Liegestühle, Yoga-Kurse, Massageräume, Street-Food-Wagen. Noch sind die Liegestühle und das Yoga-Studio leer, werden die Palmen beschnitten und Sicherheitspoller in den Boden gerammt. Aber immer mehr Delegationen treffen ein, die Proben laufen, und im Meet-and-Greet-Zentrum finden Pressekonferenzen im 20-Minuten-Takt statt.

Gerade ist die Sängerin aus Armenien, dran. Sie sitzt zwischen Dolmetscher und Moderator auf der Bühne und soll sagen, ob sie hier schon viel Spaß hatte.

„Yeah“, sagt die Sängerin. Und wie war die Probe? – „Amazing.“ - Die armenische Sängerin singt ein Liebeslied. Dann wird sie gefragt, was ihre Lieblingsblume sei. Die Rose, sagt sie, natürlich.

Danach ist Sarah Mc Ternan aus Irland an der Reihe, hüftlange blonde Haare, knappes Top, kniefreier Rock. Sie spricht über ihre Band, über ihre Mutter, die vor Rührung immer heult, über ihre kleine Tochter und wie schön es sei, Mutter zu sein. Es gibt Applaus, alle lächeln, alle sind happy. So soll es sein.

Am Tag zuvor hatte es noch Fragen von Journalisten nach den Raketenangriffen gegeben. Die Moderatorin sprang ein, oft, noch bevor die Sänger antworten konnten, sagte, für die Sicherheit sei der Staat verantwortlich, nicht der Veranstalter. Ein Hinweis darauf, dass der ESC laut Regelwerk eine unpolitische Veranstaltung ist. „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt“, heißt es in den Vorschriften der European Broadcasting Union. Eine seltsame Vorschrift, und hier, in Israel, wirkt sie noch seltsamer als sonst; die vorgeschobene Friedfertigkeit, die netten Fragen, die sanften Lieder, die gute Laune.

Am Strand, wo das Euro-Dorf aufgebaut wird, wurde gerade erst die Ruine des Dolphinariums abgerissen, jener Diskothek, in der sich 2001 ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und 21 Menschen mit in den Tod riss. Der israelische Sender „KAN“, dem die Übertragungsrechte für den Wettbewerb übertragen wurden, hat sich mit der Regierung überworfen. Es geht um mangelnde finanzielle Unterstützung, aber auch um die Weigerung des Senders, die Werbevideos der Künstler in den besetzten palästinensischen Gebieten zu drehen wie es die Regierung wollte. Die Ultraorthodoxen regen sich darüber auf, dass am Heiligen Sabbat ESC-Sonderbusse im Einsatz sind, und seit vielen Monaten gibt es Versuche der Organisation „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ (BDS), die Veranstaltung zu verhindern – Unterschriftensammlungen, Boykott-Aufrufe, Demonstrationen.

Trügerische Idylle: Am Strand von Tel Aviv ist man für den Schlagerwettbewerb gerüstet.

Anfang April, als bekannt wurde, dass Madonna als Stargast in Tel Aviv auftreten wird, forderte Roger Waters, ehemaliger Pink-Floyd-Sänger und führender BDS-Aktivist, die Sängerin auf, ihre Zusage zurückzuziehen. Noch ist ihr Auftritt fest eingeplant, aber viele Künstler sagen ihre Israel-Auftritte erst in letzter Minute ab, weil sie den Druck der Aktivisten nicht aushalten, die das Ende der israelischen Besatzung des Westjordanlandes und den „Schulterschluss mit den palästinensischen Brüdern und Schwestern“ fordern.

Netta Barzilai, die israelische Siegerin des Vorjahres, kennt diesen Druck gut. Bereits vor ihrem Auftritt in Lissabon gab es Aufrufe in den sozialen Netzwerken, ihr keinen einzigen Punkt zu geben, weil sie aus Israel kommt. Sie gewann trotzdem, aber es hörte nicht auf. Vor fast jedem ihrer Konzerte in Europa, sagt sie vor ausländischen Korrespondenten in Jerusalem, machen BDS-Aktivisten mobil, wird sie beschimpft, weil sie ein Land vertritt, das Besatzungsmacht ist. Netta Barzilai ist dick, trägt gerne knallbunte Sachen und wurde in der Schule oft gehänselt. Die BDS-Kampagne, sagt sie, sei für sie Mobbing. Sie sei Sängerin, keine Repräsentantin ihres Staates. „Ich mache Musik, das ist mein Geschäft, ich will Liebe und Licht verbreiten.“

Es klingt, als stehe auch sie unter der Fuchtel des Eurovision-Regelwerks, aber dann sagt sie noch, dass der Wettbewerb ja in den Nachkriegsjahren gegründet wurde, um einen zerrütteten Kontinent zu heilen und wie wunderbar es sei, auf einer Bühne mit Menschen aus so verschiedenen Nationen zu stehen. Natürlich würde sie auch im Westjordanland vor Palästinensern auftreten. „Wenn ich gefragt werde.“ In diesem Moment kann man sich vorstellen, dass der ESC in diesem Jahr vielleicht doch irgendwie gelingen kann, dass es eine friedliche Schlagernacht wird, ohne Raketen, ohne Absagen, ohne Anschläge.

Die Kartenverkäufe laufen nicht so gut wie erwartet, Hotels haben noch Zimmer frei, statt Zehntausenden Besuchern werden nur rund 5000 erwartet. Die Preise fürs Halbfinale mussten gesenkt werden, weil noch Tickets übrig waren. Aber die 41 Delegationen sind angereist. Alle. Und die Waffenruhe hält. Ein deutscher Fan schreibt auf seiner Website, die wichtigste Regel habe er gleich zum Anfang gelernt: Heulen die Sirenen in verschiedenen Tönen, ist Raketenalarm. Heulen sie gleichförmig, handelt es sich „nur“ um eine Gedenkminute.

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