1. Startseite
  2. Panorama

Europas Badewanne

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Roser

Kommentare

Badeurlaub an der Adria: Ab ins warme Nass.
Badeurlaub an der Adria: Ab ins warme Nass. © Imago

Steigende Wassertemperaturen an der Adria freuen Reisende und beunruhigen Fachleute.

Zumindest Kältemuffel können sich an den brühwarmen Badefreuden in der Adria noch erfreuen. Das Wasser sei „sehr warm und angenehm für langes Schwimmen“, jubilierte vergangene Woche die montenegrinische Website „jadrannovi.me“ über die bereits Anfang Juli auf mehr als 27 Grad gekletterten Meerestemperaturen in der Bucht von Kotor: „Das sind ideale Bedingungen ohne irgendwelche Unannehmlichkeiten.“

Nächste Hitzewelle kommt

Die meisten Medien und Meeresbiologinnen und -biologen der Region sind über die auf immer neue Rekordhöhen steigenden Wassertemperaturen in Europas beliebtester Badewanne hingegen besorgt. Im kroatischen Split waren die Wassertemperaturen vergangene Woche auf 28 Grad gestiegen, in Dubrovnik auf 29 und an der süddalmatinischen Insel Mljet sogar auf 30. „Solche hohe Meerestemperaturen haben wir an unserer Küste noch nie erlebt“, titelt die Website des staatlichen Senders „HRT“: „Die globale Erderwärmung hinterlässt auch im Meeresleben immer größere Spuren.“

Zwar haben die kurzzeitigen Regenschauer und fallenden Temperaturen am Wochenende endlich für etwas erfrischendere Wassertemperaturen gesorgt. Doch spätestens kommende Woche wird an der Adria mit der nächsten Hitzewelle gerechnet: Lauwarme Meerestemperaturen um die 30 Grad drohen im Hauptreisemonat August eher zur Norm als zur Ausnahme werden.

„Die Adria erhitzt sich wie verrückt“, titelt reißerisch das Zagreber Webportal „index.hr“: „Das bedeutet, dass gefährliche Fische und Haie kommen.“ Zwar liegt die letzte tödliche Hai-Attacke an der kroatischen Adria bei Omis fast fünf Jahrzehnte zurück. Doch es ist vor allem die Adria-Invasion kleinerer tropischer Fische und Quallen, die Biolog:innen und Fischerinnen und Fischer umtreibt. Vermehrt wird in der Adria in den vergangenen Jahren nicht nur der Rotfeuerfisch gesichtet, sondern auch der nicht minder giftige Hasenkopf-Kugelfisch.

Die Versalzung und höhere Temperaturen machen es möglich: Über den Suezkanal sind die hochgiftigen Tropen-Eindringlinge aus dem Roten Meer ins Mittelmeer und die Adria gelangt. Aus dem Atlantik und dem westlichen Mittelmeer sind die lästigen Kompassquallen bis in die nördliche Adria vorgedrungen. An der Küste Istriens mehren sich die Touristenklagen über die „Quallenplage“.

Ansteigende Wassertemperaturen wirkten sich „mit Sicherheit negativ“ auf das „sehr komplexe Ökosystem“ der Adria aus, sagt der Biologe Alen Soldo vom Institut für Meeresstudien an der Universität Split dem TV-Sender „N1“. Er warnt vor „Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette“ von Mikroben und Plankton bis hin zu Walen. Die wärmeren Wassertemperaturen sorgten einerseits für die Zuwanderung von Fischen, die „hier keine natürlichen Feinde haben“. Andererseits würden sich Fische bei steigenden Temperaturen in kältere und tiefere Meeresschichten zurückziehen: „Fischer haben dort große Probleme, sie zu fangen.“

Noch scheint die von einigen Medien gezeichnete Gefahr der Rückkehr zum illegalen Dynamitfischen in der Adria übertrieben. Der Zagreber Meeresbiologe Petar Kruzic fürchtet dennoch, dass sesshafte Meeresorganismen wie Korallen unter der Erwärmung auch der tieferen Meeresschichten am stärksten zu leiden hätten. Habe die Temperatur in 30 Metern Tiefe im Sommer früher bis zu 15 Grad betragen, seien diese nun auf bis zu 25 Grad geklettert: „Diese Organismen leiden nun unter Nahrungsmangel. Sie können dem warmen Meer nicht entkommen.“

Auch interessant

Kommentare