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„Bei der Planung stellt sich die Frage: Was soll in die Röhre rein? Es ist ja nicht mehr sinnvoll, Straßen zu bauen“, sagt Andreas Knie.

Interview

„Europa hat keine Netze“

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Verkehrsforscher Andreas Knie über Versäumnisse und Schwierigkeiten beim Ausbau des Schienenverkehrs.

Herr Knie, der Brenner-Basistunnel ist das größte europäische Verkehrsprojekt. Wird es erfolgreich sein?
Tunnelbau gehört zum am besten erforschten Grundwissen, das wir in der zivilisierten Welt haben. Um die Durchführung mache ich mir keine Sorgen. Bei der Planung stellt sich die Frage: Was soll in die Röhre rein? Es ist ja nicht mehr sinnvoll, Straßen zu bauen. So werden wir der vielen Autos nicht Herr. Das kann nicht die Formel der Zukunft sein. Wir müssen den Verkehr also auf Schienen legen – als rollende Landstraße. Dabei werden mit einem speziellen Zug komplette Lastwagen und Sattelzüge befördert. So ist es beim Brennertunnel ja auch geplant und beim Gotthardtunnel schon wunderbar gelungen.

Wie weit ist der grenzüberschreitende Schienenverkehr gediehen?
Die EU hat schon vor mehr als zehn Jahren die Idee der Hochgeschwindigkeitstrassen quer durch Europa etabliert. Nur die Realisierung hat immer noch nicht funktioniert. Das ist das große Drama: Wir haben zwar eine internationale Straßenverkehrsordnung, aber keine internationale Schienenverkehrsordnung. Bis auf ein paar Ausnahmen, wie den Eurotunnel zwischen London und Paris, können Menschen und Güter eigentlich nur zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland bequem mit dem Zug befördert werden. Ansonsten gibt es bei Grenzüberschreitungen fast immer Probleme. Die Züge benötigen unterschiedliche Stromspannungen. Wenn sie weiter nach Spanien fahren, haben sie plötzlich andere Spurweiten. Wir haben keine wirklichen transeuropäischen Netze, nicht einmal ansatzweise.

Kann eine klimafreundliche Verkehrswende trotzdem zeitnah gelingen?
Wir haben die Schiene 60 bis 70 Jahre völlig vernachlässigt. Das fällt uns jetzt wie Schuppen von den Augen. Man muss nicht zwingend sofort ganz neue Infrastruktur bauen, sondern sollte bestehende Trassen modernisieren. Schnellere Verbindungen und bessere Takte wären jetzt schon möglich. Mein Lieblingsbeispiel: Versuchen Sie einmal von Garmisch-Partenkirchen nach Innsbruck zu fahren, mit dem Auto braucht man circa eine halbe Stunde, mit der Bahn bekommen Sie noch nicht einmal eine Fahrkarte. Oder von Berlin nach Polen. Da werden kaum vernünftige Verbindungen angeboten. Mit der bestehenden Infrastruktur wäre heute erheblich mehr möglich.

Und was ist mit den Schiffen?
Fähre-Schienen-Verbindungen werden ebenfalls wichtiger. Auch hier gilt: Die Integration der Verkehrsmittel hat man schmerzlich vernachlässigt. Schiffe müssen erst einmal umweltfreundlich umgerüstet werden, damit sie eine Alternative zum Fliegen sind.

Interview: Nadja Lissok

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