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Blick auf die Berge nahe Khaplu, ganz im Nordosten des Landes gelegen.

Pakistan

"Etwas Märchenhafteres habe ich nie gesehen"

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Weil er sich ein eigenes Bild machen wollte, ist der Fotograf Manolo Ty mehrmals durch Pakistan gereist ? heraus kam ein Bildband, der in die Weite des Landes, aber auch ganz nah zu den Menschen führt.

Herr Ty, wie sind Sie gerade auf Pakistan gekommen?
Das hat sich über Jahre entwickelt. Ich habe Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin, gerne gefragt: Welches war der speziellste Ort, an dem ihr je gewesen seid? Da kam immer wieder die Antwort: Pakistan – und keiner konnte mir so richtig erklären, wieso. Also wollte ich mir selbst ein Bild machen.

Sie waren mehrfach dort. Wie lange insgesamt?
In den vergangenen fünf Jahren war ich fünf Mal da, insgesamt für sechs Monate.

Welche Strecke haben Sie in dieser Zeit zurückgelegt?
Ich bin nicht nur einmal durchs Land gereist, sondern habe mich im Zickzack fortbewegt. Das waren Tausende von Kilometer.

Wie haben Sie sich auf die Reisen vorbereitet?
Ich hatte keinen Reiseführer dabei, nichts – und das war das Beste, was mir passieren konnte. So bin ich von den Menschen vor Ort immer weitergereicht worden, bis zum Schluss. Ich war über Wochen der Fokuspunkt. Familien sind gekommen, um mich zu treffen und mit mir zu sprechen. Das war auch nicht immer einfach.

Pakistan gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Haben Sie das auch so erlebt?
Die Hauptgefahr dort geht auf jeden Fall vom Verkehr aus. Die Autos kommen von überall, es gibt keine richtigen Regeln. Da ist man als Fahrer nur dafür verantwortlich, was vor einem passiert. Man guckt nie in den Rückspiegel und hupt einfach nur.

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der es besonders brenzlig wurde?
Ja, einmal wurde ich in einem Dorf nahe der Cholistan-Wüste abgeholt. Als der Fahrer merkte, dass ich Deutscher bin, meinte er nur: „Michael Schumacher“. Das ist das Letzte, was man hören will auf einer einspurigen Straße, auf der Trucks beladen mit Baumwolle in beide Richtungen unterwegs sind. Wir sind da mit fast 200 Sachen durchgerast, über Schlaglöcher hinweg, links und rechts an den Trucks vorbei, hinein in den Wüstensand und wieder rauf auf die Straße. Das war das gefährlichste, was ich überhaupt je auf meinen Reisen erlebt habe.

In Ihrem Buch ist auch von Festnahmen die Rede …
Das stimmt. Ich wurde zum Beispiel auf einem Schmugglerbasar festgenommen, in der Nähe von Peschawar. Da werden Drogen, Waffen, aber auch Milchaufschäumer verkauft. Alles, was man sich vorstellen kann. Auch Sachen, die den US-Truppen in Afghanistan geklaut wurden.

Wie sind Sie denn dort hineingekommen?
Ich bin mit Arbab Qaisar Mahmood hingegangen, einem meiner Gastgeber. Er ist ein Ältester aus dem Stamm der Khalil und auch ziemlich präsent im Buch. Was ich nicht wusste: Auf dem Basar hatte es erst einen Tag vorher einen Anschlag gegeben. Die waren alle in Alarmbereitschaft – und ich hatte eine Kamera dabei. Da wurden sie aufmerksam. Aus dem Nichts haben uns schwerbewaffnete Männer umzingelt, alle mit den Gewehren im Anschlag.

Und was dann?
Qaisar sagte zu mir: „Kein Problem, wir gehen einfach mit. Wir haben nichts zu verbergen.“ Also haben sie uns abgeführt und befragt. Qaisar hat übersetzt, es fühlte sich an wie ein nettes Gespräch. Ich bekam sogar Tee und Kekse angeboten. Mittendrin kamen dann immer wieder Sätze wie: „Also bist du ein Spion!“ „Also planst du einen Anschlag!“ Und ich hab immer nur wiederholt: „Nein!“, „Nein!“. Als ich dem Mann, der das Verhör führte, die Fotos auf meiner Kamera zeigte, meinte der plötzlich: „Das sind schöne Bilder.“ Da hat sich die Stimmung gedreht – und wir konnten sogar ein Foto zusammen machen. Das ist auch im Buch zu sehen.

In Ihrem Bildband schreiben Sie, dass Sie keine der dort gebräuchlichen Sprachen beherrschen. Wie haben Sie sich überhaupt verständigt, wenn Qaisar nicht mit dabei war?
Irgendwie geht es immer. Mit Hand, Fuß oder indem man auf irgendetwas zeigt.

Wie wurde Sie von den Einheimischen wahrgenommen?
Bei der ersten Reise wurde ich nur als Gast gesehen, als Tourist. Einfacher und schöner hätte es nicht sein können! Als dann die erste Auflage meines Buches erschienen ist, war ich auf meinen späteren Reisen eine prominente Person. Aber auch eine potentielle Bedrohung für die Geheimdienste. Von da an war klar: Ich werde immer überwacht. Die haben das manchmal auch ganz offen gemacht. Sie sind auf mich zugekommen und haben gesagt: „Wir sind vom ISI (der Militärgeheimdienst, Anm. d. Red.), wir sehen dich.“

Abgesehen von den politischen Verwicklungen ist so eine Reise auch eine ziemliche Belastung für den Körper. Hatten Sie gesundheitliche Probleme?
Bei der erste Reise nicht, da bin ich über Land gekommen, und mein Magen hat sich langsam an alles angepasst. Bei der letzten Reise aber hatte ich große Probleme. Wieder zu Hause musste ich zwei Monate im Bett liegen und konnte mich gar nicht mehr bewegen. Im Tropeninstitut habe ich schließlich erfahren, dass ich zwei verschiedene Parasiten in mir hatte.

Haben Sie nicht genug aufgepasst?
Wenn es immer gut geklappt hat, wird man irgendwann nachlässiger. Aber ich habe eben versucht, überall hinzureisen. Wenn man mich in einer Art Favela zum Essen eingeladen hat, dann habe ich das auch angenommen. Das war nicht unbedingt schlau, aber es hat mich zu den Fotos gebracht, die jetzt im Buch zu sehen sind.

Wie viele Fotos haben Sie insgesamt aus Pakistan mitgebracht?
Mindestens 30.000. Davon haben es 300 ins Buch geschafft, jedes hundertste also. Die eigentliche Arbeit war nicht, die Fotos zu schießen, sondern sie auszuwählen.

Wie sehr bearbeiten Sie die Fotos nach, die Sie gemacht haben?
Nicht viel. Ich muss gestehen, ich bin technisch der unbegabteste Mensch, den es gibt. Nur die Farben passe ich soweit an, dass sie ungefähr so aussehen wie vor Ort. Ich habe auch nur eine Spiegelreflexkamera und eine Linse. Kein extra Licht, keine Spielereien.

Bekommen Sie eigentlich nie genug vom Fotografieren?
Als ich aus Pakistan wiedergekommen bin, habe ich die Kamera weggelegt und zwei Monate nicht angefasst. Ich hatte so viel fotografiert und darüber so viele Leute kennengelernt, das musste ich erst einmal verarbeiten.

Und jetzt? Geht es weiter mit den Reisen?
Reisen ist Teil meines Lebens, ich werde damit nicht aufhören, auch wenn ich Berlin als Basislager gefunden habe. Wo es mich als nächstes hinzieht, ist aber noch offen.

Werden Sie dann auch wieder ein Buch machen?
Das kann man vorher schlecht sagen. Wenn ich es nicht spannend genug finde, mache ich auch keinen Bildband daraus. Das Pakistan-Buch, das jetzt neu aufgelegt wurde, war mein erstes. In dem Geschäft bin ich also noch relativ neu. Aber es ist ein schönes Gefühl, etwas zu haben, das bleibt. Ausstellungen sind spätestens nach ein paar Monaten wieder vorbei. So einen dicken Bildband schmeißt keiner weg. Der wird für Jahrzehnte irgendwo bleiben und die Leute schauen immer mal wieder rein.

Wenn man Sie heute nach dem speziellsten Ort fragt, den Sie je bereist haben, würde der dann in Pakistan liegen?
Ich denke schon. Gerade die Berge im Norden, bis zu 8000 Meter hoch – ich habe nie etwas Märchenhafteres gesehen. Mitten im Nirgendwo zwischen diesen Bergen liegt das Hunzatal. Da wächst eigentlich nichts mehr, doch die Menschen haben das Gletscherwasser in Terrassenfelder umgeleitet. Da war alles grün, Aprikosen- und Apfelbäume haben geblüht. Das war schon sehr besonders.

Interview: Simon Rayss

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