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Eines der wenigen Beweisstücke: Das Bugvisier der „Estonia“ wird am 19. November 1994 gehoben – zwei Monate nachdem die Fähre gesunken war.

Schiffsunglück

Estonia: Das Wrack und das Schweigen

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Vor 25 Jahren starben beim Untergang der „Estonia“ auf der Ostsee 852 Menschen. Einer von ihnen war Karl Nilsson. Seine Witwe kämpft um Aufklärung – und hofft auf ein Urteil, das an diesem Freitag fallen soll.

Sie hat sie in den Keller gestellt, wo sollte sie sonst hin damit. Sie im Wohnzimmer aufbewahren, diese meterlange blaue Reihe, als ständige Erinnerung? Das, fand Elisabet Nilsson, ging nicht. Aber sie wegzuwerfen, das ging noch viel weniger. Sie könnten ja noch mal wichtig werden.

Und so stehen sie nun da, im Keller des Mehrfamilienhauses in der Kleinstadt Osby in Südschweden, in dem Elisabet Nilsson lebt: 20 blaue Ordner, die Liste der Überlebenden und der Toten und der Menschen, die zu ihnen gehören.

Die 66-Jährige, helle Hose, schwarzer Pullover, graues Haar, zieht den ersten Ordner heraus, schlägt ihn auf. Eine Klarsichthülle für jedes Opfer, darauf ein Aufkleber mit den wichtigsten Informationen, so sind sie alle aufgebaut. Es beginnt, im ersten Ordner, bei Nummer „1, Aaliste Lea, Estland, vermisst“. Es endet, im 20. Ordner, bei „1015, Öström Birgitta , Schweden, tot“. In der Mitte, im Ordner N, steht „622, Nilsson Karl Ove, Schweden, tot“.

„Das“, sagt sie, „war mein Mann.“ Karl Nilsson, gestorben am 28. September 1994 auf der Ostsee, beim Untergang des Fährschiffs „Estonia“.

Elisabet Nilsson, von Beruf Buchhalterin, hat diese Ordner aufbewahrt. Sie waren Teil jener Klage, die klären sollte, wer schuld ist an der Katastrophe. Die Ordner versammeln die Lebenden, die Toten und diejenigen, die in ihrem Namen diese Klage führen. Elisabet Nilsson zieht eine Heiratsurkunde aus der Tasche Nummer 622, die Geburtsurkunden ihrer beiden Söhne, Belege, dass sie und Karl Nilsson zusammengehörten und er der Vater ihrer Kinder ist.

Elisabet Nilsson sieht auf die blauen Ordner in ihrem Keller. „Jahrelang hat sich niemand dafür interessiert“, sagt sie. „Und jetzt fragen auf einmal alle wieder danach.“

„Estonia“-Untergang: Nach 25 Jahren soll ein Urteil fallen

Weil es jetzt, an diesem Freitag, tatsächlich ein Urteil geben soll. Zum ersten Mal überhaupt. Nach 25 Jahren. Es ist ein Urteil, in dem es um Wahrheit gehen soll. Und um viel Geld. Um 40 Millionen Euro Schadenersatz, die der Konstrukteur des Schiffes, die Meyer Werft in Papenburg an der Ems, oder das Bureau Veritas, die Zertifizierungsgesellschaft, die der „Estonia“ die Hochseetauglichkeit bescheinigte, den gut 1000 Angehörigen und Überlebenden zahlen sollen, falls das Landgericht in Nanterre, wo Bureau Veritas seinen Sitz hat, die Unternehmen für schuldig erklärt.

Es ist die Wiederkehr einer fast vergessenen Debatte, ein Vierteljahrhundert später, nach Meinung vieler Angehöriger grotesk spät. „Ich wusste selbst gar nicht, dass dieser Prozess überhaupt noch läuft“, sagt Elisabet Nilsson.

Aber kann dieses Urteil überhaupt noch irgendwas klären? Kann es den Angehörigen ein Stück jener Gewissheit bringen, auf die sie so lange warten? Und was macht es mit Menschen, wenn sie auch ein Vierteljahrhundert später nicht wissen, warum ihre Lieben gestorben sind?

Ihr Weg zu trauern? „Nach der Wahrheit suchen“, sagt Elisabet Nilsson.

Der Untergang der „Estonia“ war das schwerste Schiffsunglück in Europa seit Ende des Krieges. Aber schon die Bezeichnungen sind schwierig. Wer von einem „Unglück“ spricht, setzt voraus, dass es ein verhängnisvolles Ereignis war, Pech sozusagen. Wer von einer „Katastrophe“ spricht, der betont die gewaltige Dimension des Leids: 852 Menschen starben beim Untergang der „Estonia“. Und wer von einem „Verbrechen“ spricht, der beantwortet all die offenen Fragen mit ganz eigenen Theorien. Theorien, die von Bomben, Geheimdiensten, Waffenschmuggel handeln – und die, so verwegen sie wirken, noch immer blühen, weil das Wrack nie gehoben wurde. Und weil niemand in seine Nähe darf.

Was feststeht, ist: In jener Nacht herrschte schwere See auf der Ostsee. Es gab meterhohe Wellen, für die die „Estonia“ eigentlich nicht ausgelegt war. Das Schiff, obwohl gerade 14 Jahre alt, ist in marodem Zustand; es gibt Berichte, wonach die Mannschaft kleine Lecks am Bug mit alten Matratzen stopft. Auf der Brücke steht in dieser Nacht ein Kapitän, der sein Schiff dennoch mit voller Kraft Richtung Stockholm prügelt – und der nicht mal stoppt, als kurz nach ein Uhr in der Nacht das Bugvisier abreißt. Um kurz vor halb zwei verschwindet die „Estonia“ von den Radarschirmen. Die meisten Passagiere ertrinken im Bauch des Schiffes. Sie schaffen es nicht rechtzeitig heraus. Die anderen erfrieren in der 13 Grad kalten Ostsee. Nur 137 Menschen werden gerettet.

Wo ihr Mann starb, weiß Elisabet Nilsson nicht. Sie weiß nur, dass er immer eine Kabine auf einem der oberen Decks buchte. „Er wollte auf Nummer sicher gehen“, sagt sie. Und sie weiß, dass er diesmal sehr kurzentschlossen reiste. Dass er froh war, überhaupt noch einen Platz auf der Fähre zu bekommen.

Die „Estonia“ war ein modernes Schiff deutscher Produktion

Karl Ove Nilsson kennt die „Estonia“ gut. Schon seit Ende der Achtzigerjahre ist er regelmäßig im Baltikum unterwegs, er transferiert Sägewerke aus Skandinavien in die ehemaligen Sowjetstaaten. Als die „Estonia“ ab 1992 auf der Linie Tallinn–Stockholm eingesetzt wird, ein modernes Schiff deutscher Produktion, ist das für ihn eine Erleichterung. Manchmal begleitet seine Frau ihn. „Es kam vor, dass der Kapitän bei rauem Wetter die Fahrt verlangsamt hat“, sagt sie, sie habe das selbst erlebt.

In dieser Nacht verlangsamt niemand die Fahrt.

Das letzte Lebenszeichen erhalten sie am Abend des 27. September. Da ruft Karl Ove Nilsson von seinem Autotelefon zu Hause an. Der jüngere Sohn geht ran, Daniel, 19. Ihm sagt er, dass er gleich auf die Fähre fährt, zwei Tage früher als eigentlich gedacht. Ein kurzes Telefonat, „nicht mal eine Minute“, sagt Daniel. Er ist der Einzige, der von der verfrühten Rückkehr weiß.

Als er am nächsten Morgen um sechs die Radionachrichten hört, vor allen anderen, weil er früh zur Arbeit muss, ist er besorgt, aber nicht panisch. Zu vage klingt das, was der Sprecher von einem Fährunglück auf der Ostsee sagt. In den Neun-Uhr-Nachrichten klingt es sehr viel gewisser. So sehr, dass Daniel seine Mutter anruft. Die Fähre, von der sie im Radio sprechen: Auf der war Papa, sagt er. So erfährt es Elisabet Nilsson. Von ihrem Sohn.

In den nächsten Tagen haben sie dann noch einmal Hoffnung. Es heißt, jemand mit dem Namen Nilsson sei gefunden worden, die Vornamen klingen ähnlich. Aber Nilsson ist ein häufiger Name in Schweden. Es ist dann doch jemand anders.

Elisabet Nilsson erzählt all das, im Haus ihres Sohnes Daniel, einem hellen Neubau am Rand von Osby, ohne große Regung. „Ich habe damit abgeschlossen“, sagt sie, seit Langem schon. Man solle sich auch nicht scheuen, direkte Fragen zu stellen, „ich bin nicht so der emotionale Typ“. Fotos oder Andenken an ihren Mann? Hat sie in eine Kiste gesteckt. Neulich habe sie die Kiste mal gesucht. Falls die Enkel nach Opa fragen. Sie hat sie nicht gefunden. „Ich weiß im Moment nicht, wo sie ist.“

Aber vielleicht ist diese Härte auch nur die Reaktion auf eine extreme Erschütterung. Auf das Scheitern ihres eigentlichen Plans. „Mein Weg zu trauern war, nach der Wahrheit zu suchen.“ Elisabet war 18, als sie Karl heiratete – und 41, als er starb. Sie wollte wissen, warum. Das wurde ihr Ziel. Doch letzte Gewissheit erhielt sie nie, wie auch sonst kein Angehöriger der „Estonia“-Opfer. Auf diesem Weg konnte sie für ihre Trauer kein Ende finden.

Niemand darf sich dem Wrack der „Estonia“ nähern

Vieles ging nach dem Untergang sehr schnell. Nur wenige Wochen später wird ihr Mann für tot erklärt. Sie und ihre Söhne erhalten eine Entschädigung, umgerechnet mehrere Zehntausend Euro. Nur Antworten erhielten sie nicht. „Wir stießen“, sagt Elisabet Nilsson, „immer wieder auf Schweigen.“ Einige Monate nach dem Untergang wird sie aufs lokale Polizeirevier gebeten. Dort sagen ihr die Beamten, dass der Staat das Schiff nicht heben will. Dass der Leichnam ihres Mannes für immer im Meer bleiben wird. „Dabei wussten wir das längst aus den Medien.“

Als die schwedische Regierung dann die „Estonia“ in eine Betonhülle einschließen will, vorgeblich um die Totenruhe sicherzustellen, protestiert sie dagegen mit anderen Angehörigen in Stockholm. Schweden lässt den Plan fallen – und erwirkt stattdessen ein internationales Abkommen, wonach sich niemand dem Wrack der „Estonia“ nähern darf. Warum nur, fragt sich Elisabet Nilsson, wenn doch stimme, was der Abschlussbericht von Estland, Finnland und Schweden 1996 konstatiert: Dass das Bugvisier im Sturm wegen zu großer Belastung abgerissen sei. Für Elisabet Nilsson gibt es nur eine Antwort: „Sie haben etwas zu verbergen.“

1996 reicht sie mit der Angehörigenstiftung der „Estonia“-Opfer die Klage gegen die Meyer Werft und Bureau Veritas ein. Dass sie in Frankreich klagen, ist auch ein Signal des Misstrauens an die schwedischen Gerichte. „Wir glaubten nicht, dass die schwedische Justiz wirklich unabhängig urteilen kann“, sagt der Stockholmer Anwalt Henning Witte, der die Klage damals einreichte. Rund 1000 Angehörige und Überlebende schließen sich an. Es ist die Klage, über die das Gericht an diesem Freitag entscheiden will. Warum es so lange gebraucht hat, dazu äußert sich das Gericht in Nanterre auf Anfrage nicht.

Zumindest käme ein Urteil jetzt gerade rechtzeitig, bevor im September zahllose Berichte und Gedenkveranstaltungen zum 25. Jahrestag an den Untergang erinnern.

Ansonsten herrscht viel Schweigen. Zuletzt 2006 bekräftigte eine von der Meyer Werft eingesetzte Kommission, „dass am wahrscheinlichsten eine Explosion die Bugklappe abgerissen hat“. Was neue Fragen aufwirft, aber die Werft entlastet. Doch zu dem Prozess will die Werft vor dem Urteil nichts sagen, genau so wie das Bureau Veritas.

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Die Angehörigen könnten einen sehr späten Sieg erringen. Aber Verlierer, glaubt Anwalt Witte, wären sie doch. „Den meisten ging es mit der Klage ja darum, einen Tauchgang zum Wrack zu erzwingen und so der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.“ Unermüdlich fordern Hinterbliebene nach wie vor eine neuerliche Untersuchung des Wracks. Aber zumindest das Gericht in Nanterre scheint sie nicht zu unterstützen. Es hat im April zwei Tage verhandelt. Es wird ein Urteil nach Aktenlage.

Elisabet Nilsson wird nicht hinfahren. So wenig, wie sie im September nach Stockholm fahren wird, zu den Gedenkzeremonien. Erstens, weil sie bei der Zeremonie nach zehn Jahren, 2004, nicht mal einen Sitz bekam. Zweitens, weil ihr das Geld fehlt. Ihr Mann war selbstständig, bis zu seinem Tod hat sie ihn im Büro unterstützt. Die Entschädigung von der Versicherung reichte gerade, um seine Schulden zu bezahlen. „Manche sind vor Trauer untergegangen oder sogar gestorben“, sagt sie. Das ist ihr nicht passiert. Sie hatte ihre Söhne, sie hielten zusammen. „Aber es war ein hartes Stück Arbeit zu überleben“, sagt sie. Sie meint: in finanzieller Hinsicht. Vom Haus auf dem Land zog sie in die kleine Stadtwohnung. Ihre Rente bessert sie auf, indem sie via Internet Gebrauchtes verkauft. Geheiratet hat sie nie wieder.

In ihrem engen Keller in Osby blättert sie durch die blauen Ordner, Dokumente finden sich darin, Zeichen von Verbundenheit, aber auch Fotos, manche Angehörige haben Briefe geschrieben. Die Hinterbliebenen von Mikk zum Beispiel, einem Jungen aus Tallin, der zwei Monate vor seinem 14. Geburtstag starb; auf dem Foto in seinem Ausweis trägt er einen gestreiften Kapuzenpullover, ernst schaut er unter einem Mittelscheitel hervor.

„Es wäre ja gut, wenn man sagen könnte, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt sie dann. Wenn der Staat also eine Lehre aus diesem Unglück gezogen hätte, wenn also alles wenigstens so einen Sinn gehabt hätte. Aber ihr Eindruck, 25 Jahre später, ist ein anderer. „Wenn es nie wirklich untersucht wurde“, fragt sie, „wie kann man dann darauf vertrauen?“

852 Tote, viele Theorien

Der Untergang der „Estonia“ am 28. September 1994 war das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte. 852 Menschen starben, als die Fähre auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm in schwerer See unterging. Die Ursache des Untergangs ist ein abgerissenes Bugvisier. Durch die Öffnung spülten die hohen Wellen binnen kurzer Zeit große Mengen Wasser auf das Autodeck.

Die Expertenkommission Schwedens, Estlands und Finnlands macht in ihrem Abschlussbericht Konstruktionsfehler sowie Fehlverhalten der Schiffsführung für den Untergang verantwortlich. Demnach läge ein großer Teil der Verantwortung bei der Meyer Werft in Papenburg, bei der das Schiff 1980 vom Stapel gelaufen war. Die Werft setzte eine eigene Kommission ein – die wiederum Explosionen an Bord als Ursache für das Abreißen des Bugvisiers ansieht. Tatsächlich berichteten Überlebende von einem explosionsartigen Knall vor dem Untergang. Nur: Warum sollte jemand die „Estonia“ mit gut 1000 Menschen an Bord versenken wollen? 2004 berichtete ein schwedischer Zollbeamter von regelmäßigen Militärtransporten auf der „Estonia“. Geheimdienste könnten ein Interesse daran gehabt haben, diese zu verhindern.

Die Angehörigen der Opfer fordern eine neue Untersuchung. „Wir haben keine endgültige Antwort auf die Frage nach der Ursache des Untergangs der ‚Estonia“, erklärt Lennart Berglund von der Stiftung der Estonia-Opfer und ihrer Angehörigen. „Der einzige Weg ist eine Untersuchung des Wracks.“ Seine Stiftung will mit einer Klage in Tallinn eine neuerliche Untersuchung erzwingen.

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