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Wird sie zum Sieg schweben? Kate Miller-Heidke aus Australien. 

ESC

Partystimmung mit Nebengeräuschen: Beim ESC ist manches nicht wie immer

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Schlager, Spektakel und Sternenstaub - doch beim ESC in Tel Aviv ist nicht alles so wie immer. 

Alle 20 Jahre: Der Vorjahreserfolg von Netta Barzilai in Lissabon hat es möglich gemacht – nach 1979 und 1999 richtet Israel zum dritten Mal den Eurovision Song Contest (ESC) aus. Tel Aviv, die Partymetropole mit Sandstränden und mediterranem Vorzeigewetter, ist bereit. Auf zahlreichen Bühnen in der Stadt wird Livemusik geboten, Tom Neuwirth (alias Conchita Wurst) wird im ESC-Dorf am Meer erwartet. Und auch sonst wird vieles an diesem Samstag so ähnlich sein wie immer. Große Auftritte, bunte Fähnchen, heiße Klamotten, Hochspannung im Green Room und ein routinierter Peter Urban, der dem deutschen Fernsehzuschauer das Spektakel nüchtern-süffisant fürs Wohnzimmer oder Public-Viewing-Event aufbereitet.

Seit Donnerstagabend stehen die 26 Finalteilnehmer fest, als eine von sechs gesetzten Nationen blieb den deutschen Sisters die Zitterpartie um ein mögliches Halbfinalaus erspart. Auf der Bühne: schwebende Australierinnen, brachiale Isländer, schüchterne Slowenen, rhythmische Tschechen und so einige modische Fehlgriffe, ganz weit vorne dabei sind die Beiträge aus Zypern und Weißrussland. Einen guten Vorgeschmack lieferten schon die Halbfinalshows: allerlei fürs Auge, relativ wenig Windkanal, dafür setzen in diesem Jahr mehrere Teilnehmer auf Weltraumambiente und ganz viel Sternenstaub. Es ist das übliche Potpourri aus Genie und schlechtem Geschmack, das jedes ESC-Herz höher schlagen lässt.

Unruhe in Israel vor dem ESC

Doch manches ist bei diesem ESC nicht wie immer. Es ist unruhig in Israel. Die Bemühungen der Verantwortlichen, den unpolitischen Charakter der Veranstaltung hervorzuheben, wirkt angesichts der jüngsten Eskalation der Gewalt im Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinenserorganisationen einstweilen etwas hilflos. Hunderte Raketen waren vor zwei Wochen aus dem Gazastreifen abgeschossen worden, es gab vier Tote auf israelischer Seite; bei Gegenschlägen verloren mehr als 20 Palästinenser ihr Leben. Am Mittwoch meldete das Gesundheitsministerium 65 Verletzte bei Konfrontationen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten an der Gaza-Grenze.

Der ESC sei für Israel „ein Vorwand, um seine brutalen Verbrechen gegen die Palästinenser zu vertuschen“, kritisierte Kamel Musallam vom Musikverband Jusour bei einem Protestkonzert in Gaza am Dienstag. „Es kann nicht sein, dass man singt und sich freut, während wir leiden“, sagte ein Hamas-Sprecher der Zeitung „Haaretz“. Andere Töne auf der anderen Seite: Der ESC sei eine „Gelegenheit für eine unglaubliche weltweite Präsentation“, ließ Tel Avivs Bürgermeister Ron Chuldai schon vor einer Weile verlauten, über „das größte Event in der Geschichte des Landes“ freut sich Veranstalter Tamir Dayan. Eine Gelegenheit, „Israel das Jahr hindurch als kulturelles- und Lifestyle-Ziel zu bewerben“ verspricht sich Amir Halevi, Generaldirektor des Tourismusministeriums.

Dass das heutige Finale des ESC in den Sabbat hineinreicht, führt zu Protesten der ultraorthodoxen Rabbiner. Die Organisatoren würden damit den jüdischen Ruhetag „auf öffentliche und himmelschreiende Weise“ entweihen, so Rabbi Chaim Kanievsky am Mittwoch. Ohnehin gab es vorab diverse Boykottaufrufe gegen die Veranstaltung wegen des israelischen Vorgehens in den Palästinensergebieten. Allerdings ließ sich keine der internationalen Delegationen davon beeindrucken.

Kritische Themen beim ESC

Für Unruhe sorgte auch, dass unbekannte Hacker die Reichweite des ersten Halbfinales am Dienstagabend nutzten und mit einer gefälschten Warnung vor einem Raketenangriff die Online-Übertragung des Senders KAN störten. Dieser machte die Hamas für den Eingriff ins Programm verantwortlich. Vor diesem Hintergrund sind die Sicherheitsvorkehrungen in Tel Aviv entsprechend hoch. „Es gibt keine konkrete Warnung, aber wir kennen die Dynamik in dieser Region und wissen, dass Dinge sich schnell entwickeln können“, so ein Polizeisprecher, demzufolge in der ESC-Woche 20.000 Polizisten in Tel Aviv sicherstellen sollen, dass die Party gelingt.

Die dominiert zwar wie üblich der Kitschfaktor; es tragen aber auch mehrere Beiträge kritische Themen ins Rampenlicht. Etwa Bilal Hassani, der offen zu seiner Homosexualität steht und dafür in Frankreich massiv angefeindet wurde. Er wirbt dafür, zu seiner Identität zu stehen. Seine Botschaft: „Liebe wird über den Hass siegen“. „Hass wird siegen“ singt hingegen die kapitalismuskritische Industrialband Hatari aus Island. Sie kündigte an, einen eventuellen Sieg zum Protest gegen die Politik Israels zu nutzen. Jonida Maliqi, die für Albanien an den Start geht, widmet sich dem Thema Migration, die Österreicherin Paenda kritisiert gesellschaftlichen Druck und die deutschen Sisters werben für mehr Solidarität unter Frauen. Aber keine Angst: Nicht zu kurz kommen werden, wie immer, die vielbesungenen Facetten der Liebe.

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