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Carlotta Truman (links) und Laurita Spinelli bilden das deutsche Pop-Duo „S!sters“.

ESC

Schöne heile Welt: Das deutsche ESC-Duo präsentiert sich sooo langweilig

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Bloß keine Experimente: Die beiden deutschen Sängerinnen inszenieren sich in Israel genau so, wie es von ihnen erwartet wird. 

Bevor Carlotta Truman und Laurita Spinelli zu Beginn dieser Woche zu ihrer Exkursion auf den Carmel-Markt aufbrechen, werden sie von Tom Franz begrüßt. Truman, 19, und Spinelli, 26, sind die Sisters, das deutsche Duo für den Eurovision Song Contest 2019. Tom Franz ist ein deutscher Rechtsanwalt, der vor 15 Jahren nach Israel zog, zum Judentum konvertierte, eine Fernsehkochshow gewann und seitdem als „Gesicht des neuen Deutschland in Israel“ gilt, als „Brückenbauer“ und „kulinarischer Botschafter“.

Es ist elf Uhr, ein heißer Tel Aviver Frühlingsmorgen, fünf Tage vor dem Finale. Die Frauen tragen bunte Sommerkleider und praktische Bauchtaschen. Tom Franz hat eine gehäkelte Kippa auf dem Kopf, aus seinem Hemd hängen Gebetsfäden. Sie begrüßen sich wie alte Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts. Dann sagt Franz: „Ich freue mich, euch auf den Markt mitzunehmen.“ Er sage ganz bewusst „euch“. „Hier in Israel wird nicht geduzt und gesiezt.“

Echtes ESC-Leben aus dem echten Tel Aviv

Es ist ein Hinweis nicht nur für die beiden ESC-Kandidatinnen, sondern auch für die Journalisten und Kamerateams, die den Fans zu Hause in Deutschland von der kleinen Marktexkursion erzählen sollen. 110 deutsche Journalisten sind akkreditiert. Einige von ihnen sind schon seit Anfang der Woche da. Darunter das achtköpfige Team vom NDR, der den Wettbewerb überträgt. Echtes ESC-Leben aus dem echten Tel Aviv zu zeigen, das war die Idee des Senders. Eine Seite des Landes präsentieren, von der der normale Deutsche nicht so viel in den Nachrichten sehe, nennt es Tom Franz. Aber so einfach ist das gar nicht. Es ist nicht nur heiß in Tel Aviv, sondern auch eng und laut, und am engsten und lautesten ist es auf dem Carmel-Markt mit all seinen Ständen und Marktschreiern. Die Sisters sind schon erschöpft, bevor sie überhaupt richtig angekommen sind und ziehen sich erstmal mit einem Cappuccino in eine Seitengasse zurück.

Vielleicht sind sie auch ein bisschen überfordert von all den Proben, Pressekonferenzen, Interviews. Carlotta stand zwar schon mit neun Jahren bei Fernsehwettbewerben vor Kameras, und Laurita singt im Chor der ehemaligen ESC-Siegerin Lena-Meyer Landrut. Aber keine von ihnen hat vor ein paar Monaten damit gerechnet, für den ESC anzutreten. Sie kannten sich nicht mal, als sie im Januar dieses Jahres gefragt wurden, ob sie Lust hätten, zusammen zu singen. Den Song „Sister“ gab es da schon längst, der NDR suchte nur noch geeignete Kandidatinnen – und fand sie in der blonden Carlotta und der dunklen Laurita. Schneeweißchen aus Hannover und Rosenrot aus Wiesbaden. Eine Geschichte wie aus einem Dating-Portal.

Vor ein paar Wochen waren sie schon einmal hier in Israel, besuchten die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem, drehten ein Video am See Genezareth, sonnten sich am Tel Aviver Strand und aßen mit Tom Franz bei „Schlomo und Doron“ Hummus, den besten in der Stadt. Jetzt – sie haben sich ein wenig erholt – lässt er sie an Marktständen kandierte Pekan-Nüsse kosten, Minze und Petersilie riechen, erklärt die Zutaten eines Taboulé-Salates und dass die Cherry-Tomaten in Israel erfunden worden sind, irgendwann in den 70ern. Die „Sisters“ rufen: „Ah, so intensiv“, „Ist ja der Wahnsinn“ oder: „Wir stehen total auf Salat“, posieren vor Oliven-, Dattel- und Rosinenbergen und trinken Smoothie.

Bloß nicht sagen, was man denkt

Dazwischen gibt es kurze Interviewrunden. Die sind die wahren Herausforderungen dieser Markt-Tour. Zwischen „Erdbeeren-für-zehn-Schekel-die-Schale-Rufen“ und drängelnden Passanten über den Besuch von Jad Vashem, die Botschaft des Songs „Sister“, die Proteste der Eurovisions-Gegner, die Besatzung der palästinensischen Gebiete und die Eindrücke vom Land zu berichten. Die beiden Frauen meistern diese Herausforderung wie Politikerinnen, die nicht sagen, was sie denken, weil sie dann vielleicht eine Staatskrise auslösen.

Carlotta: „Jad Vashem war sehr augenöffnend. Man geht raus und sieht alles mit anderen Augen.“

Laurita: „Jede Frau auf der Welt ist eine Schwester. Das ist unsere Botschaft. Auch wir kannten uns bis vor kurzem noch nicht und jetzt sind wir wie Schwestern geworden.“

Carlotta: „Was ich cool finde an Tel Aviv ist, dass alle hier so tough sind.“

Laurita: „Die Leute hier nehmen alles einfach easier. Es ist einfach wichtig, dass wir eine tolle Zeit haben.“

Carlotta: „Wir sind froh, einfach Musik zu zelebrieren.“

Dazu strahlen sie in die Kameras, so wie es von ihnen erwartet wird. Der ESC ist die Inszenierung einer schönen heilen Welt.

Tom Franz, der konvertierte Koch, passt gut in diese Welt. Er betet dreimal am Tag und spricht so entspannt über frische Petersilie, Cherrytomaten und Granatäpfel, als habe er tatsächlich keine anderen Sorgen. Die Botschafterin Deutschlands in Israel hat ihn gefragt, ob er am Donnerstagabend für die beiden Kandidatinnen und ihre Gäste israelisch kochen möchte. Tom Franz hat Ja gesagt.

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