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Brachial: Hatari aus Island.

ESC

Die große Schlagerparade von Tel Aviv: Alles, was Sie wissen müssen

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Knappe Infos zu den Favoriten, den Außenseitern, Hinguckern - und den unmöglichen Fehlgriffen.  

Der Gastgeber

Ein Kunststück: er umarmt das Wasser, während es schneit und er die Sonne auf der Haut spürt. Zu tiefgründig für den ESC-Hörer? Wird sich zeigen. In der pianolastigen Ballade „Home“ setzt der 27-jährige Kobi Marimi für Gastgeber Israel auf Drama pur. Ein gefühlvoll gehauchter Song für alle Ausgegrenzten. Der Sohn von einfachen Kaufleuten hat in Tel Aviv wörtlich ein Heimspiel; dass er in die Fußstapfen der Vorjahressiegerin Netta tritt, trauen ihm aber nur wenige zu.

Die Gäste 

Lange angekündigt und seit Donnerstag bestätigt ist ein Gastauftritt von US-Superstar Madonna. Na, wenn die mal nicht allen die Schau stiehlt. Die 60-Jährige soll zwei Stücke aus „Madame X“ vorstellen, ihrem ersten Album seit mehreren Jahren. Ihre Millionengage soll ein israelischer Milliardär stemmen, ist auf eurovision.de zu lesen. Gutbezahlter PR-Auftritt vor einem Millionenpublikum. Außerdem lässt sich natürlich die Vorjahressiegerin blicken – Netta Barzilai hat ebenfalls etwas Neues vorzuführen.

Die Außenseiter 

Wo wir bei Deutschland wären: S!sters werden mit „Sister“ in Tel Aviv das Deutschlandfähnchen hochhalten. Das Pop-Duo, bestehend aus Laura Kästel und Carlotta Truman, gibt sich zwar alle Mühe, die Vorlage gibt aber nicht mehr her als einen durchschnittlichen, austauschbaren 08/15-Popsong, der bei den meisten Kritikern bislang kein gutes Echo gefunden hat: „Reißbrett-Anlassarbeit“ (Spiegel online); „halbgare Angelegenheit“ (Süddeutsche). So droht die erste Zeile – „I‚m tired of always losing“ – mal wieder das deutsche Motto des Abends werden, alles andere wäre eine Überraschung. Auch bei den Buchmachern gilt „S!sters“ als aussichtsreicher Kandidat für die hintersten Ränge. Neunmal war Deutschland bislang Letzter - eine zehnte Rote Laterne würde Platz zwei der ewigen Liste der Schlusslichter bedeuten (mit Belgien), die von den elfmal letztplatzierten Norwegern angeführt wird. Ärgste Konkurrenten um Platz 26 sind den Wettquoten zufolge unter anderem San Marino, Israel, Albanien und Weißrussland.

Die lieben Nachbarn 

Ziemlich beste Freunde: Punktegeschacher? Beim ESC? Naja, gänzlich lässt sich die Frage nicht als Vorurteil abtun. Entscheidend für einen Sieg waren reine Sympathiepunkte aber noch nie. Eine Datenanalyse (zu finden auf eurovision.de) lässt jedoch auf große Sympathien zwischen einigen Staaten schließen, stets 12 Punkte schenkten sich die Türkei (seit 2013 nicht mehr dabei) und Aserbaidschan (seit 2008 dabei). Regelmäßig hohe Punktzahlen geben sich gegenseitig auch Griechenland und Zypern, Rumänien und Moldau sowie Bosnien-Herzegowina und Serbien. Es geht halt nichts über eine gute Nachbarschaft. Vielleicht kann in diesem Jahr der türkische Sänger Serhat von Aserbaidschan profitieren – er startet in Tel Aviv für den Zwergenstaat San Marino.

Die Botschafter 

Du steckst mich in eine Kiste / Möchtest, dass ich so bin, wie du / Ich entspreche nicht der Norm / Das stört viele / Am Ende des Tages / Kannst du mich nicht verändern!“. Ein kleiner 08/15-Chart-Ohrurm, überschaubarer Trash-Faktor, musikalisch zwar keine Offenbarung, dafür aber mit jeder Menge Message: so lässt sich der französische Kandidat Bilal Hassani zusammenfassen. 2014-Sieger Conchita Wurst als Vorbild, präsentiert sich der 19-Jährige mit wasserstoffblonder Perücke wesentlich femininer und erntet dafür, weil es im Netz zum guten Ton gehört, mehr Hass als Zuspruch. „Ich bin hundert Prozent ich selbst – trotz all der Leute, die mir im Internet sagen, dass ich nicht für Frankreich stehe.“ Nicht unwahrscheinlich, dass er für Frankreich einen der vorderen Plätze einnimmt oder vielleicht sogar erstmals seit 1977 den ersten Platz?

Die Favoriten 

Glaubt man den Buchmachern, findet der nächste ESC in den Niederlanden statt – bei den Quoten liegt Duncan Laurence mit „Arcade“ schon länger vorne. Mit reichlich oh-oh-ohs beweint der 25-Jährige pathetisch sein gebrochenes Herz. So tragisch sein Liebesleben auch sein mag, der Song hat das Potenzial, den Nerv des ESC-Publikums zu treffen. Den Wettanbietern zufolge dürften aber auch Russlands Sergey Lazarev und Italien Mahmood noch ein Wörtchen mitsingen, ebenso die Vertreter aus der Schweiz (Luca Hänni), Aserbaidschan (Chingiz) und Schweden (John Lundvik). Nach dem ersten Halbfinale katapultierte sich die Australierin Kate Miller-Heidke in den Favoritenkreis der Wettbüros, auch „Hatari“ aus Island kletterte ordentlich in der Rangliste. 

Die Hingucker 

Australien: Wow! Sie klingt ein bisschen wie Kate Bush und dass sie neben Popbands die Opernbühne zu ihrem Metier zählt ist nicht zu überhören. Hoffentlich halten die Fensterscheiben! Kate Miller-Heidke geht für Australien an den Start – beim dortigen Vorentscheid thronte sie für „Zero Gravity“ mit einem von der Freiheitsstatue abgekupferten Krönchen in einem gigantischen Kleid lebensgefährlich hoch über dem Boden. Im Halbfinale stellte Miller-Heidke auf einer schwingenden Stange einen stabilen Magen unter Beweis. Die beeindruckende Inszenierung spülte sie unter die Favoriten und hätte einen der vorderen Plätze verdient.

Island: Ungewöhnliche Klänge erschallen von der Insel: Hatari bringt mit „Hatrið mun sigra“ lupenreinen Industrial-Sound mit – düster, blutig, martialisch, laut, die Bühne brennt: „Der Hass wird siegen / Europa wird zusammenbrechen / Netz aus Lügen / Steigt aus der Asche empor“. Alle in Deckung!

Die Fehlgriffe 

Viel zu wenig Beachtung erfährt in aller Regel die Vergabe des Barbara Dex Awards, dem inoffiziellen Preis für den derbsten modischen Fehlgriff auf der Bühne. Heiße Kandidaten gibt es reichlich: In einer Art Hochzeitskleid präsentiert sich die Griechin Katerine Duska, die Ärmel lassen sich mit etwas Fantasie als Flügel deuten, ein silberglitzerndes Riesenherz auf der Brust gewährt einen dezenten Einblick hinter den Stoff. Ganz oben dabei ist auch Zena. Die Weißrussin setzt auf weiß, pink und schwarz, bauch- und oberschenkelfrei, weiße Overknees und eine Art Skater-Graffiti auf dem Top. Definitiv seit den frühen Neunzigern sowas von out. Und dann ist da noch Tamta für Zypern. Untenrum frei ist das Motto ihres Domina-Looks, drüber und drunter glänzt schwarzer Lack, bauchnabelabwärts baumelt etwas - sind das Swarovski-Kristalle? Und wenn der Lack dann zur zweiten Songhälfte ab ist, hat auch der Letzte begriffen: da war nicht viel drunter. Auch die für das Dress der Serbin Nevena Bozovic zuständigen Desigener hatten offensichtlich eine Wildcard, zuviel eiserner Schmuck und ein schwarzes Kleid, dessen Vorbild in der Natur zu finden ist - zumindest ähnelt es auffällig einer Bananenstaude. 

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