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ESC 2022: Ein Tanz auf dem Wasserfall

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Von: Andreas Sieler

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Oleg Psiuk singt für die Ukraine. Wegen des Krieges könnten viele aus Solidarität für ihn stimmen.
Oleg Psiuk singt für die Ukraine. Wegen des Krieges könnten viele aus Solidarität für ihn stimmen. © dpa

Der Eurovision Song Contest steht im Schatten des Ukraine-Krieges. Fürs Finale am Samstag werden am Donnerstag die letzten Startplätze vergeben. Wer gewinnt, scheint ohnehin festzustehen.

Endlich, dürften viele ESC-Fans einstimmen, geht der European Song Contest wieder vor voller Hütte über die Bühne. Und Gastgeber und Titelverteidiger Italien stellte bereits zum ersten Halbfinale am Dienstagabend klar, dass man es ernst meint mit der ganz großen Show. „Wir sind in Italien, wo bei Shows immer etwas dicker aufgetragen wird“, stellte auch Kommentatorenlegende Peter Urban nach der Eröffnungschoreographie fest.

Die wenigen Vorgeschichten des 66. ESC in Turin sind lange ausdiskutiert: Trotz des weiterhin unpolitischen Selbstverständnisses, das Teil des Regelwerks der European Broadcast Union (EBU) ist, bedurfte es für den Ausschluss Russlands nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine faktisch keiner Diskussion. So ist es auch erwartbar, dass sich manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer in diesem Jahr Solidaritäts- und Friedensbekundung nicht nehmen lassen. Ohnehin rechnen viele damit, dass diese auch in einem Sieg der Ukraine beim ESC zum Ausdruck kommen.

Jedenfalls kann sich das Moderationsteam um die italienische Sängerin Laura Pausini, Moderator Alessandro Cattelan und den libanesisch-britischen Sänger Michael Holbrook Penniman, besser bekannt als Mika („Grace Kelly“), voll auf den Wettbewerb konzentrieren. Das Trio meisterte das erste Halbfinale aufregend unaufgeregt und ohne große Selbstinszenierung – sofern man generös über Pausinis aufdringlich pinke Kleiderwahl hinwegsieht.

Im Hinblick auf das Feld der Teilnehmer:innen ließ dann aber dieses erste Halbfinale eine mögliche neue Tendenz erkennen: Vielleicht ist weniger diesmal mehr – so setzten sich mit den Beiträgen aus der Schweiz, aus Island, Portugal, Litauen und den Niederlanden teils überraschend gleich fünf ruhige und zurücknehmende Interpret:innen durch. Auch punkteten etwa die Niederlande mit Sängerin „S10“ und dem Stück „De Diepte“ (die Tiefe), indem diese ihre eigenen psychischen Probleme thematisiert.

In diesem möglichen Trend des eher Zurückhaltenden bewegt sich auch der deutsche Vertreter Malik Harris. Während am heutigen Donnerstag noch 18 Länder um die verbleibenden zehn Startplätze im zweiten Halbfinale konkurrieren, kann sich der 24-Jährige Harris schon länger aufs Finale vorbereiten. Als die großen EBU-Geldgeber haben sich Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien als „Big Five“ traditionell von der Schmach eines Halbfinalausscheidens freigekauft. Was jedoch nicht vor einer anderen Schmach schützt: Deutschlands gefühltes Dauerabo auf die hintersten Ränge bei der Platzierung.

Ob die Jurys der Länder und das abstimmende europäische Publikum 2022 gnädiger mit Deutschland umgehen, zeigt sich freilich erst nach dem Finalauftritt am Samstagabend – im Blick auf die oberen Ränge gilt Malik Harris zwar als Außenseiter. Eine Platzierung unter den Top Ten wäre für Harris’ emotionales Pop-Rap-Stück „Rockstars“ aber ein – nicht ganz undenkbarer – Erfolg.

Schon in den Halbfinals zeichnet sich aber zweierlei ab: Erstens, die Konkurrenz kann was, und zweitens, sie ist – ganz im Sinne des ESC – mal wieder maximal vielfältig und quietschbunt. Besonders hübsch ist in diesem Jahr die Bühne in der Turiner Halle geraten: Performen dürfen die Finalteilnehmerinnen und -teilnehmer auf einem kleinen Wasserfall.

Und hier zum Schluss noch ein kleiner, unvollständiger Blick ins Teilnehmerfeld auf die Favoriten und mögliche Überraschungen:

Ukraine: Das Kalush Orchestra tritt mit „Stefania“ für die Ukraine an. Frontmann Oleh Psiuk unter dem rosa Bucket Hat ist zu Hause ein Star, bald auch in Europa? Hier treffen Rap und Breakdance auf Folk und traditionelle Klänge, getragen von einem äußerst eingängigen Refrain. Nicht nur vor dem Hintergrund des Krieges gilt der ukrainische Beitrag in den Wettbüros als ausgemachter Sieger, erwartet werden viele Stimmen als Solidaritätsbekundung. Im Halbfinale am Dienstag wurden sie gefeiert und verabschiedeten sich mit einem „Thank you for supporting the Ukraine“.

ESC 2022:

Schweden: Die Skandinavier zählen gefühlt immer zu den Favoriten, so auch 2022. In der Ballade „Hold me Closer“ besingt Cornelia Jakobs das Scheitern der Liebe. Die 30-Jährige stammt aus einem musikalischen Elternhaus, ohne aber in die Fußstapfen des Vaters zu treten: Dieser ist Sänger der Hardrockband „The Poodles“. Schweden muss sich heute noch im Halbfinale beweisen.

Finnland: Finnland schickt keine Geringeren als die international erfolgreiche Band The Rasmus („In the Shadow“) mit dem Lied „Jezebel“ ins Rennen. Ein Stück nach wenig überraschendem Hit-Strickmuster, das das große Bon-Jovi-Stadion-Feeling und ganz nebenbei eine gute Platzierung sichern soll. Gemessen an den Wettquoten scheint die Rechnung nicht aufzugehen. Das Halbfinale sollten The Rasmus aber rocken.

Großbritannien: Für das Königreich startet mit Sam Ryder ebenfalls kein Unbekannter: Social-Media-Star, erste Charterfolge, großartige Stimme. In „Space Man“ sieht der Interpret selbst eine Hommage an keine Geringeren als seine Idole Freddie Mercury, David Bowie und Elton John. Aber Sam Ryder dürfte ein sicheres Mittel sein, den letzten Platz des Vorjahres nicht zu wiederholen und stattdessen sogar ganz oben mitzuspielen.

Italien: Buchmacher sehen den Gastgeberbeitrag „Brividi“ von Mahmood & Blanco an zweiter Stelle, für Mahmood schon die zweite ESC-Teilnahme nach 2019. In Italien ist der Titel des Gewinners des San-Remo-Festivals bereits ein Charterfolg. Dass ein Sänger mit ägyptischen Wurzeln Italien beim ESC vertritt, scheint vor allem Italiens übliche Verdächtige aus dem rechten Lager schwer zu treffen. So twitterte etwa Matteo Salvini, der falsche habe gewonnen, Außenminister Luigi Di Maio regte sich über die San-Remo-Jury auf. Mahmood, ganz im Sinne des ESC: „Musik ist wichtiger als Politik.“

Litauen: Ihr Auftritt im Halbfinale erinnerte zumindest optisch stark an die junge Mireille Mathieu. Dort hat die litauische Sängerin Monika Liu ihren selbst geschriebenen Elektropopchanson „Sentimentai“ im Glitzerkleid und in Landessprache äußerst gefühlvoll ins Mikro gehaucht. Warum auch nicht? Der Französin Barbara Pravi gelang im Vorjahr mit einem Chanson ein unvergesslicher Auftritt und ein guter zweiter Platz.

Moldau: Achtung, Zungenbrecher: Zdob si Zdub gehen mit dem Lied „Trenuletul“ ins Rennen und setzen neben der Kleiderordnung jede bekannte Abgrenzung zwischen musikalischen Genres außer Kraft. Einheimische Folklore trifft auf Hip-Hop, Punk, Balkan-Beats, Rock’n’Roll und die Ramones, besungen wird eine Zugstrecke. Einer dieser herrlich schräg-exzentrischen ESC-Momente.

Für Italien starten Mahmood (l.) und Blanco.
Für Italien starten Mahmood (l.) und Blanco. © Imago Images
Für Großbritannien soll Sam Ryder punkten.
Für Großbritannien soll Sam Ryder punkten. © Imago Images
Mireille Mathieu? Nein, Monika Liu aus Litauen.
Mireille Mathieu? Nein, Monika Liu aus Litauen. © dpa
Hits können sie: The Rasmus starten für Finnland.
Hits können sie: The Rasmus starten für Finnland. © dpa
Bunt und schräg: Zdob si Zdub aus Moldawien.
Bunt und schräg: Zdob si Zdub aus Moldawien. © dpa
Auch im Favoritenkreis: Cornelia Jakobs aus Schweden.
Auch im Favoritenkreis: Cornelia Jakobs aus Schweden. © Imago Images

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