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Fachleute vermuten, dass nicht nur der hohe Sauerstoffgehalt einen positiven Effekt auf den Organismus hat. Imago IMages
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Fachleute vermuten, dass nicht nur der hohe Sauerstoffgehalt einen positiven Effekt auf den Organismus hat. Imago IMages

Waldbaden

Es liegt was in der Luft

In Japan ist Shinrin-Yoku seit den 80ern beliebt, auch hierzulande suchen viele eine kurze Auszeit bei Blätterrauschen und Vogelgesang. Ein wissenschaftlicher Blick auf die Heilkraft des Waldspaziergangs

Kann die Genesung nach einer Operation allein durch den Anblick von Bäumen beschleunigt werden? Roger S. Ulrich, klinischer Psychologe an der Universität von Uppsala in Schweden, wollte das genauer wissen und führte dazu bereits 1984 eine interessante Studie durch: Patientinnen und Patienten, die gerade frisch an der Gallenblase operiert worden waren, verlegte er direkt nach der OP in ein Krankenhauszimmer, das nur ein einziges Fenster hatte. Mit einem Blick durch dieses Fenster konnte die eine Hälfte der Patient:innen auf eine Reihe von Bäumen sehen, die andere Hälfte schaute lediglich auf eine Ziegelsteinmauer. Schon nach wenigen Tagen lagen die Ergebnisse der Studie vor: Die Patientinnen und Patienten, die auf die Bäume blickten, benötigten deutlich weniger Schmerzmittel und konnten einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Solche Untersuchungen stießen in den 1980er Jahren vor allem in Japan auf offene Ohren. Damals nahmen dort die Fälle von Karoshi immer mehr zu, dem „Tod durch Überarbeitung“. Die Behörden gerieten zunehmend unter Druck und mussten sich etwas einfallen lassen, um Herzinfarkten, Hirnschlägen und Suiziden etwas entgegenzusetzen, die durch ein hohes Arbeitspensum und damit einhergehenden Stress verursacht wurden. Eine der Lösungen hieß Shinrin-Yoku, was übersetzt in etwa „den Wald in sich aufnehmen“ bedeutet. Bei uns nennt man das heute auch „Waldbaden“. Dieses Waldbaden ist nichts anderes als ein gemütlicher Waldspaziergang, bei dem man den Wald ganz bewusst genießt, die frische Waldluft einatmet, dem Blattrauschen lauscht, die Schönheit der Bäume in aller Ruhe betrachtet, den Vogelgesang verfolgt und auch ausgedehnte Pausen einlegt, wenn einem danach ist. Joggen und andere Aktivitäten wie Fitnesstraining oder Musikhören sind beim Shinrin-Yoku tabu.

Und es wirkt. So gut sogar, dass Shinrin-Yoku in Japan und Korea inzwischen von Medizinerinnen und Medizinern zur Vorbeugung gegen Stress und verschiedene Zivilisationskrankheiten empfohlen und von Krankenversicherungen bezahlt wird. Inzwischen gibt es in ganz Japan mehr als 60 spezielle „Waldheilpfade“. Zwischen 2004 und 2012 investierten japanischen Behörden rund 3,5 Millionen Euro in die wissenschaftliche Erforschung psychologischer und physiologischer Wirkungsweisen des Shinrin-Yoku.

„Waldbaden gibt wieder neue Kraft“, erklärt Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio, „und kann dabei helfen, nicht durch Stress krank zu werden.“ Als einer der ersten Mediziner, die sich wissenschaftlich ausführlich mit dem Waldbaden befasst haben, erklärte Qing Li zu seinen Studien: „Waldbaden kann den Blutzuckerspiegel sowie den Blutdruck senken, die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel reduzieren und gegen Nervosität helfen.“

Interessanterweise fanden die Tokioer Forscher diese positiven Einflüsse auf die Gesundheit nur bei Waldspaziergängen bestätigt, nicht aber bei Spaziergängen durch eine baumlose Stadt. Qing Li hat dazu zusammen mit Tomoyuki Kawada in der zweiten Hälfte der Nullerjahre gleich eine ganze Reihe von Studien durchgeführt, bei denen die Wissenschaftler ihre Versuchspersonen auf Herbstspaziergänge in den Wald und in die Stadt schickten. Am ersten Tag sollten die Probanden lediglich einen einzigen Spaziergang von 2,5 Kilometer Länge in zwei Stunden absolvieren, am zweiten Tag zwei derartige Spaziergänge – jeweils in der ihnen zugewiesenen Umgebung: Wald oder baumlose Stadt.

Forschungsleiter Qing Li fasst die Ergebnisse zusammen: „Wir haben festgestellt, dass das Waldbaden den Spiegel der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin signifikant gesenkt hat, während die Stadtspaziergänge keinen derartigen Effekt hatten. Das Waldbaden hat zudem die Anzahl der natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) des Immunsystems signifikant erhöht, deren Aktivität gesteigert und auch die Bildung von Anti-Krebs-Proteinen angeregt – ebenfalls wieder im Gegensatz zum Stadtspaziergang.“ Das Erstaunliche daran: Auch sieben Tage nach dem Waldbaden ließen sich diese Effekte noch nachweisen, in einigen Fällen sogar bis zu 30 Tage lang.

Aber woher kommt diese Heilwirkung des Waldes? „Bei unseren Untersuchungen konnten wir verschiedene Phytonzide in der Waldluft nachweisen, wie etwa Isoprene, Alpha-Pinene, Beta-Pinene und Limonene, von denen wir denken, dass sie eine wichtige Rolle spielen“, meint Li. Phytonzide sind Abwehrstoffe, die Pflanzen bilden, wenn sie von Insekten angefressen oder von schädigenden Pilzen, Bakterien oder Viren befallen werden. Bäume geben diese chemischen Verbindungen auch in die Waldluft ab, die Menschen dann beim Waldspaziergang einatmen. Es ist also keinesfalls nur die reine, saubere Luft im Wald oder ihr hoher Sauerstoffgehalt, der für positive gesundheitliche Effekte verantwortlich ist. Es liegt im wahrsten Sinne des Wortes viel mehr in der Luft.

Bei der Frage aber, wie diese und andere Stoffe im Detail auf den menschlichen Organismus einwirken, steht die Forschung noch am Anfang. Doch auch die Geräusche des Waldes machen das Waldbaden oder den Waldspaziergang zu einem ganzheitlichen Erlebnis. Die Stille, das leise Blattrauschen und der Gesang der Vögel sorgen dafür, dass der Organismus zur Ruhe kommt und sich vom allgegenwärtigen Großstadtlärm erholen kann. Dennoch will Qing Li die positiven Effekte des Waldbadens auch nicht überbewerten: „Wenn Sie wirklich krank sind, brauchen Sie keinen Wald, sondern einen Arzt.“

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