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„Es hätte jeden von uns treffen können“

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Von: Martin Benninghoff

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Die Marmolada, ein leichter Dreitausender? Ja, aber auch leichte Touren bergen ein Restrisiko. dpa
Die Marmolada, ein leichter Dreitausender? Ja, aber auch leichte Touren bergen ein Restrisiko. dpa © dpa

Für Extrembergsteiger Hans Kammerlander zeigt das Unglück in den Dolomiten: Mit den Temperaturen steigen die Anforderungen – und auch die Gefahren

Er fühle mit den Betroffenen und den Angehörigen der Opfer, sagt Hans Kammerlander. Der Extrembergsteiger aus Südtirol, der mit Reinhold Messner und auch solo viele Achttausender bestiegen hat, kennt die Marmolada bestens. „Es hätte jeden von uns treffen können“, sagt er der FR mit Blick auf das Unglück, das sich am Sonntag am höchsten Gebirgszug der Dolomiten ereignet hat. Denn die Stelle, an der die Lawine aus Eis und Fels mindestens sieben Bergsteiger:innen in den Tod riss, liegt auf einer Allerweltsroute, die auf den 3343 Meter hohen Gipfel unweit von Bozen führt.

Allerweltsroute – was heißt das schon in diesem Sommer, der in Italien sämtliche Rekorde bricht? Im Winter ist in den Dolomiten nur rund ein Drittel bis zur Hälfte der sonstigen Schneemenge gefallen. Das „ewige Eis“ des jahrelang dahingeschmolzenen Gletschers ist blank und ohne die Schutzschicht des Schnees der brennenden Sonne ausgeliefert. Der Gefrierpunkt lag zuletzt immer wieder über 4000 Meter, was für die niedrigeren Lagen in Italien und Österreich im Umkehrschluss nur eines bedeutet: Selbst unterhalb der Gipfel herrscht stundenweise T-Shirt-Wetter. Schön für die Alpinist:innen, fatal für Bergwelt und Gletscher.

Für den emeritierten Kulturgeografen Werner Bätzing, der mehrere Bücher über den Wandel der Alpen geschrieben hat, ist das Unglück deshalb mehr als ein Zufallsereignis, es ist ein Fingerzeig: „Die Berge werden gefährlicher“, sagt er. Sorgen bereiten ihm nicht nur die Gletscher, sondern vor allem der aufweichende Permafrostboden. Gerölllawinen, lose Brocken, die ins Tal donnern, und ganze Hänge, die abrutschen, machen selbst gewöhnliche Hüttenanstiege riskanter denn je. Zumal hier viel mehr Menschen unterwegs sind als in den weglosen Höhenlagen.

Dass die Berge gefährlicher werden, davon zeugen Sperrungen von Wandersteigen, die Jahrzehnte frequentiert waren - und plötzlich zu gefährlich sind: wie viele Steilanstiege über Scharten. Am Großglockner soll auf dem Gamsgrubenweg ein weiterer Tunnel gebaut werden, um die Tourist:innen von herabfallenden Steinen abzuschirmen. Das aber funktioniert nur an Wegen, die für Spaziergänger:innen gemacht sind – und nicht für Bergsteiger:innen. Für die zählt immer noch - und immer mehr - das Prinzip Eigenverantwortung.

Doch lässt sich das Risiko mitten im Klimawandel gut abschätzen? Und kann es zudem nicht sein, dass Touren-Apps und Marketingkampagnen der Tourismusvereine Menschen in die Berge locken, die nicht über die notwendige Erfahrung verfügen? Bätzing kritisiert eine „Vollkaskomentalität“ im Alpinismus: maximales Erlebnis bei maximaler Sicherheit. Die Marmolada könnte dafür als Beispiel herhalten: Denn einerseits bietet sie das bergsteigerische Erlebnis eines „leichteren“ Dreitausenders, andererseits kann man nach dem Gipfel einen gesicherten Steig hinabkraxeln. Für Hobbybergsteiger:innen ist die Marmolada deshalb ein beliebtes Ziel.

Was in diesem Fall gegen die These der Leichtsinnigkeit spricht, formuliert Extrembergsteiger Kammerlander: Auch er wäre möglicherweise zur Mittagszeit dort unterwegs gewesen, sagt er. Wenn das Wetter stabil ist, gilt ein Nachmittag in den Dolomiten als besonders attraktiv. Dass auch gelernte Bergführer unterwegs waren, unterstreicht die These: Nach diesen Maßstäben sei die Marmolada-Tour zu späterer Tageszeit vertretbar gewesen, sagt er.

Kann es also sein, dass wir die Faustregeln überdenken müssen? Gletschertouren im Frühsommer - das war früher die Empfehlung, um die Vorteile der Schneebrücken über Spalten auszukosten. Was aber, wenn die Gletscher schon Anfang Juli so aussehen wie sonst Ende August? So viel steht fest, sagt Kammerlander: „Im Sportgeschäft kann man sich die Sicherheit nicht kaufen.“ Die Anforderungen steigen, auf Gletschern und Wanderwegen. Das Restrisiko bleibt – und was passiert, wenn es zuschlägt, habe sich jetzt auf dramatische Weise gezeigt.

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