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Zarte Frau mitKämpferherz: Thuli Madonsela.

Südafrika

Die Erzfeindin der Obrigkeit

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Unter Regierenden als Quälgeist verschrien, vom Volk als Heldin verehrt: Thuli Madonsela ist Südafrikas Ombudsfrau für alle Fälle.

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne ...“ (Franz Kafka, Vor dem Gesetz) 

Weit wäre der Mann vom Lande auch am Kap der Guten Hoffnung nicht gekommen. Er würde spätestens vor einem der monumentalen Justizpaläste in Kapstadt, Bloemfontein oder Johannesburg scheitern, die dem gemeinen Südafrikaner Furcht vor dem Gesetz einflößen sollen. Wer zur Gerechtigkeit will, muss am Türhüter vorbei in die Trutzburg gelangen – und das gelingt nur wenigen.

Dagegen wirkt das Haus des „Public Protectors“ in Pretoria schon von außen ganz anders. Die Fassade des in einem profanen Büro-Park gelegenen Gebäudes ist bis zum Dach verglast: Der Amtssitz des „Anwalts der Öffentlichkeit“ soll einladen statt einzuschüchtern. Hinter der gläsernen Eingangstür sind in einer lichtdurchfluteten Halle zwei Stuhlreihen montiert: Hier warten neben Getränkeautomat und Magazintischchen die Besucher des Gesetzes und können damit rechnen, innerhalb einer halben Stunde aufgerufen zu werden. Ihnen allen gemein ist, dass sie auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit in den Justizpalästen gescheitert sind – oder von dort erst gar keine Hilfe erwarten. Der Minenarbeiter, der einen korrupten Kumpel angezeigt hat, dann aber selbst gefeuert wurde, weil der Kumpel mit dem Management unter einer Decke steckte. Der Grundstückbesitzer, dem die Stadtverwaltung für sein enteignetes Land viel zu wenig Entschädigung bezahlt hat. Und die verschuldete Großmutter, die verhindern will, dass sie von der Hypothekenbank aus ihrem Häuschen geworfen wird.

„Solche Fälle sind die Höhepunkte unserer Arbeit“, sagt Thuli Madonsela, als sie den Besucher in ihrem Büro im zweiten Stock des Public-Protector-Hauses empfängt: „Ich habe diesen Job mit dem Vorsatz angetreten, den kleinen Leuten eine Tür zu öffnen.“ Die 53-jährige Juristin trägt ein elegantes beigefarbenes Kostüm und hat ihr verlängertes Haar zu Zöpfen geflochten. Im Gespräch muss der Reporter sein Aufnahmegerät so dicht wie möglich an sein Gegenüber rücken, denn die Stimme der vom „Time“-Magazin zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gekürten Frau ist pianissimo. Wer Thulisile Nomkhosi Madonsela nur ihrem Ruf nach kennt, muss spätestens jetzt aus den Wolken fallen: Die unter Regierenden als ambitionierter Quälgeist verschriene und unter dem Volk als Heldin verehrte Juristin stellt sich in Wirklichkeit als ausgesprochen sanftes Wesen heraus. Ob sie für diesen Job nicht viel zu zerbrechlich sei, wollte eine Parlamentarierin bei ihrer Bewerbung wissen. Thuli Madonsela schüttelte den Kopf.

Damals, vor sieben Jahren, hätte sich die bedächtig formulierende Anwältin nicht träumen lassen, einmal zur Erzfeindin der Obrigkeit und zur letzten Hoffnung der Kapländer zu werden. Die Jugendliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) beschimpft Madonsela als „plumpen Clown, Pseudo-Politikerin und Möchtegern-Celebrity“: Einem Kapstädter Gangsterboss sollen 45 000 Euro versprochen worden sein, wenn er die Nervensäge tötet. Dagegen wird die zarte Juristin bei öffentlichen Auftritten vom Volk wie ein Rockstar gefeiert: Umfragen zufolge gilt sie als vertrauenswürdigste Persönlichkeit Südafrikas.

Sie ist der dritte Public Protector des 22 Jahre alten Staats – ihren beiden Vorgängern weiß Wikipedia gerade mal zwei Sätze zu widmen. Als Madonsela im Herbst 2009 ihr Amt antrat, wurden dem Anwalt der Öffentlichkeit jährlich rund fünftausend Beschwerden vorgetragen: Im vergangenen Jahr waren es 39 817. In der Regel handelt es sich um Fälle, wie sie Madonsela mag: Mit einer Frau oder einem Mann vom Lande als Protagonisten, die von der Staatsmaschinerie links liegen gelassen oder gar zermalmt zu werden drohten. Immer häufiger mischten sich jedoch Vorwürfe gegen führende Politiker oder Regierungsbeamte unter die Beschwerden, die ihr Amt zum persönlichen Vorteil ausgenützt haben sollen. Darunter der Fall eines Ministers, der seine wegen Rauschgifthandels inhaftierte Freundin auf Kosten der Steuerzahler in einem Schweizer Knast besuchte. Und der eines Polizeichefs, der sich an der Anmietung eines neuen Hauptquartiers bereichert hat. Mit ihren Ermittlungen sorgte Madonsela bereits für die Entlassung zweier Minister, des Polizeichefs und eines Präsidenten der Wahlkommission. Weitere Sessel, wie der des Direktors der staatlichen Rundfunkanstalt und der des Staatspräsidenten, wackeln bereits.

„Der Fisch stinkt vom Kopf“

Wenn ein Verantwortlicher „den Ball fallen“ lasse, wie Madonsela Fehlleistungen von Staatsdienern nennt, könne das ganz unterschiedliche Gründe haben. In den meisten Fällen stecke nicht einmal eine böse Absicht dahinter: In dem in einem fundamentalen Wandel begriffenen Land sei viel „institutionelle Erfahrung“ verloren gegangen, weil die alte Garde den Staatsapparat oder gar das Land verlassen habe. 80 Prozent der von ihrem Amt entgegen genommenen Beschwerden führt Madonsela auf bloße Inkompetenz zurück: Nur der Rest sei böser Wille. Dieser Rest ist allerdings im Wachsen begriffen, räumt die Anwältin ein, was zweifellos mit der politischen Führung zusammenhänge. „Habt Ihr Deutschen nicht das Sprichwort, dass der Fisch vom Kopf aus stinkt?“

Vor vier Jahren landete die Enthüllung einer Wochenzeitung auf Madonselas Tisch, wonach Präsident Jacob Zuma für den Bau seiner Privatvilla in dem Kuhnest Nkandla in der Provinz KwaZulu-Natal staatliche Mittel in Millionenhöhe erhalten haben soll – ein klarer Fall für den Public Protector. Eineinhalb Jahre lang ging Madonsela mit ihrem Team den Vorwürfen nach und veröffentlichte im März 2014 einen 447-seitigen Bericht, über den sie den etwas süffisanten Titel „Secure in Comfort“ (in komfortabler Sicherheit) setzte. Darin wurde bestätigt, dass in Zumas Anwesen tatsächlich 245 Millionen Rand (damals fast 19 Millionen Euro) an Staatsgeldern geflossen waren – mehr als eine gestandene Villa im Kapstädter Millionärsviertel Clifton, Südafrikas Prime-Spot, kostet. Das Geld sei für Baumaßnahmen zur Sicherheit des Präsidenten nötig gewesen, hieß es zur Begründung: Doch Madonselas Nachforschungen ergaben, dass dazu auch ein Schwimmbad, ein Amphitheater, ein Besucherzentrum, ein Viehgehege und ein Hühnerstall gehörten. Einrichtungen, deren Sicherheitsrelevanz der Anwältin nicht unmittelbar einleuchten wollte.

Am Ende ihres Berichts wies Madonsela den Präsidenten an, zumindest einen Teil des staatlichen Zuschusses zurückzuerstatten – eine Forderung, die Zuma und seine Freunde vollends aus der Fassung brachten. Wie ein vom Präsidenten eingesetzter Beamter, noch dazu eine Frau, dem Staatsoberhaupt ein Verhalten vorschreiben könne? Alle traditionellen afrikanischen Werte von der Macht des Patriarchen schienen auf den Kopf gestellt zu sein. „Sie hatten offensichtlich ihre Verfassung nicht gelesen“, sagt Madonsela leise aber bestimmt.

Giftige Attacken

Dass Südafrikas Grundgesetz als eines der fortschrittlichsten der Welt gilt, ist vor allem seinem neunten Kapitel zu verdanken. Dies schreibt die Gründung von sechs unabhängigen und über die Exekutive wachenden Institutionen vor – wie die Menschenrechts- und Wahlkommission oder den Rechnungshof. An erster Stelle wird jedoch der Public Protector genannt: Ein selbst in westlichen Demokratien ungewöhnliches und höchst einflussreiches Wächteramt. Ortsfremden gegenüber wird der Public Protector gerne als mächtiger Ombudsmann beschrieben. „Ein Ombudsmann auf Anabolika“, sagt Madonsela und lacht.

Der gedopte Wächter soll Unregelmäßigkeiten sowohl in Geschäften der Regierung wie der öffentlichen Verwaltung verfolgen – und zwar unabhängig von der Exekutive und „ohne Furcht, Begünstigungen oder Voreingenommenheit“. Stößt der Public Protector auf einen Missstand, soll er „abhelfende Maßnahmen“ ergreifen, schreibt Paragraph 181, Absatz 1b, vor: Er muss dazu weder den Präsidenten noch einen Minister um Erlaubnis fragen.

Die Regierung wollte Madonselas Bericht in der Schublade verschwinden lassen. Zuma erklärte öffentlich, sich an die Forderungen der Anwältin nicht gebunden zu fühlen, und beauftragte seinen Polizeiminister, ein Gegengutachten zu erstellen. Das kam zu dem Ergebnis, dass alle „Sicherheitsmaßnahmen“ tatsächlich nötig seien: Das Schwimmbad werde bei einem Brand als Löschwasserreservoir und das Amphitheater im Notfall als Versammlungsplatz gebraucht. Als sich Madonsela mit solchen Mätzchen nicht zufrieden geben wollte, wurden die Angriffe rauer: Die Frau mit der „hässlichen dicken Nase“ käme sich offensichtlich als „Vize-Jesus“ vor, wetterten Vertreter der Regierungspartei. Und der stellvertretende Verteidigungsminister teilte mit, Madonsela sei im Nebenberuf für den amerikanischen Geheimdienst tätig.

Die giftigen Attacken seien nicht spurlos an ihr vorübergegangen, räumt Madonsela ein: Vor allem habe ihr Weh getan, dass die Entgleisungen ausgerechnet von ihren „Comrades“ kamen. Die Juristin war einst selbst Mitglied des Afrikanischen Nationalkongresses und schrieb in dessen Auftrag sogar die Verfassung mit. Als sie ein öffentliches Amt antrat, ließ sie ihre Parteimitgliedschaft allerdings ruhen – Ausdruck einer politischen Hygiene, die den meisten Comrades fremd ist. „In unserem Konflikt geht es nicht so sehr um Macht, es geht um Werte“, sagt Madonsela.

Mandela als Vorbild

In Sachen Moral stand der ANC einst fast fleckenlos da. Der Kampf gegen die Apartheid war ethisch einwandfrei, sein inhaftierter Führer Nelson Mandela wurde als „moralischer Riese“ verehrt. Selbstverständlich war Mandela auch Thuli Madonselas Idol: Sie hatte als Jugendliche ein Bild von ihm in ihrem Zimmer hängen und fühlt sich noch heute seiner Vision von der „Regenbogennation“ verpflichtet. Die Tochter eines umtriebigen Kleinhändlers und einer Hausangestellten wuchs in Soweto auf – dem legendären Township am Rand von Johannesburg, das sich im Kampf gegen die Apartheid zur Brutstätte des Widerstands entwickelt hatte. Thulis Vater wurde regelmäßig von der Polizei aufgegriffen, wenn er wieder einmal ohne Genehmigung seine Waren auf der Straße verkaufte. Dann habe er sich vor Gericht immer selbst verteidigt und anschließend der Familie von seinen Triumphen berichtet, erzählt die Tochter. „Das hat gewiss dazu beigetragen, dass ich Jura studieren wollte“. Der Vater war dagegen. Doch die schlaue Thuli ergatterte ein Stipendium und setzte sich durch.

Ihre „sehr alten“ und religiösen Eltern hätten großen Wert auf Respekt und gute Manieren gelegt und ihrer Tochter die Bedeutung von „richtig“ und „falsch“ eingebläut, fährt die nur auf den ersten Blick zerbrechlich erscheinende Juristen fort: „Sie brachten mir bei, immer für das einzustehen, was meiner Auffassung nach das Richtige ist. Davon kommt wohl meine Standfestigkeit“. Woran es liegt, dass die junge Republik immer tiefer in den Schlamm der Korruption gerät und viele ihrer Comrades ihren moralischen Kompass verloren haben, weiß auch Madonsela nicht zu sagen: Auch sie sei fassungslos, wenn sie Menschen sagen höre, dass es sie kalt lasse, wenn mittellose Studenten in der Uni-Toilette übernachten müssen. Viele der Leute, die heute das Sagen haben, seien beim Kampf gegen die Apartheid gar nicht dabei gewesen, sucht sie als Ehrenrettung ihrer Ex-Kameraden einzuwenden. Zumindest auf Präsident Zuma und sein Kabinett trifft das allerdings nicht zu.

Die regierenden Comrades vermochten die widerspenstige Anwältin nicht so leicht aus dem Weg zu schaffen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Die immer selbstbewusster auftretende Ombudsfrau sorgte dafür, dass der Fall Nkandla in keiner Schublade verschwand, und schloss sich schließlich der Verfassungsklage einer Oppositionspartei an, die bestätigt haben wollte, dass auch der Staatschef an die Befunde des Public Protectors gebunden ist. Da Kapitel 9 der Verfassung keinen Zweifel zulässt, gaben im April dieses Jahres sämtliche elf Richter Madonsela Recht und warfen Zuma einen gravierenden Verfassungsbruch vor. In anderen Staaten der Welt hätte ein solches Urteil zum sofortigen Rücktritt des Präsidenten geführt – doch ohne Kompass fällt auch das Rückwärtsgehen schwer. Immerhin muss Zuma nun einen vom Finanzminister festgelegten, eher kleinen Teil der unlauteren Beihilfe zurück zahlen, nicht einmal eine halbe Million Euro. Trotzdem fordert der ANC ihm noch gewogene Südafrikaner auf, dem Präsidenten in dieser schweren Stunde finanziell beizustehen.

Mit dem Entscheid des Verfassungsgerichts war Thuli Madonselas Triumph besiegelt. In seinem Urteil sprach Richter Mogoeng Mogoeng vom „Kampf eines David gegen Goliath“, während auf der Straße Demonstranten „Thuli for President“ riefen. Erstmals seit Nelson Mandelas Tod und dem Rückzug des anglikanischen Erzbischofs Desmond Tutu aus der Öffentlichkeit hatten die Südafrikaner wieder ein lebendes Vorbild: Jemand, der weiß, was richtig und falsch ist, und sich schurigelnden Machthabern in den Weg zu stellen wagt. „Ich liebe sie“, schwärmt ein Student, der zu einem Vortrag seines Idols in die Johannesburger Nelson-Mandela-Stiftung gekommen ist.

Abends, nach Dienstschluss, tourt Madonsela durch die Republik, um ihre Bibel, die Verfassung, anzupreisen. Ohne sie sei der Regenbogenstaat aufgeschmissen, meint die Juristin: Doch mit ihr könne die junge Nation von keiner auch noch so geld- und machthungrigen Elite gehijackt werden. Dass auch die Verfassung zu ihrer Verteidigung Menschen, und zwar starke, braucht, ist auch Madonsela bewusst: „Aber solche wird es in Nelson Mandelas Heimat immer geben.“

Mitte Oktober wird die Amtszeit der Ombudsfrau zu Ende gehen. Als mögliche Nachfolger wurden dem Parlament bereits 72 Personen vorgeschlagen, darunter Ex-Staatspräsident Thabo Mbeki und Mandela-Witwe Graça Machel – ein Indiz dafür, wie wichtig die Südafrikaner das von Madonsela aufgewertete Amt inzwischen nehmen. Derzeit ist das Parlament damit beschäftigt, den ihm genehmen Kandidaten zu finden, der schließlich noch vom Präsidenten bestätigt werden muss. Dass sich die mit absoluter Mehrheit herrschende Regierungspartei noch einmal von der zarten Stimme einer Bewerberin täuschen lassen wird, ist unwahrscheinlich: Eher wird der sanften eisernen Lady wieder ein Public Protector folgen, der Wikipedia gerade mal zwei Sätze Wert ist. Und wer kann ausschließen, dass eines Tages auch vor der gläsernen Eingangstür des Public Protector Houses ein Türhüter steht?

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