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Kann sich angeblich an nichts erinnern: Erzbischof Philip Wilson.

Australien

Erzbischof soll Missbrauch vertuscht haben

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Australischer Geistlicher schuldig gesprochen. Fast zeitgleich steht ein Vertrauter des Papstes ebenfalls vor Gericht.

Er zeigt kein bisschen Reue: Kaum hatte ein Gericht in der australischen Stadt Newcastle am Dienstagmorgen den 67-jährigen Philip Wilson für schuldig befunden, während der 70er Jahren sexuellen Kindesmissbrauch durch einen anderen Priester verheimlicht zu haben, antwortete er: „Ich bin enttäuscht.“ Seine Anwälte hatten viermal vergeblich versucht, das Verfahren mit Verweis auf eine Alzheimer Diagnose von Wilson einzustellen.

Die Krankheit ist offenbar nicht schwerwiegend genug, um den Erzbischof, der der höchstrangige Vertreter der katholischen Kirche des Kontinents ist, von seinem hohen Kirchenamt zu entbinden. Vergesslichkeit scheint unterdessen zu den Charaktereigenschaften des 2001 zum Erzbischof von Adelaide ernannten Priesters zu gehören. Wilson will sich an keinen einzigen Fall erinnern, bei dem Kinder ihm von Missbrauch durch einen anderen Pfarrer berichteten.

Ein in den 70er Jahren elfjähriger Junge sagte während des Verfahrens aus: „Als ich ihm im Beichtstuhl von Vater Fletcher berichtet habe, lautete Wilsons Antwort: Du lügst. Anschließend musste ich zehn Ave Maria beten.“ Der damals 15-jährige Messdiener Peter Creigh sagt aus, er habe Wilson im Jahr 1976, fünf Jahre nach den Übergriffen, von seinem Missbrauch berichtet: „Aber ihm war der Schutz der Kirche wichtiger.“

Der beschuldigte Priester starb 2006 in einem Gefängnis in Australien. Das Urteil gegen den Erzbischof soll am 19. Juni verkündet werden. Wilson, der sich gegen Kaution auf freiem Fuß befindet und nun weltweit der höchstrangige Vertreter der katholischen Kirche mit einem Schuldspruch wegen Vertuschung von sexuellen Übergriffen ist, drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis. Aber Fachleute gehen davon aus, dass der Erzbischof nun in Berufung gehen und das Verfahren das Oberste Gericht Australiens erreichen wird.

Der Schuldspruch dürfte Signalwirkung besitzen. „Es gibt Hunderte von ähnlichen Fällen in Australien“, sagte der prominente Strafverteidiger Craig Caldicott gegenüber dem australischen Radiosender ABC.

„Wir sehen gegenwärtig nur die Spitze des Eisbergs. Lehrer und Ärzte sind per Gesetz verpflichtet, Übergriffe zu melden. Aber für die katholische Kirche gilt das nicht“, so Caldicott weiter. Laut der Royal Commission into Institutional Responses to Child Sex Abuse der australischen Regierung sollen zwischen 1950 und 2010 sieben Prozent der katholischen Priester des Kontinents in Fälle von sexuellem Missbrauch verwickelt gewesen sein. Laut der Untersuchungskommission beläuft sich die Zahl der Opfer auf 4440 mit einem Durchschnittsalter der Opfer von 10,5 Jahren bei Mädchen und 11,5 Jahren bei Jungen. Die Opfer mussten im Durchschnitt 33 Jahren warten, bis die Täter in den Blick der Justiz kamen.

„Die Kirche hat weder Gnade noch Reue gezeigt“, warf Chrissie Foster, deren zwei Töchter vom lokalen Pfarrer missbraucht wurden, nach dem Bekanntwerden des Untersuchungsberichts der katholischen Kirche vor. „Kinder wurden ignoriert oder manchmal sogar bestraft. Vorwürfe wurden nicht untersucht. Priester und andere religiöse Figuren wurden versetzt, ohne die Gläubigen in neuen Einsatzorten zu informieren“, so Foster weiter. Unter den 1000 katholischen Institutionen, die in sexuellen Missbrauchsfälle verwickelt waren, befindet sich ein Orden, in dem sich 40 Prozent des Personals an Kindern vergingen.

Neben Wilson muss sich gegenwärtig auch ein Vertrauter von Papst Franziskus wegen Pädophilie vor einem australischen Gericht verantworten. Kardinal George Pell, der als eine Art Finanzminister des Vatikans fungierte, kehrte vor mehreren Monaten in seine Heimat Australien zurück, um sich in der Stadt Melbourne der Anklage wegen „historischer sexueller Straftaten“ zu stellen. Die frühere Nummer Drei des Vatikans bestreitet alle Vorwürfe und spricht von einer Verleumdungskampagne. Ihm wird angelastet, in den 70er Jahren in einem Schwimmbad zwei Jungen belästigt zu haben.

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