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Erst die Predigt, dann der Rausschmiss

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Von: Regina Kerner

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Um fünf Uhr früh werden die Obdachlosen neuerdings geweckt und bis zum Abend vertrieben.
Um fünf Uhr früh werden die Obdachlosen neuerdings geweckt und bis zum Abend vertrieben. © rtr

Papst Franziskus engagiert sich für Obdachlose und Bettler. Doch für die Polizei stören sie das römische Ambiente. Also werden die Clochards tagsüber vom Petersplatz vertrieben.

Papst Franziskus liegen Obdachlose besonders am Herzen. Unter den Kolonnaden des Petersplatzes ließ er Duschen, Toiletten und einen regelmäßigen Friseurservice für sie einrichten. An seinem 80. Geburtstag lud er sich vor einem Jahr zum Frühstück ins vatikanische Gästehaus Santa Marta spontan acht Männer und Frauen ein, die auf der Straße leben. Seinen Almosenbeauftragten lässt er spätabends kleinere Geldbeträge verteilen. Und die Schwestern des Mutter-Teresa-Ordens geben warme Mahlzeiten aus.

Nicht verwunderlich also, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Clochards rund um den Petersplatz ihr Domizil aufgeschlagen hatten. Zu Dutzenden hausten sie mit Pappkartons, Decken und Schlafsäcken, Plastiktüten, alten Koffern und Taschen unter den Säulengängen und Arkaden, vor Regen geschützt und von der Polizei bewacht. „Hotel San Pietro, viele Sterne“, zitierte eine römische Zeitung kürzlich einen Wohnungslosen.

Jetzt ist allerdings Schluss damit, zumindest tagsüber. Unter den Kolonnaden und auf den Stufen der auf den Petersdom zulaufenden Prachtstraße Via della Conciliazione sitzen nun wieder ausschließlich Eis schleckende Touristen. Die Bürgersteige sind am Vormittag noch nass von der allmorgendlichen Säuberungsaktion.

Im Dunkeln, kurz vor fünf Uhr in der Frühe, werden die Obdachlosen jetzt von der Polizei geweckt und mitsamt ihren Habseligkeiten vertrieben. Anschließend rücken dann die Reinigungstrupps mit Hochdruckwasserschläuchen an.

Er sei ganz froh darüber, sagt der Inhaber einer religiösen Buchhandlung in der Via della Conciliazione, ein sanfter grauhaariger Herr. „Barmherzigkeit gegenüber den Armen ist schön und notwendig, aber an einem Ort wie dem Petersplatz geht es auch um würdevolles Dekor.“ Vor seinem Laden habe bisher eine Gruppe osteuropäischer Clochards gecampt, er habe mehrmals am Tag eigenhändig Essensreste und leere Flaschen wegräumen müssen. „Und das Gässchen direkt um die Ecke ist zum Pissoir verkommen.“

Nicht nur der Buchhändler war genervt. Zuletzt hatte in den sozialen Netzwerken das Foto eines Obdachlosen die Runde gemacht, der mitten am Tag an eine der erst 2011 aufwendig restaurierten und gesäuberten Säulen des Barockarchitekten Gian Lorenzo Bernini pinkelte.

Die Polizei berichtete außerdem über nächtliche Streitereien. Offenbar hatten sich auch einige Kardinäle über den Dreck und den Lärm beschwert, die in den angrenzenden Straßen wohnen. Der unangekündigte Kurswechsel kam dann Anfang vergangener Woche, just an dem Morgen, an dem Franziskus bei seiner täglichen Frühmesse in Santa Marta noch gepredigt hatte, man solle sich den Bedürftigen nähern, „auch wenn einer schmutzig ist, sich nicht duscht und stinkt“. Kurz darauf wurden die Obdachlosen schließlich von der vatikanischen Gendarmerie verscheucht. Die Polemiken ließen nicht auf sich warten, auch katholische Medien empörten sich über den offensichtlichen Widerspruch und fragten sich, ob die Vertreibungsaktion Franziskus’ Zustimmung habe. Einige der Betroffenen wehren sich dagegen, über einen Kamm geschert zu werden. Nicht alle Armen hätten das Vertrauen des Papstes missbraucht, sagten sie, nicht alle seien Trinker und respektlos. Franziskus äußerte sich nicht, es ist aber davon auszugehen, dass er informiert war.

Sein Sprecher Greg Burke versicherte, es handele sich ausschließlich um eine Sicherheitsmaßnahme. Der Petersplatz wird von Polizei und Militär überwacht, weil er als potenzielles Ziel von Terroranschlägen gilt. „Die Taschen und Koffer der Obdachlosen können nicht ständig kontrolliert werden“, sagte Greg Burke. Nachts dürften die Clochards aber weiterhin unter den Kolonnaden schlafen.

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