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Alkoholismus

Erst kommt der Stoff - dann die Probleme

Henning Hirsch ist trockener Alkoholiker. Vor Jahren war er ganz unten angelangt. In der FR berichtet er von seinem Ausstieg.

Der Absprung … einigen gelingt er. Vielen leider nicht.

„Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?“
„Nein, kann ich leider nicht.“
„Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.“
„Hören Sie heute mit dem Trinken auf.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“

Ich weiß, das klingt unbefriedigend, denn von einem wie mir wird mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber: Es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des Einzelnen ins Kalkül ziehen. Was mir geholfen hat, muss nicht zwangsläufig auch bei anderen wirken. Trotzdem will ich mich an einer Antwort versuchen:

Der Alkoholismus als eine Spielart der substanzgebundenen Sucht kann auf fünfhundert verschiedenen Auslösern gründen. Diese herauszufiltern, ist für den Betroffenen harte Arbeit, die er am besten gemeinsam mit einem Therapeuten betreibt. Für viele Erkrankte gilt allerdings folgende simple Schrittfolge: Genetisch vorbelastet (ein Eltern- oder Großelternteil hat ebenfalls ein Alkoholproblem), früher Kontakt mit der Droge, verträgt seit der Jugend mehr als seine Altersgenossen, setzt den Alkohol funktional ein, der Konsum wird zur Normalität und bildet nicht die Ausnahme. Die Gewöhnungsphase ist unterschiedlich lang, kann zwischen zwei bis hin zu zehn Jahren dauern. Sobald der Punkt der Abhängigkeit erreicht wird, merkt man es selbst als erster. Soll mir keiner erzählen, ihm sei nicht bewusst, dass er ohne das tägliche Quantum Rotwein oder Cognac nicht mehr leben kann. 

An dieser Stelle der erste Test: Schaffen Sie es, heute nichts zu trinken? Also, gar nichts. Ohne zu zittern, sich die halbe Nacht schlaflos hin und her zu wälzen, schon auf den morgigen Tag zu hoffen, an dem Sie wieder zuschlagen dürfen? Das funktioniert halbwegs? Fein! Dann lassen Sie uns den unmittelbar anschließenden Test auf vier Wochen ausweiten. Den Monat haben Sie ebenfalls problemlos hinter sich gebracht, den Abendschoppen und Gutenachttrunk nicht vermisst? Falls ja: Bei Ihnen besteht noch Hoffnung, und Sie können die Zeitung jetzt beiseitelegen. Alle anderen – speziell die Gruppe, die bereits mit der 24-Stunden-Pause ein Problem hat – sollten bis zum Ende weiterlesen.

Wenn die letzten Bastionen fallen

Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whiskey, bringt sich mit Wodka in Schwung, kippt vor dem Sex vier Rum Cola, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über zwei Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bier. 

Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch steht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung den Tagesrhythmus. Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen.

Nun ist es nicht mehr möglich, ohne professionelle Hilfe von dem Zeug loszukommen. Ein Internist muss Leber und Bauchspeicheldrüse checken, der Psychologe macht sich gemeinsam mit dem Patienten auf die Suche nach dem Urknall, die Reha wird unumgänglich. Das alles bringt aber nichts, wenn keine Krankheitseinsicht gezeigt wird. Fehlt diese, wird weiterhin bagatellisiert, ist eine Therapie unnütz verpulvertes Geld. Wer sich nicht eingesteht, dass er drogenabhängig ist, wird nach Entgiftung und Reha weitersaufen. Und selbst die Krankheitseinsicht bedeutet noch keine Garantie dafür, dass der Alkoholiker tatsächlich mit dem Wahnsinn stoppt.

Mein Freund Jupp, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Guten-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum drei Promille im Blut ins Bett legte, stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert. „Brauche ich alles nicht“, erklärte er mir in seinem rheinischen Singsang, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund von Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. Jupp hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteil geworden. 

Bei mir verhielt es sich so, dass ich nach dem dreißigsten Klinikaufenthalt und aufgrund massiver Warnhinweise des Personals, „den nächsten Absturz überleben Sie nicht“, ins Grübeln geriet. Mein monotoner Lebenswandel, der mir außer Saufen und Unterhaltungen im Raucherzimmer der Geschlossenen keinerlei Abwechslung bot, ödete mich mittlerweile dermaßen an, dass ich beschloss, die Trinkerei ein für alle Mal an den Nagel zu hängen. Im Unterschied zu Jupp hatte ich allerdings Dutzende Stunden mit Psychologen und zwei Reha-Aufenthalte hinter mir, war mir des Irrsinns meines Tuns also lange Zeit bewusst, und benötigte aber dennoch weitere vier Jahre, bis ich den Stoppschalter betätigte. Im ersten Monat absolvierte ich das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker: jeden Abend eine Gruppe besuchen. Danach war das Schlimmste überstanden, und ich änderte meine Frequenz in einmal pro Woche ab.

Mein Kumpel Rolf, der mit Abstand Klügste und Belesenste von uns, dem Ursachen, Auslöser, Hochrisikofaktoren allesamt klar waren, benutzte seine Intelligenz dazu, den Ärzten Fehler bei der Behandlung und den Psychologinnen Inkompetenz bei der Analyse nachzuweisen. „Warum tust du das?“, fragte ich. „Weil sie alle keine Ahnung haben“, antwortete er. „Aber du hast Ahnung?“, hakte ich nach. „Auf jeden Fall mehr als die Quacksalber hier.“ – „Und warum stoppst du dann nicht? Du bist ja öfter in der Klinik als ich.“ – „Weil ich jetzt noch keine Lust dazu habe. Ich höre dann auf, wenn ich den Zeitpunkt für den richtigen halte. Das kann ich aber alleine. Dafür benötige ich keinen von den Kurpfuschern.“ 

Drei Monate später saß Rolf sabbernd im Rollstuhl. Im Jahr darauf beerdigten wir ihn in einem anonymen Urnengrab, weil sein geschwächter Körper nach dem Trinken einer Pulle Doppelkorn auf Antabus endgültig alle Viere von sich gestreckt hatte.

Wunder-Kuren in Russland

Womit wir bei einer Sonderform des Ausstiegs angelangt sind: der Abstinenz unter Zuhilfenahme von sogenannter Wundermedizin. Viele Abhängige träumen davon, den Teil ihres Gehirns, der auf die Droge anspringt, in den Nullzustand zurückzusetzen. Ein Reset der Synapsen. Binnen Minuten nicht mehr an der Nadel oder Flasche hängen. Und – die absolute Idealvorstellung! – ab sofort wieder in Maßen konsumieren können. So wie es am Anfang war, als man den Stoff noch nicht täglich oder gar stündlich benötigte. 

Einige Kliniken und Ärzte bieten zu diesem Zweck Medikamente an, die den Suchtdruck reduzieren: Naltrexon (Nemexin), Naloxon, Nalmefen blockieren die Opiatrezeptoren. Campral gilt als Ethanol-Antagonist. Baclofen hingegen ist ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Epileptikern entwickelt wurde. In hochdosierter Form schwächt es angeblich den Saufzwang ab. Es gibt Rabiat-Kuren in Russland, in dem man die Patienten in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, während die Organe mit einem Wundermittel – Rezeptur streng geheim – durchspült werden. Sobald man erwacht, ist man geheilt und kann (angeblich) wieder kontrolliert trinken.

Disulfiram ist ein zweischneidiges Schwert

Gemeinsam ist all diesen Anti-Saufdruck-Pillen, dass sie funktionieren können – jedoch nur bei einer Minderheit und oft nicht dauerhaft. Sind die Synapsen erst einmal ruiniert, dann lässt sich das Suchtgedächtnis bei den meisten Abhängigen nicht mehr überlisten.

Eine gänzlich andere Philosophie steckt hinter dem Wirkstoff Disulfiram, in Fachkreisen ebenfalls unter dem Handelsnamen Antabus (von lat. anti abusus) bekannt. Dieses Präparat verhindert den schnellen Abbau des Ethanols in der Leber und bewirkt so bereits bei geringer Alkoholzuführung eine heftige Übelkeit. Diese kann begleitet werden von Schweißausbrüchen, Herzrasen, pochenden Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Hier wird also nicht auf Vergessen, sondern auf Abschreckung gesetzt. 

Die Teilnehmer des Antabusprogramms verpflichten sich, den Wirkstoff unter fachlicher Aufsicht einzunehmen und flankierend therapeutische Gruppen zu besuchen. Trotz der unbestreitbaren Erfolge bleibt Disulfiram ein zweischneidiges Schwert, denn es ist nicht für die Ewigkeit gedacht. Irgendwann kommt der Tag, an dem die Pillen abgesetzt werden, und dann muss der Betroffene in der Lage sein, dem Suchtdruck ohne Zuhilfenahme dieser Krücke zu trotzen. Was nicht alle Alkis schaffen. Daher habe ich mich dagegen entschieden.

Was sind also die wichtigsten Zutaten für einen erfolgreichen Ausstieg? Krankheitseinsicht ist das A und O. Solange jemand mit blutunterlaufenen Augen und zitternden Händen erzählt, er würde ab und an nur ein Schlückchen konsumieren, braucht man gar nicht erst weiterzureden. 

Unglückliche Kindheit als Rechtfertigung

Kontakt mit Profis aufnehmen: Suchtberatungsstelle, Psychologe, Reha-Klinik sind essenzielle Anlaufstationen, die einem den Weg in die Abstinenz wirklich erleichtern. Vom Sonderfall Jupp mal abgesehen. Der betreibt heute einen schwunghaften Handel mit gebrauchten Grabsteinen, geht abends um 21 Uhr ins Bett, verwahrt seine Ersparnisse im Keller und fährt nie in den Urlaub. Allzu viele Therapiestunden sollte man jedoch nicht mit der Ursachenforschung verplempern. In 95 Prozent der Fälle besteht der Urgrund des Suffs im Alkohol selbst: Erst kam der Stoff, und dann entstand der Rattenschwanz an Problemen. Und nicht umgekehrt. Das wird unglücklicherweise häufig verwechselt, was die Erkrankten wiederum daran hindert, die individuellen Hauptrisikogebiete zu lokalisieren. Stattdessen werden Tonnen an Hirnschmalz dafür aufgewendet, unglückliche Eltern-Kind-Beziehungen aufzuarbeiten. Ich wette, die zumeist verstorbenen Mütter und Väter würden im Grab rotieren, wenn sie mitbekämen, was ihre Sprösslinge sich dreißig Jahre später so alles zusammenfantasieren, bloß um den eigenen Alkoholismus zu rechtfertigen. 

Selbst wenn die Kindheit nicht immer glatt verlief: Mit 45 oder 50 ändert man nichts mehr daran. Viel wichtiger ist es, die Auslöser des exzessiven Trinkverhaltens zu identifizieren. Bei mir waren es die Sorge, meine kleine Firma in die Insolvenz zu reiten, und Versagensängste beim Sex. Es darf keinem Betroffenen peinlich sein, über so etwas zu reden. Die Zeit des Lügens und Versteckspielens muss vorbei sein. 

Anfangs sollte man alkoholgetränkte Partys und Betriebsfeiern meiden. Selbsthilfegruppen so lange testen, bis man die passende gefunden hat. Austausch unter Gleichgesinnten und die Erkenntnis, mit dem Problem nicht alleine zu sein, helfen ungemein. 

Die ersten zwölf Monate sind erfahrungsgemäß holprig. Noch sehr vom Willen bestimmt. Danach wird die Abstinenz einfacher, bis sie dem Aussteiger nach zwei, drei Jahren in Fleisch und Blut übergeht und genauso normal erscheint wie vorher das tägliche Saufen. Aber auch ein trockener Alkoholiker bleibt immer ein Alkoholiker, und ist vorm Rückfall nie zu hundert Prozent gefeit. Deshalb sollte er die Besuche der Gruppe unbedingt beibehalten. Denn die dort versammelten Experten erkennen schnell, ob was aus dem Ruder zu laufen droht, sagen einem das auf den Kopf zu und bieten Unterstützung beim Trockenbleiben an. 

Sucht als mentales Krankheitsbild lässt sich nie vollständig besiegen, sondern begleitet den Alkoholiker bis an sein Lebensende. Dessen muss man sich stets bewusst sein und Vorsicht als Tugend begreifen. 

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