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Erpresser-Video mit gefesseltem Affen

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Von: Johannes Dieterich

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Schimpanse im Affen-Refugium in Lubumbashi.
Schimpanse im Affen-Refugium in Lubumbashi. © Imago Images

„Der illegale Handel mit wilden Tieren tritt in eine neue Phase ein“, klagt ein Tierschützer. Im Kongo verlangen Kriminelle hohes Lösegeld, nachdem sie Schimpansen aus deren Schutzgebiet entführt haben.

Entführungen von Menschen zur Erpressung von Lösegeld machen in Afrika zunehmend Schule – ob in Nigeria, Kenia oder Südafrika. Dass auch Tiere aus dem selben Grund entführt werden, ist aus dem tierreichen Kontinent bislang noch nicht gemeldet worden. Doch auch dieses Tabu scheint jetzt gebrochen zu sein. In der Demokratischen Republik Kongo haben Unbekannte jüngst nachts drei Schimpansen-Kinder aus einem Schutzgebiet für misshandelte Menschenaffen geraubt und fordern von den Besitzer:innen des Primaten-Refugiums eine sechsstellige Euro-Summe. Der „weltweit erste derartige Fall“, seufzt Adams Cassinga, Direktor der kongolesischen Tierschutzorganisation „ConservCongo“: „Damit tritt der illegale Handel mit wilden Tieren in eine neue Phase ein.“

Schon seit 16 Jahren betreibt die Belgierin Roxane Chantereau mit ihrem französischen Ehemann Franck das Zentrum „Jeunes Animaux Confisqués au Katanga“ (Jack) in der südostkongolesischen Provinzhauptstadt Lubumbashi. Dort konnten sich zuletzt rund 40 Schimpansen und mehr als 64 andere Affen sicher fühlen. Bis Roxane eines Morgens Mitte dieses Monats zum mehrmaligen Signalton ihres Handys aufwachte.

Ein Video lief ein, auf dem die Schimpansen-Kinder César, Hussein und Munga in einem unaufgeräumten Schuppen zu sehen waren. Auf einem Sims an der Wand stand die fünfjährige Munga mit über dem Kopf gefesselten Armen – als ob sie gekreuzigt worden sei. Ihre beiden jüngeren Leidensgenossen kletterten apathisch über Gerümpel, das auf dem Boden verteilt war. Werde das sechsstellige Lösegeld nicht umgehend bezahlt, würden die drei Schimpansen-Kinder enthauptet und ihre Köpfe zu Roxane geschickt, drohten die Entführer:innen. „Seitdem haben wir nicht mehr geschlafen“, klagt die Belgierin gegenüber dem US-Sender „CNN“.

Sie würden den Forderungen der Verbrecher:innen auf keinen Fall nachgegeben, erklärt ihr Gatte Franck. Nicht zuletzt, weil sie gar nicht über so viel Geld verfügten. Sie wollten auch keinen Präzedenzfall schaffen. „Sonst kommen sie schon in zwei Monaten wieder“, sagt Franck. „Und wie können wir sicher sein, dass sie den drei Primatenkindern tatsächlich nichts angetan haben?“ Auch die kongolesische Regierung riet dringend davon ab, den Forderungen nachzukommen.

Auf dem Schwarzmarkt kann ein lebendiges Schimpansen-Kind weit mehr als 10 000 US-Dollar einbringen. Der weltweite Handel mit den dem Menschen am nächsten verwandten Primaten nimmt – wie der illegale Wildtierhandel überhaupt – immer größere Ausmaße an: Sein Wert wird auf jährlich mehr als 20 Milliarden Euro geschätzt. Um ein Schimpansen-Kind in der Wildnis zu fangen, muss seine rund zehnköpfige Sippe getötet werden. Sie würde den Raub ihres jüngsten Familienmitglieds niemals zulassen.

Immer weniger Schimpansen

Lebten zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts noch mehr als eine Million Schimpansen in Afrika, so wird ihre Zahl heute auf nicht viel mehr als 150 000 geschätzt. Auch deshalb ist Franck Chantereau davon überzeugt, dass der Entführungsfall in seinem Affen-Asyl Schule machen wird. „In den Wäldern gibt es immer weniger Schimpansen“, sagt der Primaten-Pfleger. „Sie in Zufluchtsorten wie bei uns zu klauen, ist viel einfacher.“

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