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Insgesamt 16 Wolkenkratzer aus den Hudson Yards ragen in den Himmel Manhattans.

Hudson Yards

Alles vom Feinsten

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Eine „Anti-Stadt“ für die Superreichen? Heute wird mit den Hudson Yards ein neues Viertel der US-Metropole New York eröffnet.

Wer als Pendler regelmäßig New Yorks beliebtesten Fahrradweg am Hudson entlang benutzt, der hat in den vergangenen Monaten mit wachsendem Bedauern bemerkt, dass der alte Blick auf die ikonische Skyline von Midtown Manhattan von einem Gewühl an Baukränen und Stahlskeletten verstellt wurde. Das Empire State Building, seit vielen Jahrzehnten einer der wenn nicht das Wahrzeichen der Stadt, verschwand ebenso wie das Chrysler Building, verschluckt von den Rohbauten eines vollkommen neuen Stadtviertels.

Nun soll das Viertel, von der nie um einen vermarktbaren Namen verlegenen Immobilienbranche Hudson Yards getauft, am heutigen Freitag feierlich eröffnet werden. Die fünf zentralen Türme, deren Pläne sämtlich aus den Büros renommierter Architekten (unter anderem Foster+ Partners, Kohn Pedersen Fox Associates und Diller Scofidio + Renfro) stammen, ragen mit digital anmutender HD-Schärfe in den Himmel über Manhattan. Ein neues Strahlen und Funkeln lässt das alte New York dahinter schäbig und alt aussehen. Schon auf den ersten Blick ist klar, dass hier ein neues New York antritt, um das alte zu überstrahlen.

Begehbare Kunst

Die Hudson Yards sind das ehrgeizigste Städtebauprojekt, das New York je gesehen hat. 25 Milliarden Dollar hat der Immobilienentwickler Steve Ross in seine Vision einer goldenen Stadt innerhalb der Stadt investiert. 16 Wolkenkratzer wird der Komplex beherbergen, wenn er in den kommenden zwei Jahren endgültig fertig ist, die 560 000 Quadratmeter Bürofläche, 5000 Luxuswohnungen und eine Shopping-Zone von 70 000 Quadratmetern beherbergt. Weder der neue World Trade Center Campus noch das historische Vorbild Rockefeller Center können von Tragweite und Ambition her mithalten.

Garniert wird das Ganze durch einen avantgardistischen Kunst- und Performance-Raum, genannt „The Shed“, offenbar dazu gedacht, dem MoMA und dem Lincoln Center als Zentren des kulturellen Lebens der Stadt Konkurrenz zu machen. In der Mitte des Campus steht ein begehbares Kunstgebilde, genannt „The Vessel“, das der Schöpfer Thomas Heatherwick gerne als den Eiffel-Turm von New York bezeichnet.

Trotz der unverhohlenen Megalomanie des Projekts ist das neue Viertel in den vergangenen Jahren beinahe unbemerkt herangewachsen. New Yorker wussten eher vage, dass da an der Westseite irgendetwas passiert. Selbst von der 10th Avenue aus, die man mangels Einzelhandels und Gastronomie ohnehin nur besucht, wenn man durchfährt oder dort arbeitet, war bis auf einen Bauzaun kaum etwas zu sehen.

Die Aussicht hat was

Die Hudson Yards sind an den Rand von Manhattan angeheftet wie vergessener Zusatz. Anders als beim World Trade Center oder seinerzeit beim Rockefeller Center hat sich bei der Planung nicht das Problem ergeben, das Quartier in das Stadtgefüge integrieren zu müssen. Im Gegenteil: Der Reiz des Projekts, das über die Schienen des U-Bahn-Depots gebaut wurde, war, dass man ohne Rücksicht auf den Kontext vollkommen vom Reißbrett planen konnte. „Das große Versprechen der Hudson Yards“, schreibt Justin Davidson, der Kritiker des New York Magazine, „war, dass man eine komplett neue Zone der postindustriellen Metropole ohne die Last einer komplizierten Vergangenheit produzieren konnte.“

Herausgekommen ist ein „Fantasma der Stadt des 21. Jahrhunderts“, wie das New York Magazine schreibt. Es ist eine autarke „gated community“ für Superreiche, in der sie schlafen, arbeiten, einkaufen, essen und ins Theater gehen können, ohne sich jemals dem Chaos und dem Schmutz der Stadt auszusetzen. Alles an den Hudson Yards ist vom Feinsten – die Restaurants mit Star-Köchen, die Luxusboutiquen, das Kulturangebot. „Die Bewohner sollen das Gefühl haben, dass sie von allem nur das Beste bekommen“, schreibt Justin Davidson. Man wohnt im besten Gebäude in der besten Gegend in der großartigsten Stadt der Welt.“

Die Hudson Yards sind natürlich nicht die erste Reißbrettstadt der Welt. Es gibt sie rund um den Globus spätestens seit Brasilia, in Tokyo wurden 2003 die Roppongi Hills eingeweiht. Abu Dhabi hat seine Masdar City und London sein Canary Wharf.

In New York entrümpelt der Mega-Block die chaotische Stadt mit ihrer viel zitierten „Kultur der Dichte“, die für jene lebendige Anarchie und Pluralität sorgt, die einst als die Essenz der Stadt galt. An ihre Stelle tritt geordnete, hotelartige Sterilität, abgeschottet vom Leben der Metropole. Jeremiah Moss, Autor des Buches „Vanishing New York“, eine Klageschrift über die verlorene Seele New Yorks, nennt die Yards deshalb auch eine „Anti-Stadt“ oder auch eine „plutokratische Wolke“.

Die Entwicklung ist kein Zufall. Sie folgt der Vision von Bürgermeister Michael Bloomberg, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, die Stadt in ein „Luxusprodukt“ umwandeln zu wollen. In seinen zwölf Amtsjahren hat Bloomberg die Nutzungsbestimmungen für 40 Prozent der Stadtfläche geändert und somit privaten Entwicklern den Schlüssel zu New York in die Hand gegeben. Bloomberg, so schreibt der Soziologe Julian Brash, der den Begriff von der Neoliberalisierung New Yorks prägte, habe „alle Anstrengungen unternommen, die Stadtregierung und die physische Gestalt der Stadt den Interessen einer einzigen sozialen Gruppe zu unterwerfen.“

Der Eiffelturm New Yorks: The Vessel

Die Hudson Yards waren Bloomberg von Anfang an eine Herzensangelegenheit. Die letzte Brachfläche von Manhattan über den Gleisen des U-Bahn-Depots war dem Unternehmer schon immer ein Ärgernis. So nutzte er kurz nach seinem Amtsantritt die Olympiabewerbung der Stadt dazu, das Areal umzuwidmen.

Aus der Bewerbung wurde nichts, doch der Startschuss zur Entwicklung der Ecke von Manhattan, die keinen Profit abwarf, war gefallen. Und mit Steve Ross fand Bloomberg einen Partner, der nicht nur die tiefen Taschen für einen solches Mega-Projekt hatte, sondern auch Bloombergs Vision eines aufgeräumten, keimfreien Manhattans für die Wohlhabenden teilte. Motiviert wurde Ross von mehr als 5,6 Milliarden Zuschüssen aus Steuermitteln, deutlich mehr, als Amazon bekommen hätte.

Ein Ort für Superreiche jenseitzs des Schmutzes der Stadt.

Nun, da Bloomberg seit fünf Jahren nicht mehr im Amt ist, fragt sich New York freilich, ob die Hudson Yards ein Überbleibsel seiner Ära sind, die längst zu Ende gegangen ist oder ob die Epoche der Hypergentrifizierung der Stadt nie aufgehört hat. Der Eifer, mit dem Bloombergs Nachfolger de Blasio sich um Amazon bemüht hat, sowie die Fortsetzung von Bloombergs Planungspolitik durch den Mann, der eigentlich behauptet hatte, sich für größere soziale Gerechtigkeit stark zu machen, macht leider wenig Hoffnung. Gerade hat DeBlasio in Queens ein Areal von der siebenfachen Größe der Hudson Yards zur Entwicklung frei gegeben. Trost findet Justin Davidson alleine in der Tatsache, dass die Hudson Yards so stark vom Rest der Stadt abgetrennt sind. „Vielleicht“, so sein Kommentar, „schwebt die Gegend ja wie ein Raumschiff, das nicht landen mag, über der Stadt, während unter ihm das alte, chaotische, schmutzige und laute Leben von New York wie immer weitergeht.“

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