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Ernsthaft?!

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Von: Boris Halva

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Das waren noch fantasievolle Zeiten! „Arschfax“ war das Jugendwort des Jahres 2010 und beschreibt ein aus der Hose herausschauendes Etikett.
Das waren noch fantasievolle Zeiten! „Arschfax“ war das Jugendwort des Jahres 2010 und beschreibt ein aus der Hose herausschauendes Etikett. © Imago

Die Teenies von heute reden ja wie Boomer… Eine leicht ernüchterte Betrachtung der frisch gekürten Jugendworte „smash“, „bodenlos“ und „Macher“. Eine Glosse.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da wurde ein Jugendwort gewählt, das war so frech und voller Kraft, dass auch die Erwachsenen im ganzen Land, wenn sie dieses Wort hörten, nicht anders konnten, als sich vor Lachen zu krümmen. Also, natürlich haben nicht alle Erwachsenen Tränen gelacht, denn nicht alle Erwachsenen sind im gleichen Maße humorvoll oder selbstironisch; es soll sogar welche gegeben haben, die fanden es gar nicht lustig, dass die Jugend eine Ü-30-Party – also eine Fete, auf der sich nur Menschen tummeln, die über 30 sind – als „Gammelfleischparty“ bezeichnete.

Das war im Jahr 2008, und neben der wunderbaren Gammelfleischparty, die damals bei der ersten Wahl zum Jugendwort des Jahres auf Platz 1 gewählt wurde (und eines der schönsten, fantasievollsten und ja, auch lustigsten Jugendwörter ever ist!), kamen außerdem die „Bildschirmbräune“, eine elegante Brechung der Blässe von Computerfreaks, und der anregende Zustand des „Unterhopftseins“, kurz: die Lust auf Bier, zu Ehren.

Nun ist das Jahr 2008 noch gar nicht so lange her, aber an dieser Stelle muss leider gesagt werden: Früher war auch beim Jugendwort mehr Lametta. Okay, „hartzen“ statt arbeitslos rumhängen, das war frech und sogar ein bisschen politisch – und damit berechtigterweise Jugendwort 2009! Auch mit „guttenbergen“ statt abschreiben war das drittplatzierte Jugendwort 2011 ein Beleg für eine gewisse Sensibilität unter Teenies, dass nicht alle Autoritäten die Spielregeln einhalten. 2015 warfen die Jugendlichen zwischen zehn und zwanzig Jahren, die alljährlich bei der vom Langenscheidt-Verlag ausgerufenen Wort-Wahl abstimmen dürfen, mit „Smombie“ sogar einen kritischen Blick auf sich selbst: Bezeichnet doch das sogenannte Kofferwort, das aus „Smartphone“ und „Zombie“ gebildet wird, jene Menschen, die durch den steten Blick aufs Telefon nicht mehr an der Welt um sich herum teilhaben.

Abgesehen davon, dass es inzwischen auch Smombies in der Gammelfleischparty-Zielgruppe gibt, hat auch das Jugendwort an Witz und Wumms verloren. Die Liste ist ein einziger „Niveaulimbo“, jedes neue Jugendwort ein „epic Fail“, nur noch „Yolo“, „Yalla!“, „Babo“, „fly sein“, „isso“ und zuletzt das groteske „I bims“! Spätestens 2020 dürfte auch dem letzten Hoodie-tragenden Jugendzentrumsleiter klar geworden sein: Die Jugend ist so wie ihr damaliges Jugendwort: „lost“, verloren.

Aber damit das hier nicht alles in so ein düsteres Früher-war-alles-besser-Licht getaucht erscheint: Es hat ja auch was Beruhigendes, dass die Jugend wie eh und je ein Haufen von lost Smombies ist, die gediegen rumoxidieren und eigentlich gern fame oder wenigstens ein Ehrenmann oder eine Ehrenfrau wären, aber halt doch die meiste Zeit nur vor sich hin merkeln, jede Anregung von Erwachsenen als wyld empfinden und laut „sheesh“ rufen, wenn sie beim Napflixen gestört werden … Es muss ja auch nicht immer alles „swag“ und „bam“, lässig und cool sein, und es gibt sicher auch Boomer, die es fühlen, dass es voriges Jahr für manche Jugendlichen einfach zu krass war, miterleben zu müssen, wie „cringe“, ihr Wort 2021, von „Tagesschau“-Sprecherin Susanne Daubner live im linearen Fernsehen erklärt wurde.

„Smash“ also, und „bodenlos“

Das war sicher ein harter Fremdschämmoment, aber: Wie cringe ist es denn bitte, wenn die Jugend auf einmal so redet wie ihre Eltern?! Wenn da plötzlich ganz neoliberal von „Machern“ die Rede ist, also Menschen, die Dinge ohne Zögern umsetzen? Oder etwas als „bodenlos“ bezeichnet wird, das mies oder schäbig ist? Und auch wenn das frisch auf den ersten Platz gewählte „smash“ aus einem Datingspiel stammt und heute vor allem die Bedeutung hat, „jemanden aufzureißen“ oder „mit jemandem etwas Sexuelles anzufangen“, so gab es Smash auch schon in den Achtzigern! Meist in Kombination mit Hits, also: Smash Hits. Aber die waren auch ganz hilfreich dabei, jemanden aufzureißen. Und zwar lange vor den ersten Gammelfleischpartys.

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